Flugangst muss man gehen lassen

Ein Onlineseminar und ein Übungsflug in Begleitung eines erfahrenen Piloten zeigen: Flugangst verschwindet nicht, wie sie gekommen ist, von selbst. Betroffene müssen sie gehen lassen wollen. Das allerdings ist leichter gesagt als getan.

Mulmiges Gefühl an Bord: Passagierin mit Flugangst (Symbolbild).

Mulmiges Gefühl an Bord: Passagierin mit Flugangst (Symbolbild). Bild: Fotolia

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Als Kind, in der Jugend, bis hin zur Geburt des ersten Kindes war Flugangst kein Thema. Bei einem Lang­streckenflug war die grösste Sorge, dass kein guter Film laufen würde, bei einem kurzen, dass die Zeit für ein richtiges Essen zu knapp ist. Ursprung der Aviophobie, der Panik vor dem Fliegen, waren keinerlei negative Er­lebnisse. Sie war einfach plötzlich da, ohne nachvollziehbaren Grund.

Die Lust auf Ferien hat sie natürlich nicht ersetzt. Auch nicht die Einsicht, dass zwei Stunden in einem Flugzeug mit drei Kindern komfortabler sind als dreissig in einem Bus. Weiche Knie, Hyperventilation, Übelkeit und Schweissausbrüche gehörten also seither zu gewissen Reisen dazu. So viel zu den ange­nehmen Symptomen. Richtig schlimm sind für Flugangstbetroffene die Nächte vor den Flügen, die Angst vor der Angst, dem Kontrollverlust, dem qualvollen Sterben. Und statt sich dann über eine überlebte Hinreise zu freuen, schwebt die Panik vor dem Rückflug zwei Strandferienwochen lang wie eine dunkle Wolke vor der Sonne.

Und dann, auf einmal, diese ­Einladung der Fluggesellschaft Easyjet: Bekämpfung von Flugangst mittels eines von einem Angstexperten konzipierten On­linetrainings und eines an­schliessenden Fluges an der Seite eines Piloten! In Grossbritannien feiert die Airline mit dem Programm «Fearless Flyer» nach ei­genen Angaben bereits seit 2012 Erfolge. Über fünftausend verängstigte Menschen soll es schon davon überzeugt haben, dass ein Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel überhaupt ist. Und Fliegen eine entspannte Angelegenheit. Dieselbe Kur soll Aviophoben nun auch in anderen Ländern Europas vergönnt sein. Für einen Flugangsthasen klingt das alles erst einmal so dubios wie der ­vermeintliche Beruhigungsfakt, dass ein Flugzeug nach Ausfall beider Triebwerke noch kilo­meterweit gleiten und sicher landen kann. Aber gut: Nützt es nichts, so schadet es nichts.

Schon nach wenigen Minuten ist klar: Dieses Onlineseminar ist interessant. So lernt man etwa alle möglichen Flugzeugge­räusche kennen und deuten, das verunsichernde Anschnallsignal oder dieses «schöne, solide Klunk», wie ein Pilot mit leuchtenden Augen das Aus- und Einfahren der Räder beschreibt. Man lernt, dass Rauschen und Ruckeln normal ist und auch die eigene Verkrampftheit diesbezüglich. Ausserdem wird einem der Unterschied zwischen rationaler und irrationaler Angst plausibel erklärt und gute Techniken zur selbstständigen Angstbekämpfung gezeigt. Es bringe beispielsweise nichts, sich stets den baldigen Tod vor Augen zu führen. Besser sei es, sich zu überlegen, wie der Flug so an­genehm wie möglich gestaltet werden könne. Oder durch welche schönen Bilder sich erdachte Absturzszenarien ersetzen lassen.

Keine Vorwarnung gibt es in dem ganzen Seminar vor der eigenen Trotzreaktion. Eine Art Unwillen, die Flugangst wegen ein paar läppischer Gegenargumente und ein paar Aussagen flugbegeisterter Menschen loszulassen. Die Angst gibt doch auch eine gewisse Sicherheit. Zumindest die Sicherheit, es im Fall eines Absturzes ja immer schon gewusst zu haben. Mit der Furcht zu leben, scheint auf einmal einfacher, als zu vertrauen. Sich geschlagen zu geben. Von Flugangstheilung kann nach diesem Onlinekurs also noch nicht die Rede sein.

Jean-Marc Thévenaz ist nicht erstaunt, das zu hören. Der langjährige Pilot und CEO von Easyjet Schweiz, der den Onlinekurs mit einer persönlichen Flugbegleitung von Genf nach London krönt, sitzt an diesem nahezu wolkenlosen Herbstabend nicht zum ersten Mal neben einer Passagierin mit Flugangst. Das mulmige Gefühl verschwinde wohl nie ganz, sagt er. Und wenn, dann daure das lange.

Er plaudert weiter, betont, wie traumhaft die Wetterverhältnisse sind und wie absolut un­gefährlich dieser Flug. Überhaupt sei die gesamte Flugfahrt sehr sicher, sagt er, der in der Maschine noch nie ernsthaft Angst hatte. Mit Autopilot fliege ein Flugzeug sogar noch ge­schmeidiger als vom Menschen gesteuert. All die Notlandungen, die er bisher erlebt habe (er spricht von wöchentlichen Er­eignissen), hätten wegen kranker oder zu stark alkoholisierter Menschen an Bord vorgenommen werden müssen.

Während Thévenaz erzählt, schwärmt, Flugbewegungen er­läutert, auf Geräusche aufmerksam macht und entspannt an seinem Apérogetränk nippt, rückt die Angst automatisch in den Hintergrund. Ein paar Tage später, beim Rückflug, ist diese Form der Ablenkung leider nicht mehr da. Aber die Motivation, auch mal so lässig im Sitz zu fläzen wie ein Flugbegeisterter. Zu vertrauen, loszulassen, auch wenn die Kon­trollabgabe einst der Hauptgrund für die ganze Flugpanik war. Und tatsächlich, es funktioniert, wenn man es will. Zum ersten Mal seit Beginn der Flugangst war die aktuelle Lektüre wieder wichtiger als das panische Deuten von Gesichtszügen der Crewmitglieder. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.09.2017, 11:17 Uhr

«Fearless Flyer»

Der Onlinekurs von Easyjet kostet 47 Euro, besteht aus 16 Videomodulen und dauert rund 150 Minuten. In den auf Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch abrufbaren Clips, die sich den psychologischen und technischen Ängsten widmen, werden praktisch alle Fragen beantwortet, die sich Flugangstbetroffene stellen: Was bedeuten die Geräusche? Was passiert, wenn ein Triebwerk ausfällt? Es werden Techniken gezeigt, die dabei helfen sollen, den Flug vom Angst- zum posi­tiven Erlebnis zu machen.mia

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