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«Einen Völkermord kann man psychisch kaum verarbeiten»

Die Psychotherapeutin Elisabeth Steiner betreut in Ruanda Überlebende des Genozids von 1994. Besonders die Gedenkwoche wecke bei Opfern grausame Erinnerungen.

Mitte Juli 1994 waren schätzungsweise 800'000 Menschen ums Leben gekommen: Volksstämme in Ruanda.
Mitte Juli 1994 waren schätzungsweise 800'000 Menschen ums Leben gekommen: Volksstämme in Ruanda.
Keystone

Seit dem 5. Februar befindet sich die Zürcher Psychotherapeutin Elisabeth Steiner in Ruanda, wo sie – noch bis zum 19. Mai – als Volontärin für die Association Modeste et Innocent (AMI) arbeitet. Diese Nichtregierungsorganisation versucht die Aussöhnung zwischen Hutu und Tutsi zu fördern – also jene Volksstämme zum nachhaltigen Frieden zu bewegen, die als Täter (radikale Hutu) und Opfer (Tutsi und gemässigte Hutu) in den Genozid von Ruanda involviert waren, dem zwischen dem 6. April und Mitte Juli 1994 schätzungsweise 800'000 Menschen zum Opfer fielen.

Steiner, die schon 1999 in Kosovo in einem Konfliktgebiet im Einsatz war, kümmert sich in Ruanda um die Überlebenden des Völkermords. Besonders gefordert ist sie dabei in der Gedenkwoche vom 6. bis 13. April. Bei diesen stets im Frühjahr stattfindenden Veranstaltungen, Ansprachen und Prozessionen zu den Memorial-Zentren litten viele Betroffene extrem unter wiederkehrenden Traumata, erklärt sie am Telefon.

Frau Steiner, was genau will man mit dieser Gedenkwoche erreichen?

Ruandische Psychotherapeuten vertreten die Meinung, dass die Erinnerung an den Genozid den Opfern hilft, sich psychisch zu rehabilitieren. In diesem Sinne soll die Gedenkwoche eine therapeutische Wirkung haben.

Wie aber soll das funktionieren, wenn viele Überlebende gerade wegen dieser Gedenkwoche unter wieder wachgerufenen, grausamen Erinnerungen leiden?

Die makabren Szenen des Genozids nochmals zu durchleben, das ist für Betroffene tatsächlich unvorstellbar grausam. Die ruandische Regierung ist jedoch überzeugt, dass dieser jährliche Anlass hilft, die «genozidäre Ideologie» auszuradieren . . . und dass er somit auch dazu beiträgt, dass sich diese Tragödie nie wiederholt.

Teilen Sie diese Meinung?

Ja, absolut.

Weshalb?

Einerseits ermöglicht diese Woche den Opfern, dass sie sich in ihrem Schmerz anerkannt fühlen. Für andere ist es die einzige Gelegenheit, tote Angehörige zu betrauern. In Massengräbern werden bis heute jedes Jahr neue Leichen entdeckt, die dann während der Gedenkwoche in Würde beerdigt werden. Überhaupt hat sich diese Gedenkwoche verändert, und zwar zum Guten. Die Behörden haben viel dazugelernt. Die Reden, die früher oft emotional aufgeladen waren, sind inzwischen bedachter und zurückhaltender, was zur Folge hat, dass die Veranstaltungen nun von einem Grossteil der Gesellschaft akzeptiert und besucht werden. Und das hilft den Opfern bei der Verarbeitung ihres Schmerzes.

Kann man einen solchen Schmerz überhaupt verarbeiten?

Nein, im strengen Sinne kann man einen Völkermord psychisch kaum verarbeiten, Ihr Einwand ist absolut berechtigt. Deshalb kommt es während der Gedenkwoche eben auch verstärkt zu Flash-backs und psychotischen Manifestationen.

Was genau passiert bei einer Person, die ein Flash-back erleidet oder eine psychotische Manifestation durchmacht?

Wenn zum Beispiel ein Bosnier heute im Fernsehen Bilder einer kriegerischen Kampfhandlung sieht, kann das bei ihm eine Wiedererinnerung an eigene Bosnienkriegserfahrungen auslösen. Der Betroffene ist dann überflutet von der damaligen Todesangst, von Schrecken und Ohnmacht. Es ist für ihn so, als ob die Bedrohung jetzt passiere. Gegen diese Überflutung kann er sich nicht wehren, sie passiert automatisch. Solche Flash-backs sind für ein Kriegsopfer absolut schrecklich, manchmal sind Betroffene nicht einmal mehr ansprechbar. Eine solche Krise dauert in der Regel zwischen 3 und 30 Minuten, dann klingt sie wieder ab. Und bei einer psychotischen Manifestation ist es vereinfacht gesagt so, dass die betroffene Person buchstäblich durchdreht, für eine kurze Zeit die Orientierung in Raum und Zeit verliert und für das, was um sie herum passiert, nicht mehr aufnahmefähig ist.

Was unternehmen Sie als Helferin in einem solch akuten Fall?

