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Ewige Werte

Was jenseits der Jahre und Jahreszeiten gut und richtig bleibt.

Tanzen, bis die Seele im Refrain aufgeht: Kevin Kline in «In & Out» von Frank Oz
Tanzen, bis die Seele im Refrain aufgeht: Kevin Kline in «In & Out» von Frank Oz
DDP Images

Die Baustelle Der Mensch, aus dem ewigen Dunkel stammend, im ewigen Dunkel endend, vermag oft nicht, das Wahre vom Schein zu unterscheiden. Was im Leben zählt, ist meist nicht das, was gefällt; und das vermeintliche Übel ist im Kern gut. Zum Beispiel die Baustelle: gehasst von Autofahrern, Passantinnen, Nachbarn. Wahrgenommen als Lärm, Dreck und Staub, verleumdet als linkes Instrument der Verkehrsbehinderung. Doch was ist hinter dem Staub? Hinter dem Stau? Die Erneuerung, Renaissance aktuell! Aus löchrigen Holperpisten werden glatt asphaltierte Kuschelstrassen, aus bröckelnden Kanälen eine funktionierende Kanalisation, aus Bruchbuden Mieterpaläste. Die Baustelle ist der Jungbrunnen der Stadt, Zeichen gesunder Wirtschaft, Tatbeweis des Zukunftsglaubens. Und die Bauarbeiter sind die Botschafter dieser kräftigen Zukunft, weshalb sie zu Recht die Krone tragen – den gelben Helm. Jürg Rohrer

Der Kronberg, die ewige Knolle Der Kronberg ist schon ein paar Millionen Jahre da und wird weitere Millionen Jahre bleiben. Mein ewiger Wert unter den vielen charismatischen Erhebungen im Land ist diese gewaltige Kartoffel aufgrund ihrer Vielseitigkeit. Gegen Norden ist «dä Chroberg», mit einer Seilbahn bestückt, Publikumsflanke und Seilparkspektakel. Still und mystisch hingegen die Südostflanke samt dem Pilger-Kapellchen «unserer lieben Frau vom Ahorn». Oben isst man gut, rundum in Wirtschaften wie der urchigen «Blattendürren» oder der «Scheidegg» auch. Doch anderseits gibt es die wie mit dem Sackmesser gezogenen Nagelfluh-Schrunden hinab zum Rossfall; wehe dem, der sich dort hineinwagt. Der Kronberg ist Genuss und Drohung, ist zahm und wild, meine Faszination für ihn währt lebenslänglich. Thomas Widmer

Der Herzschlag Es ist Nacht, du stehst am Fenster. Du siehst hinaus ins Dunkel und denkst fast nichts. Und dann hörst du dein Herz. Du hörst seinen Schlag, das Stampfen einer Maschine, aber mit einem deutlichen Flattern zielloser Ungeduld. Und plötzlich erkennst du dich wieder: So bist du an Fenstern gestanden, als Kind mit 7, als Verliebter mit 17, als Berufsmensch mit 30. Sicher, von Zeit zu Zeit sieht dich deine Mutter prüfend an und sagt: «Das Baby deines Namens existiert nicht mehr.» Und du gibst ihr recht. Aber dann, eines Nachts, hörst du plötzlich dein Herz wieder und weisst, dass das nicht stimmt. Dass du derselbe bist wie bei deiner Geburt. Und dass nichts in deinem Leben Bestand hat ausser der Leere und dem Hunger. Constantin Seibt

Das Schüleretui Es ist nicht so schwer wie ein Backstein, aber es liegt fast so unhandlich in der Hand: Das Schüleretui gehört bis heute zur Grundausrüstung in der Volksschule. Es sieht auch immer noch gleich aus wie früher, als nicht Facebook, sondern der Rechenschieber en vogue war. Ob aus Kunstleder oder fellbezogen: Im rechteckigen Etui warten Farb- und Bleistifte in Reih und Glied darauf, dass man mit ihnen auf Papier kritzelt, der Spitzer bringt die Müden wieder in Form, der Radiergummi bügelt die Fehler aus. Der Füller hilft, Unsicherheiten zu verstecken: Alles sieht gleich viel besser aus. Und für klare Linien sorgen Massstab und vielleicht schon ein kleiner Zirkel. Auf das Etui ist jedenfalls im Auf und Ab des Schulalltags Verlass. Es nützt in allen Lebenslagen: als Ordnungs- und Lösungshilfe bei den Aufgaben, als Ablenkung im langweiligen Unterricht (es lässt sich hervorragend bemalen) und als Wurfgegenstand, der im Gegensatz zu einem Backstein beim Zielobjekt keine Verletzungen hinterlässt. Alain Zucker

