«Erziehen ohne Strafen funktioniert»

Katia Saalfrank ist bekannt als die Super Nanny. Dass viele bei ihrem Namen an die «stille Treppe» denken, findet sie überholt. In ihrem neuen Buch erklärt die Pädagogin, wie man ganz ohne Strafen und Auszeiten erzieht.

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Frau Saalfrank, kann man Kinder überhaupt ohne Strafen erziehen?
Katia Saalfrank: Ja. Es geht nicht automatisch, und manchmal braucht die Umsetzung Zeit, aber es ist möglich. In meinen Ver­anstaltungen früher habe ich erzählt, wie ich es mache. Heute sind meine vier Söhne erwachsen. Sie gehen offen, wertschätzend und selbstbewusst ins Leben und gestalten es so, wie es ihnen entspricht. Das freut mich. Ich weiss also aus eigener Erfahrung, dass Erziehen ohne Strafen funktioniert.

Wie funktioniert es?
Zunächst ist es eine bewusste Entscheidung. Viele Eltern spüren, dass Strafen ihre Beziehung zu den Kindern belastet und auch kraftraubend ist. In der bindungs- und beziehungsorientierten Pädagogik geht es darum, das Verhalten des Kindes als wertvolles Signal wahrzunehmen. Wenn ein Kind beispielsweise aggressiv ist und haut, dann reagieren die meisten Erwachsenen erschrocken, massregeln das Kind und verhängen häufig auch Konsequenzen. Zum Beispiel werden Kinder in Kitas dann für eine ­bestimmte Zeit aus der Gruppe ausgeschlossen. Das ist in den meisten Fällen nicht konstruktiv.

Warum?
Wir erfahren so nichts über die Beweggründe und die innere Not des Kindes. Stattdessen bewerten wir ausschliesslich das Verhalten und werten den kleinen Menschen ab. Auch das Kind erfährt nichts darüber, was in ihm vorgeht. Im Gegensatz zu einem Erwachsenen kann es seine Gefühle nicht benennen. Es kann nicht sagen: «Das ärgert mich richtig!», «Das macht mich traurig» oder auch «Du fehlst mir». Wenn man bei Schmerz, Angst oder Wut keine Möglichkeit hat, sich gut auszudrücken, äussert sich das in Aggressivität. Bestraft man ein Kind nun für seine Reaktion, lernt es im schlimmsten Fall, dass es seine Gefühle unterdrücken muss, um dazuzugehören.

«Viele Eltern spüren, dass Strafen ihre Beziehung zu den Kindern belastet und auch kraftraubend ist.»

Mit Ihnen in der Fernsehsendung «Die Super Nanny» wurde der Begriff «stille Treppe» bekannt. Sie haben früher also auch bestraft, indem Sie Aus­zeiten verordneten.
Das Format «Die Super Nanny» kommt aus England und beinhaltete ein verhaltenspädagogisches Konzept. Für das Fernsehen scheinen solche Konzepte passend, weil man einen plakativen Vorher-nachher-Effekt zeigen kann. Leider propagieren auch heute noch viele Kollegen verhaltensorientierte Konzepte. Von Büchern wie «Jedes Kind kann Regeln lernen» bis hin zum Er­ziehungsprogramm «Tripple P» werden entsprechende Tipps und Tricks vermittelt. Ich halte dies – und das habe ich auch schon damals mit den Senderverantwortlichen besprochen – für destruktiv, weil das Kind sich dann zwar anpasst, aber seine Grenzen überschritten werden.

Wieso haben Sie denn trotzdem bei der Sendung mitgemacht?
Nach den ersten Sendungen habe ich mich klar positioniert und das verhaltenspädagogische Element nicht mehr ausgeführt. Ich setzte stattdessen auf die bindungs- und beziehungsorientierte Pädagogik.

Viele assoziieren Sie trotzdem nach wie vor mit der «stillen Treppe». Stört Sie das?
Nein, dieses Merkmal gehörte einfach mit zu den Anfängen der Sendung dazu. Dass sich das jedoch sehr schnell verändert hat, auch.

