Echt jetzt? Maizena für meine Zähne?

Fünf Tage, null Abfall – geht das? Unsere Redaktorin Valentina Kobi wagte den Versuch «Zero Waste». Eine Herausforderung!

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Ein Leben ohne Abfall, so der Trend, der vor allem online gerade sehr angesagt ist. Nicht Bio, nicht Vegan, sondern «Zero Waste». Vorbildlich scheint es auf den ersten Blick, und Spass macht es auch. Während einer Woche keinen Müll produzieren und Plastikprodukte meiden, das wollte ich ausprobieren. Ein Vorhaben, das sich im Verlauf der fünf Tage schnell wandeln und sich in die Länge ziehen würde.

Gezwungenermassen, so entschuldigte ich mein Versagen und meine Faulheit, denn die Schweiz hat zwar ein ausgeklügeltes Recyclingsystem, aber keinen Markt für verpackungsfreies Einkaufen. Doch der eigentliche Haken: Die Umgewöhnungsphase und die Reorganisation dauert länger. Und braucht viel Energie. Schon nur, sich andauernd erklären zu müssen, lässt einen bald kürzertreten wollen.

Video: Zwei Jahre Abfall in einem Einmachglas

Quelle: Youtube

Tag 1 – reduzieren

Ich beginne an den Grundbedürfnissen herumzustudieren: Im Schlaf produziere ich keinen Abfall und meine Kleider, die mich warm halten, würde ich auch nicht als Wegwerfartikel bezeichnen. Und da ein Grossteil davon aus zweiter Hand ist, hätte ich bei Zero-Waste-Guru Bea Johnson schon mal einen Pluspunkt. Die grosse Herausforderung dieses Selbstversuchs: Essensbeschaffung.

Kein von Alufolie umwickeltes Falafel und schon gar keinen Supermarkt-«Salad Shaker» in Plastikschale. Also etwas von zu Hause mitbringen. Sorgsam habe ich Salat mit Sauce im Extra-Behälterchen, Brotscheiben in der Stoffserviette sowie eine Orange eingepackt. Aber es fehlt eine Gabel. Den Plastikersatz, den ich im Supermarkt hole, nehme ich nach Gebrauch gemeinsam mit dem Kompost der Orange mit nach Hause. Und ich merke: Eine grosse Tasche ist für all diese Tupperwares ganz schön praktisch.

Tag 2 – vorausdenken

Der zweite Tag beginnt knapp eine halbe Stunde früher als sonst. Den Tee, den ich jeweils im Thermosbecher ins Büro mitnehme, muss ich mit Teesieb statt mit Teebeutel zubereiten. Zwei Minuten bevor ich losgehe, den Wasserkocher anzuschmeissen, reicht dafür nicht aus. Gut 15 Minuten Zeit braucht auch noch der Kuchenteig, den ich für das Abendessen vorbereite. Beim Znüni um halb elf stellt sich die nächste Essensfrage.

Ich habe nichts mitgenommen und ausser Obst und Gipfeli kann ich in der Quartier-Migros bloss Nüsse und getrocknete Früchte offen kaufen. Nach all den Youtube-Anleitungen bin ich auf diese Situation aber vorbereitet: Ich zücke das Stoffsäckchen. Doch auf etwas anderes war ich nicht vorbereitet: Darauf, mich wegen des undurchsichtigen Säckchens wie eine Diebin zu fühlen. Ich schleiche zum Selfcheckout und weiss: So schnell werde ich das nicht wieder probieren.

Tag 3 – modernisieren

Auch heute sitze ich in der Redaktion. Der Papierkram auf meinem Pult macht mir Sorgen – nicht bloss, weil Unerledigtes dabei ist. Sondern weil ich gestern nebst den zwei Zeitungen für die Planungssitzung auch noch die siebenseitige Wochenübersicht ausgedruckt habe. Und die ist meist wenige Stunden später schon nicht mehr aktuell.

Ziemlich viel Papierabfall produziere ich auch beim Ausdrucken und Überarbeiten von Artikeln. Daher habe ich mir für die kommenden Tage ein altes iPad geliehen. Ob Papier denn nicht schlussendlich besser rezyklierbar sei als der Elektroschrott, fragt die Arbeitskollegin skeptisch. Wahrscheinlich hat sie recht. Doch die Menge Papier, die ich täglich entsorge, scheint mir riesig. Und der Umstieg auf digitale Notizen beruhigt zumindest mein Gewissen. Der nächste Modernisierungsschritt: Kontoauszüge digital anfordern und Werbung von Optiker und Buchhändler abbestellen.

Video: Zahnpasta selber machen

Quelle: Youtube

Tag 4 – Umstellen

Ich war nie besonders heikel, was Hygiene anbelangt. Aber gewisse Dinge, die ich seit drei Tagen tue, sind etwas unangenehm. Sind die Stofftaschentücher, die ich benutze, eigentlich nicht ziemlich grusig? Und reinigt die selbst gemachte Zahnpaste aus Natron, Kokosfett, Maizena und Teebaumöl gleich gut wie die Tripel-ProtectionPaste mit Glitzerpartikel? Noch drängender ist die Frage bei der Deomixtur.

Aber schon seit einigen Monaten benutze ich Seifen fürs Duschen und Haarewaschen und fühle mich ziemlich sauber – zumindest hier kann man sich leicht umgewöhnen. Aber ich merke, wie beruhigend der Gebrauch von Plastik sein kann. Ist etwas vor Gebrauch oder Verzehr eingeschweisst, scheint es mir beruhigend sauber. Aber stattdessen nehme ich täglich synthetische Zusatzstoffe und Plastikweichmacher auf – wären da Bakterien nicht beinahe angenehmer? Die sind wenigstens natürlich.

Berner Zeitung

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