Die Liebenswürdigkeit von Fremden Manchmal ist man ja «muudrig». Hat schlechte Laune. Einfach so, weil man mit dem linken Bein aufgestanden ist. Oder nichts läuft, wie es sollte. Und dann steht man in der Migros vor den Joghurts und macht gar kein freundliches Gesicht, bis eine wildfremde Frau sagt: «Kompliment für Ihre Schuhe, die sehen grossartig aus.» Und man guckt die Frau an, überlegt, ob man ihr um den Hals fallen soll, weil sie genau das getan hat, was das Englische so wunderbar auf den Punkt bringt: You made my day. Es sind vor allem die kleinen Dinge, die den Alltag heller machen, wenn er grad blöd und grau ist. Wenn einen jemand anlächelt, einem die Tür aufhält. Sich mit einem SMS oder einem Kärtchen bedankt. Ein Kompliment macht. Eine liebenswürdige, winzige Geste, die einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Effizienter gehts gar nicht: wenig Aufwand, grosse Wirkung. Das müsste in der heutigen daueroptimierten Gesellschaft erst recht einleuchten. Bettina Weber

Die Schweizer Bahnhofsuhr Immer beim Einfahren aus dem Ausland wird zifferblattklar, dass sie die beste Uhr ist von allen: funktional und schön, schmucklos und elegant, präzis, unaufgeregt. Zeitlos. Eine tröstliche Ruhe geht von den schwarzen Strichen aus, die von den Zeigern ohne Hast abgefahren werden. Dabei misst die Schweizer Bahnhofsuhr die Zeit nicht nur, sie hält sie sogar an: Immer zuoberst bleibt der rote Sekundenzeiger einen Moment lang stehen, bevor er in die neue Minute, die neue Stunde, den neuen Tag, das neue Jahr, das nächste Jahrhundert wegschwimmt. Jean-Martin Büttner

Brot und Käse Es mag Gaumenfreuden geben, die lieblicher oder aufregender sind. Was gibt es auf der Welt nicht alles kulinarisch zu entdecken: von Aal in Gelee, Bouillabaisse und Cannelloni über Dolmadas, Erwtensoep, Falafel und Gazpacho, Kimchi, Laksa und Masala Dosai bis hin zu Rendang, Sushi und Tom Yam, Xiaolongbao, Yufka und Zwetschgenknödeln. Man könnte endlos schlemmen. Und würde doch etwas vermissen: Brot und Käse. Mehr braucht es nicht, um sich zu Hause zu fühlen: eine Scheibe Paillasse mit Appenzeller, Greyerzer oder Vacherin. Wirklich nicht. Ausser vielleicht ein paar Nüsse und ein Glas Weisswein. Manuela Kessler

Alleine tanzen Ewig gut: tanzen. Und zwar auf die zweckbefreite, perfektionslose, Videoclip-untaugliche Art. So, dass es nicht gut aussieht, sich aber alltagssprengend anfühlt. Wie früher oder wie noch gar nie. Tun Sie es! Aufgebretzelt im Club oder noch besser: allein und geheim im Schlafzimmer. Tanzen Sie so lange, bis der Schweiss ins Décolleté rinnt, die Fusssohlen brennen, die Frisur davonfliegt und der Bart perlt. Bis Ihnen die Seele aufgeht im Refrain, im Jodel, im Beat. Bis Sie endlich an nichts mehr denken. An keine Krise, keine Kinder, kein Büro, keinen Boss, keine Deadlines, keine Dramen, keinen Aufriss, keinen Korb, kein Laster, keine Last, keinen Frust. Funktioniert immer, kostet nichts, Verspannungen lösen sich von selbst. Corina Freudiger

Die Zahl Pi Auch Einstein währt nicht ewig. 2011 haben die Teilchenschleuderer am Cern die Relativitätstheorie ins Wanken gebracht. Sollten gewisse subatomare Partikel tatsächlich schneller als das Licht unterwegs sein, müssen wir Physik neu denken. Gut, dass in der Mathematik die Kreiszahl bleibt: Pi, die schönste Konstante im Kosmos. Heute und hoffentlich immer lautet sie, auf 100 Kommastellen gerundet: 3,14159 26535 89793 23846 26433 83279 50288 41971 69399 37510 58209 74944 59230 78164 06286 20899 86280 34825 34211 70679. Pi beschreibt das Verhältnis des Kreisumfangs zum Kreisdurchmesser. Pis Zauber liegt in der Tiefe, dem unendlichen und irrationalen Zahlenfortgang. Numerologen werden auch in Zukunft den Verstand verlieren beim Versuch, eine Regelmässigkeit zu entdecken. Und die Gedächtnissportler werden memorierte Pi-Kommastellen rezitieren, bis die Welt untergeht. Die Apokalypse wird sie nicht schrecken, nur belästigen. Wer im unruhigen Fluss von Pi watet, dessen Kreise störe man nicht. David Hesse