«Wenn man bei Schmerz, Angst oder Wut keine Möglichkeit hat, sich gut auszudrücken, äussert sich das in Aggressivität.»

Wer kommt denn heute zu Ihnen in Ihre Praxis an bester Lage hier in Berlin? Prominente, ­Reiche oder auch ganz normale Durchschnittsbürger?
Die ganze Bandbreite, auch der normale Durchschnittsbürger. Es ist mein Anliegen, alle in irgendeiner Form beraten zu können. So biete ich Begleitung und Beratung für einen kleinen monatlichen Beitrag in einer Onlinewerkstatt an. Es gibt die aufwendigere prozessbegleitende Beratung mit Hausbesuchen und Coachings und die Impulsberatung. Dort reicht ein Termin oft schon dafür aus, im Alltag weiterzukommen.

Kann sich zum Beispiel eine Verkäuferin einen Termin bei Ihnen überhaupt leisten?
Den leistet sie sich. Ich weiss es sehr zu schätzen, dass meine Klienten sich für ihre Familie entscheiden und sagen: «Ich kaufe mir jetzt keine neue Hose, sondern leiste mir eine individuell auf uns zugeschnittene Beratungsstunde, um meine Kinder besser zu verstehen.»

Ein Beispiel, das in vielen Familien zu Streit führt und häufig in Strafen endet: Im Kinderzimmer herrscht ein riesiges Chaos. Wie schaffe ich es, dass das Kind tut, was ich sage, und aufräumt?
Die Frage ist aus meiner Sicht so verkehrt gestellt. Es sollte in der Beziehung zu Kindern nicht ­darum gehen, ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen oder zu unterdrücken. Das Ziel ist für mich, sich miteinander auszutauschen, sich zuzuhören, zu verstehen, was ein anderer sagt, denkt und fühlt, und so in einen Dialog zu kommen. Kinder sind Teamworker, sie tun uns jeden Tag zig Gefallen. Wir Eltern vergessen dies oft und geraten dadurch in einen Machtkampf. Ein Auslöser für Machtkämpfe kann auch sein, wenn das Verhalten des Kindes auf frühe Verletzungen trifft, die wir selbst erlitten haben. Dann fühlen wir uns schnell angegriffen und/oder nicht ernst genommen und reagieren schlecht. Deshalb ist es sinnvoll, dass Eltern sich auch fragen, wieso gewisse Situationen sie so sehr ärgern.

«Es sollte in der Beziehung zu Kindern nicht ­darum gehen, ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen oder zu unterdrücken.»

Und dann lässt man die ­Unordnung einfach sein?
Darum geht es erst mal gar nicht. Es geht um die Art und Weise, wie man miteinander umgeht. Ich hatte gerade eine Mutter hier. Der Vater hat dem 17-jährigen Kind das ganze Zimmer ausgeräumt, weil er sich über das Chaos ärgerte. Das ist eine massive Grenzüberschreitung! Wie soll denn ein Kind lernen, die Grenzen von uns Eltern und anderen zu respektieren, wenn man dessen eigene völlig missachtet?

Diese Reaktion des Vaters ist vielleicht übertrieben. Aber Sie klingen so, als seien Eltern ziemlich hilflos.
Hilflos? Manchmal fühlt es sich vielleicht so an, weil nicht sofort klar ist, wie eine Lösung aussehen kann. Es geht darum, den andern zu verstehen. Ich kann versuchen, nachzuvollziehen, dass dem anderen eine Sache wie etwa das Aufräumen offensichtlich nicht so wichtig ist wie mir. Bei der Reaktion spielt dann natürlich das Alter eine gewisse Rolle. Bei einem Teenager, von dem wir irgendwann eine gewisse Selbstständigkeit erwarten, ist es doch gut, wenn er einen Raum hat, wo er seine Eigenständigkeit ausprobieren kann. Wo ginge das besser als bei uns zu Hause? Das ist für uns Eltern manchmal nicht leicht, und doch steht es einem Teenager zu.

