Die Welt im Wohnzimmer

Seit sieben Monaten beherbergt Familie Fankhauser die 17-jährige Alma Koski aus Finnland. Drei Kinder der Familie waren selbst im Austauschjahr. Höchste Zeit also, auch ihr Zuhause einem Gast zu öffnen.

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Auf dem Sofa bleibt kaum mehr Platz. Obwohl Fankhausers schon vier Kinder haben, lebt seit sieben Monaten noch ein weiteres bei der Familie: Die 17-jährige Alma Koski hat ihre finnische Heimat für elf Monate gegen das Berner Wylergut und das Gymnasium Hofwil eingetauscht. Wie es dazu kam?

Alles hatte damit begonnen, dass ihr jetziger Gastvater Matthias Fankhauser als 18-Jähriger selber im Austausch war, in North Carolina (USA). 28 Jahre später entschieden sich auch seine Kinder Christoph und Damaris (beide 19) das Abenteuer zu wagen: Sie lebten in den USA, wo sie eine Highschool besuchten, und das fremde Land wurde bald zur zweiten Heimat. Céline (18), das dritte Fankhauser-Geschwister, tat es den beiden gleich. Ob sich auch die Jüngste bereits für ein Austauschjahr angemeldet hat? Jasmin (14) verneint, noch ist aber nichts definitiv entschieden.

Nur ein zehnseitiges Dossier

«Jemanden für ein Jahr lang aufnehmen, das macht man nicht einfach so», sagt Gastmutter ­Esther Fankhauser. Es würden Kosten anfallen, und man trage Verantwortung für ein fremdes Kind. Die Verpflichtung, die man eingehe, sei gross – trotz Unterstützung der Austauschorganisation Youth For Understanding. Doch Esther und ihrem Mann Matthias war es ein Anliegen, etwas zurückzugeben von dem, was ihre Kinder erleben durften. So entschieden sie, Alma bei sich aufzunehmen. Auch wenn sie die junge Frau nur aus einem knapp zehnseitigen Dossier kannten.

Von Anfang an betonte Alma, dass Schweizer im Vergleich mit finnischen Leuten sehr offen seien. «Nach meiner Zeit in den USA schienen mir die Schweizer aber eher verschlossen», sagt Gastbruder Christoph. Almas Sicht stellt seine kulturellen Erfahrungen in ein anderes Licht.

Wie geht die Familie solchen Differenzen um? Als die Familie letzten August am Flughafen Zürich auf Almas Ankunft wartete, war Matthias Fankhauser unsicher, ob er Alma umarmen darf. «Ich wollte ja nicht, dass ihr das unangenehm ist!» Das Problem löste sich rasch: Alma sei auf die Familie zu gerannt und habe sie alle stürmisch umarmt.

Klischees und Vorurteile

Zu Hause in Finnland ist Alma ein Einzelkind, doch sie hat sich gut in die sechsköpfige Familie integriert. Schnell hat Alma sich zurechtgefunden und auch ungeschriebene Regeln respektiert. «Esther und Matthias sind zum Glück nicht viel anders als meine Eltern», sagt Alma. Christoph schmunzelt, als sie das erzählt: «Im Supermarkt fragte meine amerikanische Mum, ob sie für mich nicht noch Schleckzeug kaufen soll.»

Mit seinen Schweizer Eltern wäre ihm das nie passiert. Kurz hält er inne und gibt zu bedenken, dass gerade das mit den Süssigkeiten schon ein amerikanisches Klischee bestätige. Doch er ist überzeugt: «Als Austauschschüler habe ich gelernt, negative Vorurteile abzubauen.»

In diesem Zusammenhang kommt Esther Fankhauser auf Almas erste Monate in der Schweiz zu sprechen. Einmal habe sie beim Abendessen stolz erklärt: «Jetzt bin ich schon ziemlich schweizerisch: Ich habe jemandem ‹Gsundheit!› gesagt.» Was am Esstisch erst für Verwirrung sorgte, klärte sich rasch: Im Finnischen werden Wörter wie «bitte» oder «Gesundheit» kaum gebraucht.

Dass das zu einem Problem werden könnte, hätte Alma nie gedacht. «Alma konnte schon ziemlich gut Deutsch, doch gewisse Finessen sorgten für Missverständnisse», sagt Matthias Fankhauser. Manche Aussagen von Alma hätten manchmal sogar unhöflich gewirkt. Doch die Familie kennt sich aus. Céline erklärt: «Wenn einem etwas, das Alma sagt, schräg reinkommt, muss man immer davon ausgehen, dass sie es einfach noch nicht anders formulieren kann.»

Rentier für Schweizer Mäuler

Esther Fankhauser braucht bloss Brot mit Konfitüre zu erwähnen, und alle schmunzeln. Ausser Alma. Sie verzieht das Gesicht: «Ich werde das nie essen, Brot mit süssem Aufstrich ist mega gruusig!» Aber Alma beschwert sich nicht oft über Schweizer Gewohnheiten. Im Gegenteil: «Alma ist begeisterungsfähig und immer mit dabei», lobt die Gastmutter.

Ähnlich aktiv ist sie, wenn es darum geht, finnische Kultur weiterzugeben. Das getrocknete Rentierfleisch und Almas Blaubeerkuchen sind bei Familie Fankhauser besonders beliebt. Als Alma der Familie aber etwas Finnisch beibringen wollte, habe das damit geendet, dass sie vor Lachen fast unter den Tisch fielen, berichtet Jasmin. «Alma spricht das R so komisch aus. Unmöglich, das nachzumachen!»

Selfservice im Kühlschrank

Die Fankhauser-Kinder und Alma sind sich einig: Sobald man sich ungefragt im Kühlschrank bedient, hat man sich bei seiner Gastfamilie eingelebt. Esther Fankhauser ergänzt schmunzelnd: «Die Kinder schliessen beim Zähneputzen jetzt auch nicht mehr jedes Mal die Tür.» Alma fühlt sich bei Familie Fankhauser zu Hause. Ein Spezialprogramm, das hat die Familie neben Arbeit und Hobbies nicht immer bieten können. Doch Alma wirkt ehrlich, als sie sagt, das sei gar nicht nötig gewesen. Spannend genug seien die letzten acht Monate ohnehin gewesen.

Auch Gastfamilie Fankhauser möchte die Zeit nicht missen – trotz unterschiedlicher Höflichkeitsfloskeln und Essensvorlieben. «Finnland ist für uns jetzt immer mit Alma verbunden», sagt Damaris.

Gastfamilie werden: Für das Schuljahr 2016/2017 sucht Youth For ­Understanding noch Gastfamilien (Kontakt: www.yfu.ch/gastfamilie-werden).

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