Die Totenbeinli der Migros Beim Einkaufen beiläufig an die Endlichkeit erinnert zu werden, das hat etwas. Und dann noch mit einer Backware, die das Weiterleben so schön macht. Es soll tatsächlich Leute geben, die längere, breitere, irgendwie anders gebackene Exemplare vorziehen. Aber wir lassen uns nicht beirren: Die Totenbeinli der Migros sind die besten. Nicht zu lang, nicht zu breit, nicht zu kurz. Von der Konsistenz perfekt, um zusammen mit cremeartigen Substanzen eingenommen zu werden. Leicht zu brechen, aber hart genug. In der handlichen Packung für den lebensfrohen Single, als Familienversion zum Weiterverteilen. Totenbeinli: eine existenzielle Erfahrung und ein kannibalistischer Mehrwert. Jean-Martin Büttner

Der Zapfenzieher Unscheinbar währt oft am längsten. Zum Beispiel der Korkenzieher: Er steht für die Verschmelzung von verblüffender Physik und der Sinnlichkeit seiner Handhabung. Sein Design widersteht allen Erneuerungs- und Verbesserungsversuchen seit Jahrhunderten. Elektrische oder gasbetriebene Zapfenzieher haben sich nie durchgesetzt. Wieso? In der elegant gewundenen Spirale manifestiert sich das letztendliche Prinzip des Form Follows Function. Die Drehbewegung hebt die Kräfte, die den Korken in der Flasche halten, optimal auf. Es gibt keine noch so futuristische Vision eines Korkenziehers, die der einfachen Spirale für das Entkorken den Wein reichen kann. Matthias Meili

Der Kater nach dem Fest Die Realität gibts nicht gratis. Der Preis für den Weg zurück aus der Welt des Rausches ist der Kater: Kopfweh, Selbstmitleid, schlechte Laune. Man kann sich fragen, ob die Realität so attraktiv ist, dass man für den Weg dorthin noch etwas bezahlen soll. Doch ist zu bedenken: Der Kater ist so alt wie der Rausch, also sehr alt und damit eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Schon deshalb verdient er Respekt. Dazu kommt: Jedem Kater geht eine – mehr oder weniger monumentale – Zügellosigkeit, Unvernunft, Irrationalität und Übertreibung voraus. Wir sollten dem Zustand danach dafür dankbar sein. Das Leben wäre entschieden langweiliger und die Menschheit um ein paar Geniestreiche ärmer, wenn alle und alles immer gezügelt, vernünftig, rational und massvoll vonstatten ginge. Schliesslich: Es gibt keine Party ohne Schmerzen hinterher. So gesehen ist der Kater Schmerz gewordene Erinnerung. Umso besser, wenn das Objekt der Erinnerung erfreulich ist. Entscheidend aber ist: Erinnern ist immer besser als Nichterinnern. Sogar mit Kopfweh. Hannes Nussbaumer

Der Glaube an die Zukunft Über Werte lässt sich streiten, es gibt ideelle, materielle, moralische. Und weil der Herrgott verschiedene Kostgänger hat, wie sich meine Grossmutter auszudrücken pflegte, gehen die Meinungen darüber auseinander, welche Werte ewig beziehungsweise ein bisschen ewiger als andere sind. Doch auch in Zeiten von Fukushima, Finanzkrise und Existenzängsten muss sogar ein harter Materialist gestehen, dass ein Euroschein weniger weit reicht als Werte wie Gottvertrauen und Optimismus. Denn ohne kommt keine Sache in Schwung und auch nie zu einem guten Ende. Es braucht den Glauben an eine Zukunft – selbst dann, wenn sie uns nicht mehr selber betrifft. Das Leben ist an sich schon liebens- und lebenswert – notfalls auch ohne die Menschheit. Erwin Haas

Die pünktliche «Tagesschau» Egal, was mit der Welt passiert – um 19.30 Uhr kommt die «Tagesschau». Und egal, was in der «Tagesschau» passiert – um 20 Uhr endet der tägliche Gottesdienst mit dem Wetter. Die «Tagesschau»: zuerst die Schlagzeilen, untermalt mit einer sonoren, leicht dramatisierenden Stimme. Dann die Moderation, wohlfrisiert, distinguiert, mit offenem Blick in die Kamera, die Hand auf dem Stehpult, Videowände im Hintergrund. Was folgt: Berichte aus dem In- und Ausland, die Einspielung eindrücklicher Bilder, besorgte Korrespondenten vor Ort, O-Töne, Studioexperten – schliesslich der Verweis auf die boulevardisierte Schwester «10 vor 10». Wenn es auf der Welt einigermassen normal läuft, ist der Inhalt der «Tagesschau» sekundär. Entscheidend ist, dass sie kommt – pünktlich um 19.30 Uhr. René Staubli

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