Und bei kleineren Kindern?
Mit ihnen kann man wunderbar gemeinsam aufräumen. Viele Eltern erwarten, dass ihre Kinder Dinge wie Anziehen, Zähneputzen und Aufräumen allein machen. Nach meiner Erfahrung liegt das daran, dass wir meistens mehrere Sachen gleichzeitig tun. Wir ziehen uns etwa an und rufen zum Kind hinüber: «Putz doch schon mal deine Zähne.» Doch das klappt häufig nicht.

«Für Kinder ist es entscheidend, dass sie in ihren Eltern Persönlichkeiten erleben, dass sie sich sicher binden ­können.»

Wieso?
Weil Kinder es mit uns zusammen tun wollen, nicht allein! Ausserdem können sie nicht unendlich kooperieren. Sie tun es bereits wahnsinnig oft am Tag, das bemerken wir häufig gar nicht. Viele Eltern wecken ihre Kinder früh am Morgen, bringen sie in die Kita. Dort passen sie sich in ihre Gruppe ein, interagieren mit den Erzieherinnen, das ist eine grosse Herausforderung und anstrengend. Am Nachmittag holen die Eltern die Kinder dann ab, gehen vielleicht noch auf den Spielplatz oder besuchen die Oma – das ist extrem viel.

Aber es ist so, wie die meisten Familien heute leben.
Viele Eltern stehen unter enormem Zeitdruck, das stimmt. Und sie tragen trotzdem die Verantwortung für ihr Leben, und sie können auch viel gestalten. Wer nur durchs Leben hetzt und sich gar nicht mehr richtig spürt, der verliert den Kontakt zu sich und erlebt auch wenig Verbindung zu anderen. Für Kinder ist es entscheidend, dass sie in ihren Eltern Persönlichkeiten erleben, dass sie sich sicher binden ­können.

Wie haben Sie früher für solche Momente gesorgt mit einem vollen Terminkalender und vier Kindern?
Bei uns gab es eine Zeit, da sind wir sehr früh, um fünf Uhr morgens, aufgestanden. Wir hatten gemerkt, dass es für die Kinder wichtig ist, dass sie nicht in einer Tageseinrichtung frühstücken, sondern wir alle gemeinsam zu Hause. Noch heute ist das Frühstück eine kostbare Familienzeit.

«Mit Kuschelpädagogik hat das gar nichts zu tun. Die Führungsverantwortung liegt ganz klar bei den Eltern.»

Wenn man stets macht, was die Kinder wollen, dann entspricht das doch der viel gescholtenen Kuschelpädagogik.
Mit Kuschelpädagogik hat das gar nichts zu tun. Die Führungsverantwortung liegt ganz klar bei den Eltern. Es geht vielmehr um die Art und Weise der Führung. Übertrete ich dabei die Grenzen des anderen, oder kann ich mich – trotz anderer Meinung – wertschätzend und klar positionieren? Das fällt leider vielen Erwachsenen schwer. Häufig, weil sie es selbst nicht anders erlebt haben. Und: Verständnis für ­jemanden zu haben, bedeutet nicht, einig mit ihm zu sein. Ich kann sehr klar sagen: «Ich höre, was du sagst, ich kann es auch nachvollziehen aus deiner Position heraus, ich bin trotzdem anderer Meinung.»

Sie schreiben in Ihrem Buch, Wenn-dann-Sätze seien im Grunde bereits Strafen.
Im juristischen Sinne handelt es sich um Nötigung.

Aber manchmal muss es schnell gehen, und dann behelfen sich Eltern eben mit solchen Sätzen.
In der Regel kann man das Problem auch anders lösen. Sie können auch später zu Hause in einem ruhigen Moment Ihr Kind fragen: «Kannst du dich erinnern, das letzte Mal lief das und das nicht so gut? Was meinst du, wie könnten wir es künftig anders machen?»

«Es gibt zahlreiche Erwachsene, die zu mir in die Praxis kommen und Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu formulieren und sich abzugrenzen.»