Die notfallpsychologische Hilfe während der Gedenkwoche besteht in Gesprächen, aber auch in Körperübungen. Sofern der Betroffene ansprechbar ist, wird ihm mit Worten erklärt, wie er mit autogenem Training, Atemtechniken oder Tai-Chi-Übungen Stress reduzieren kann. Ist jemand im Zustand der starken Wiedererinnerung, also wegen akuter Todesangst nicht mehr ansprechbar, ist es das primäre Ziel, ihn in die Realität zurückzubringen. Das kann zum Beispiel erreicht werden, indem man ihm als Betreuerin den Nacken massiert.

Sie betonen die Wichtigkeit des Gesprächs. Was den Menschen in Ruanda passiert ist, ist jedoch kaum in Worte zu fassen, also faktisch unaussprechlich. Wie spricht man mit jemandem über das Unaussprechliche?

Da verwenden Sie ein leider sehr treffendes Wort. Im Rahmen der psychosozialen Ersten Hilfe kommt das Unaussprechliche aber selten zur Sprache. Das ist im Rahmen einer meist mehrere Jahre dauernden Psychotherapie vielleicht mal möglich, wenn der Überlebende das Vertrauen zum Therapeuten aufgebaut hat. Das Unaussprechliche bezieht sich nämlich meist auf die Entwürdigung des Körpers, zum Beispiel auf herumliegende, zerhackte Körperteile. Solches sehen zu müssen, ist etwas vom Schlimmsten, was einem Menschen widerfahren kann, es ist auch kaum in die Seele zu integrieren. Eine detailliertere Schilderung möchte ich Ihnen jedoch lieber nicht zumuten.

Die Betroffenen werden aber wahrscheinlich nicht nur während dieser Gedenkwoche, sondern auch im Alltag von den Schrecken der Vergangenheit eingeholt. Wer kümmert sich dann um sie?

Neben Psychologen und Careteam-Mitarbeitern sind das oft die Bauern in den Dörfern.

Die Bauern?

Ja. Den Bauern wurde beigebracht, dass Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung kein Produkt von Hexerei oder Magie ist. Zudem hat man ihnen ein Basiswissen in Psychotraumatologie vermittelt. Sie wissen, welche Interventionen helfen, welche schaden, welche zu vermeiden sind. Oder wie der Lebenswille von Depressiven gestärkt wird. Zusätzlich ist es aber auch wichtig, dass die Menschen wieder zur täglichen Routine finden. Dass Kinder wieder zur Schule gehen, dass es zur Wiederaufnahme von traditionellen Riten, Festen und Bräuche kommt, weil das eine stabilisierende Wirkung auf die Gemeinschaft hat.

Der derzeitige Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste lässt ebenfalls schwer traumatisierte Menschen zurück. Sind dort jetzt auch psychologische Careteams im Einsatz?

Zur Situation in der Elfenbeinküste kann ich nichts sagen, weil ich weder das Land noch die ganz aktuelle Lage kenne. Es gehört aber zum Syndrom, dass das Grundvertrauen in die Welt nach Gewalterlebnissen zerstört ist. Viele Betroffene kann man darum psychologisch gar nicht erreichen.

Wir haben nun immer über die Opfer gesprochen. Wie aber schützen sich eigentlich Helferinnen wie Sie vor psychischen Überforderungen oder Zusammenbrüchen?

Das ist ein zentrales Thema. Wichtig ist, dass man auf seine eigenen Belastungsgrenzen achtet, zum Beispiel Anzeichen von Ermüdung ernst nimmt, Erholungspausen einschaltet und in der Freizeit schöne und aufbauende Dinge unternimmt, welche dem erlebten Leid entgegenwirken. Sich schützen aber kann man nur beschränkt. Wenn man sich nämlich zu sehr schützt, besteht die Gefahr, dass man zu abgehärtet und dadurch ein unempathischer Therapeut wird. Ich selbst höre zum Ausgleich klassische Musik, und im Moment lese ich den vergnüglichen «Don Quijote» von Cervantes.

Ist dies der extremste Einsatz, an dem Sie je teilgenommen haben?

Nein, das kann ich nicht sagen. Der Einsatz in Kosovo kurz nach dem Kosovokrieg war belastender, weil ich mich dort nicht sicher fühlte. Hier in Ruanda hatte ich in keinem Moment begründete Angst um mein Leben. Und die psychische Belastung durch die Erzählungen der Opfer empfinde ich nicht mehr als extrem. Das ist wohl die Frucht der 20 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet der Behandlung von Kriegsopfern.

Weshalb kommt man als Psychotherapeutin mit eigener Praxis überhaupt dazu, sich auf eine solche Herausforderung einzulassen?

(lacht) Eine gute Frage. Bestimmt hat die seit der Jugendzeit bestehende ethnologische Neugier für Afrika eine wichtige Rolle gespielt. Dazu kommen das Bedürfnis, die beruflichen Kenntnisse in der Entwicklungszusammenarbeit einzusetzen . . . und ein gewisser «Thrill» für Extremsituationen.

Und wie verarbeitet man nach der Rückkehr in die Schweiz einen solchen Einsatz?

Belastendes verarbeite ich, indem ich darüber schreibe.

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