Die «Schreikinder»-Schublade hilft verzweifelten Eltern nicht

Kinder in der Nacht von den Eltern zu trennen, löst das Problem nicht – im Gegenteil.

Im Film «Elternschule» werden umstrittene Erziehungsmethoden der Kinderklinik Gelsenkirchen gezeigt. Foto: Mindjazz Pictures

Im Film «Elternschule» werden umstrittene Erziehungsmethoden der Kinderklinik Gelsenkirchen gezeigt. Foto: Mindjazz Pictures

Der Dokumentarfilm «Elternschule» hat in Deutschland eine Welle der Empörung ausgelöst. Im Film werden die Erziehungsmethoden der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen beleuchtet. Fachleute sprechen von emotionaler Gewalt und kritisieren die höchst fragwürdige Vorgehensweise, in sozialen Medien melden sich entsetzte Eltern zu Wort, die Staatsanwaltschaft ermittelte zwischenzeitlich wegen Verdachts auf Misshandlung. Eine Petition, die zum Ziel hat, den Film zu verbieten, haben 23'000 Leute unterzeichnet.

In der Schweizer Medienlandschaft erscheint dazu lediglich ein unscheinbares Interview mit harmlos wirkenden Aussagen von Dietmar Langer, dem Leiter besagter Klinik, das dem unwissenden Leser die Tragweite der Thematik in keiner Hinsicht bewusst macht.

Worum geht es eigentlich? Bereits der Trailer des Films ist schwere Kost: weinende, verzweifelt wirkende Kinder, die das Essen erbrechen, ihre Eltern anschreien, und eine Mutter, die davon spricht, ihr Kind in ein Heim geben zu wollen. Kurz: Familien, in denen Krieg herrscht. Die Therapeuten der Klinik Gelsenkirchen versuchen nun, mithilfe verhaltenstherapeutischer Methoden (Schlaftraining, Essenszwang) den Willen des Kindes so weit zu brechen, dass es kooperiert (oder besser gesagt resigniert).

Bei einem kleinen Kind verstärken Müdigkeit und Dunkelheit der Nacht das Bedürfnis nach Schutz, Nähe und Geborgenheit.

Kinder, die ihre Bedürfnisse ausdrücken, werden nicht in ihrer Not erkannt, sondern in der Schublade «Schreikinder» versorgt und mit pauschalen Methoden behandelt. Das Bedürfnis nach nächtlicher Zuwendung wird nicht erfüllt – vielmehr kommt es zu einer noch grösseren Belastung, indem das Kind einer Nachtschwester überlassen wird. Diese ist aufgrund der fehlenden Bindung nicht in der Lage, dem Kind ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln.

Dietmar Langers Aussage im Interview («Wir stärken tagsüber die Bindung, dann fällt es dem Kind auch leichter, sich am Abend zu trennen») verfehlt die Aufgabe der Bindung komplett. Bei einem kleinen Kind verstärken Müdigkeit und Dunkelheit der Nacht das Bedürfnis nach Schutz, Nähe und Geborgenheit. Dieses genetisch verankerte «Programm» lässt sich nicht durch ein paar «konsequente» Nächte in der Klinik löschen – das Einzige, was erreicht werden kann, ist, dass das Kind aufgibt, seine Bedürfnisse auszudrücken. Gerade die nächtliche Trennung ist als Vertrauensbruch anzuschauen und wird die Eltern-Kind-Beziehung langfristig eher belasten als erleichtern.

Wenn Eltern aus ihrer Stressspirale aussteigen können, wirkt sich das positiv auf die Kinder aus.

Dass überforderte Eltern, wie sie in der Klinik Gelsenkirchen anzutreffen sind, Unterstützung brauchen, steht ausser Frage. Wenn Eltern aus ihrer Stressspirale aussteigen können, wirkt sich das positiv auf die Kinder aus. Aber dieser Prozess erfolgt idealerweise mit dem Kind und ohne schmerzhafte Trennung oder übergriffige Zwänge. Beides kann vom Kind nur als Bestrafung erlebt werden.

«Ganz zentral ist es, ihnen (den Eltern) die Schuldgefühle zu nehmen», sagt Dietmar Langer. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Eltern gerade dann noch lange unter Schuld- und Versagensgefühlen leiden, wenn sie entgegen den Bedürfnissen ihres Kindes handeln und ihm zu früh Situationen zumuten, in denen es sich selbst überlassen wird.

Sibylle Lüpold berät seit mehr als 10 Jahren Familien zum Thema Schlaf und bildet selber Schlafberater aus.

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