«Ein leiser Druck des Partners, und die Frau hat Sex, den sie nicht will»

Neue Zahlen zeigen: Jede zweite Frau hat Sex, der nicht ihrem Bedürfnis entspricht. Das Rezept dagegen? Reden.

Um den Beziehungsfrieden nicht zu gefährden, missachten viele Frauen ihre eigenen Bedürfnisse und haben Sex, auch wenn ihnen eigentlich nicht danach ist.

Um den Beziehungsfrieden nicht zu gefährden, missachten viele Frauen ihre eigenen Bedürfnisse und haben Sex, auch wenn ihnen eigentlich nicht danach ist. Bild: Pexels

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Frau Leeners, Ihre Studie zeigt, dass 53 Prozent aller Frauen gegen ihren Willen Sex haben….
Moment, das ist so nicht ganz richtig. Die Frauen hatten nicht gegen ihren Willen Sex, sondern sexuelle Kontakte, die nicht ihrem Bedürfnis entsprachen, die sie aber trotzdem akzeptiert oder initiiert haben. So oder so, 53 Prozent ist ein sehr hoher Anteil.

Wieso haben Frauen in solchen Situationen trotzdem Sex?
Die Gründe sind vielfältig. Da kann ein leiser Druck des Partners sein, man will die Stimmung in der Beziehung nicht verderben, den Partner zufriedenstellen, seine Erwartungen erfüllen.

Wo liegt die Grenze zwischen einem missachteten Bedürfnis und Sex wider Willen?
Bei einem missachteten Bedürfnis hat sich die Frau nicht gegen einen sexuellen Kontakt entschieden. Beim Sex wider Willen erfolgt dieser klar gegen den Willen und ohne das Einverständnis der Frau.

16 Prozent der jungen Frauen gaben in der Studie an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben.
Ja. Das ist sehr erschreckend. Und leider hält sich diese Zahl auch seit Jahren konstant so hoch.

Warum?
Bei den meisten sexuellen Übergriffen kennen die Frauen den Täter. Gleichzeitig ist die Gruppe der Betroffenen oder Gefährdeten sehr inhomogen. Einerseits gibt es relativ wenige Interventionsprogramme gegen sexuelle Gewalt, andererseits greifen viele Interventionen zu kurz, da sie an der Zielgruppe oder eben den verschiedenen Zielgruppen vorbeigehen.

Die Hälfte aller Befragten gab an, schon mal Sex in alkoholisiertem Zustand gehabt zu haben. Führt auch das dazu, dass man eher mal macht, was man gar nicht möchte oder ungewollt angegangen wird?
In gewissem Masse ja. Die Risikobereitschaft in alkoholisiertem Zustand ist erhöht, auch was die Abgrenzung betrifft.

Was kann man denn dafür tun, besser nach seinen Bedürfnissen zu handeln?
Die erste Voraussetzung ist, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Erst dann kann man sich für diese einsetzen, sie dem Partner mitteilen und gegebenenfalls Nein sagen. Und auch umgekehrt sollte es natürlich so sein, dass der Mann sagt, was er möchte, braucht, geben kann. Denn im dümmsten Fall geht die Frau von einer Erwartungshaltung aus, die der Mann gar nicht hat. Miteinander reden ist also sehr wichtig.

Eine Zusammenfassung der Studie finden Sie hier. Die ganze Studie hier.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 18:54 Uhr

Prof. Brigitte Leeners


Prof. Brigitte Leeners ist leitende Ärztin in der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich. Sie ist Co-Autorin der Studie: «Sexual health and behavior of young people in Switzerland», bei der 7142 junge Menschen im Alter zwischen 24 und 26 Jahren befragt wurden, davon 2746 Frauen.

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