Was ist denn das Problem, wenn Eltern mal betonen: «Jetzt reicht es mir, jetzt läuft es so, wie ich sage?»
Wenn Eltern dieses «Jetzt reicht es mir» mit Strafen oder Konsequenzen durchsetzen, wird das Kind als Person infrage gestellt. Langfristig wird sein Selbstwert beschädigt. Oft entwickeln Kinder dann Strategien, um ihre emotionalen Grundbedürfnisse auf andere Weise zu erfüllen. Sie werden vielleicht anstrengend und suchen dadurch nach Kontakt und Zuwendung. Mädchen tendieren häufiger dazu, sich extrem anzupassen, und lernen: Ich darf nicht Nein sagen. So werden bestimmte Bindungs- und Beziehungsmuster angelegt, die oft bis ins hohe Erwachsenenalter nachwirken. Es gibt zahlreiche Erwachsene, die zu mir in die Praxis kommen und Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu formulieren und sich abzugrenzen.

Wieso denken Sie, ist Erziehen heute für viele Eltern so anstrengend?
Zu einem grossen Teil liegt es an den Erwartungen der Gesellschaft und dem Druck, dem Eltern ausgesetzt sind. Ich habe es selbst erlebt, als ich Anfang 20 Mutter wurde. Jeder wollte mitreden, wie wir unsere Familie gestalten. Auch die Kitas und Schulen stehen unter Druck. Schnell heisst es: «Ihr Kind spricht nicht richtig, es kann noch nicht auf einem Bein stehen, es haut andere, es ist auffällig, wollen Sie nicht mal zum Arzt gehen?» Das verunsichert. Und dieser Druck macht es schwer, das Kind so zu sehen, wie es ist, und ihm Zeit für seine Entwicklung zu geben. Dabei ist alles, was Eltern brauchen, um ihr Leben mit Kindern gestalten zu können, bereits in ihnen angelegt. Ich habe grosses Vertrauen in Eltern und ihre Fähigkeiten.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 06.11.2017, 11:58 Uhr

Katia Saalfrank im Gespräch

Statt eines Namens steht unauffällig «Private Praxis» neben der Türklingel. Katia Saalfrank, die in ihrer Rolle als Super Nanny beim Fernsehsender RTL berühmt wurde, muss sich offensichtlich vor zu viel Interesse schützen. Die Praxis der 45-Jährigen befindet sich an bester Lage am Kurfürstendamm in Berlin. Die ehemalige Wohnung verströmt gemütlichen Altbaucharme. Im grösseren der beiden Zimmer liegen Kissen, Matratzen und verschiedene Musikinstrumente am Boden. Sie sei ja nicht nur Pädagogin, sondern auch Musiktherapeutin, erklärt Katia Saalfrank.

Von 2004 bis 2011 war sie als Super Nanny am Bildschirm zu sehen. Der Sender RTL präsentierte sie als «Katharina Saalfrank». So nenne sie aber niemand, der sie kenne, sagt Katia Saalfrank. Offizielle Begründung für das plötzliche Aus der erfolgreichen Sendung im November 2011 waren sinkende Quoten. Wenige Wochen vorher hatte es allerdings einen Eklat gegeben. Ein Kind war vor laufenden Kameras geschlagen worden. Kurz darauf kündigte Katia Saalfrank ihren Vertrag.

Im Gespräch zeigt die Pädagogin die gleiche Mischung aus Fürsorglichkeit und klarer Abgrenzung, mit der sie schon als Super Nanny viele Zuschauer begeisterte. So bereitet sie sofort frischen Tee zu für den Besuch, fragt, ob der Flug okay gewesen sei und ob man sich den Termin gut habe einrichten können. Aber wenn man kritische Fragen zu ihrer Super-Nanny-Zeit stellt, dann gibt sie unmissverständlich zu verstehen, dass sie lieber über ihr neues Buch reden würde. Es heisst «Kindheit ohne Strafen» und ist gerade im Beltz-Verlag erschienen. Darin erklärt sie, wie Eltern auf wertschätzende Art mit ihren Kindern umgehen können, ohne in einen Machtkampf zu geraten.

Katia Saalfrank ist verheiratet und hat vier Söhne im Alter von 18, 20, 21 und 23 Jahren. mjc

«Ich habe grosses Vertrauen in Eltern und ihre Fähigkeiten», sagt die ehemalige Super Nanny Katia Saalfrank. (Bild: Imago)

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