Zum Hauptinhalt springen

«Die Zeit der Beliebigkeit ist vorbei»

Spezialistin für Populismus: Die deutsche Soziologin Cornelia Koppetsch. Foto: Jan-Christoph Hartung

Wir leben in einer «Gesellschaft des Zorns», sagen Sie. Wogegen richtet sich der Zorn der Rechtspopulisten?

Was macht die Rechten zornig?

Welche Kultur meinen Sie?

«Heute ist die Gesellschaft gespalten. Und die Kosmopoliten merken oft nicht, dass sie den Ton angeben.»

Cornelia Koppetsch

Das löst Zorn aus?

Sie sprechen von zwei weiteren Affekten, die eine Rolle spielen: Angst und Ressentiment.

«Ängste allein genügen nicht, um den Aufstieg der Rechtspopulisten zu erklären.»

Cornelia Koppetsch

Dazu dient das Ressentiment?

Was sind typische Ressentiments von AfD-Wählern?

Dabei geniessen selbst die ärmeren Ostdeutschen heute einen viel höheren Wohlstand als in der DDR.

«Der Vorwurf der ‹Lügenpresse› entstand aus der Empfindung, sich fremd im eigenen Land zu fühlen.»

Cornelia Koppetsch

Sie nennen den Aufstand der Rechtspopulisten eine «Konterrevolution»: Welche Revolution soll denn rückgängig gemacht werden?

Trägt die Konterrevolution Züge eines 1968 von rechts?

Sie sagen, der Rechtspopulismus sei eine Reaktion auf den «unbewältigten Epochenbruch» der Globalisierung. Womit brach diese?

Inwiefern ist der Bruch unbewältigt?

Spricht man mit Rechtspopulisten, fällt auf, dass sie meist nicht bloss anderer Meinung sind, sondern in einer anderen Welt leben. Wie kam es zu solch unversöhnlichen Parallelwelten?

Wie sind Stadt und Land, Metropole und Peripherie zu derart zentralen gesellschaftlichen Konfliktlinien geworden?

War der Graben zwischen Stadt und Land je grösser?

Eine Ihrer Spezialitäten ist es, «Lebenslügen» aufzuspiessen. Welche Lügen pflegt die herrschende, zufriedene Elite?

«Kosmopoliten können sich für Vielfalt, Multikulturalismus und Gleichstellung begeistern – die Klassenfrage aber blenden sie komplett aus. »

Cornelia Koppetsch

Was sind die Lebenslügen der zornigen Deklassierten?

Die Konterrevolution strebt Ihrer Ansicht nach drei Rückbewegungen an: Re-Nationalisierung, Re-Vergemeinschaftung, Re-Souveränisierung. Warum suchen die Rechten beim Nationalstaat Zuflucht?

Sie sagen, die Rechten strebten neue Vergemeinschaftungen an – ein Plan, den man ökonomisch eher bei Sozialisten vermutet. Woran machen Sie das fest?

Dazu passt, dass viele Rechtspopulisten im Osten das Volk unter dem Losungswort «nationaler Sozialismus» auch als soziale Solidargemeinschaft wieder stärken wollen – auf Kosten von Ausländern und Einwanderern. Zur Re-Souveränisierung: Wie glauben die Rechten denn, ihr Schicksal wieder in die eigene Hand zu bekommen?

Seit einem halben Jahr sorgt eine neue jugendliche Zornbewegung für Furore, die sich gegen die Klimaerwärmung auflehnt und die ökologische «Systemfrage» stellt. In welchem Verhältnis stehen grüner und rechter Zorn?

«Im Vergleich zur Protestwut der Rechten kommen einem die ‹Fridays for Future›-Demos wie betreutes Demonstrieren vor»

Cornelia Koppetsch

In Deutschland profitieren die AfD und die Grünen stark von der Polarisierung. Die alten Mitteparteien schrumpfen. Warum gibt es keinen erfolgreichen Linkspopulismus?

Ist der Rechtspopulismus nicht vielerorts bereits an seine Grenzen gestossen? Könnte er wieder verschwinden?

Könnten Rechtspopulisten in Deutschland je mehrheitsfähig werden – wie in den USA oder in Ungarn?