Die Modeindustrie zwingt Mädchen in enge Kleider

Teenager sind mit ihrem Körper oft unglücklich, weil sie unrealistischen Schönheitsidealen nacheifern. Die Modeindustrie trägt ihren Teil dazu bei.

hero image
Rahel Guggisberg

Aus dem Lautsprecher tönt ­Musik. Die 13-jährige Simone * schlendert mit ihrer Mutter Ilena Mathis * im Modegeschäft H & M in Bern zwischen den Ständern mit Röcken und Hosen hindurch. Mit 3 Paar Jeans, die bei ihren Schulkolleginnen gerade angesagt sind, geht Simone zur Umkleidekabine. Sie hat, ihrem Alter entsprechend, Grösse 164.

Die erste Hose lässt sich locker über Oberschenkel und Po ziehen. Dann der Frust: Trotz Baucheinziehen geht der Reissverschluss nicht zu. Hose Nummer zwei sitzt überhaupt nicht. In Hose Nummer drei kann sich Simone nicht mehr bewegen.

Eine Verkäuferin beobachtet das Geschehen und bringt die Jeans in der nächsten Grösse 176, die grösste Nummer für Kinder und Jugendliche. Doch diese Hose ist um die Hüfte viel zu weit, das Mädchen sieht aus, als wäre es in einen Mehlsack verpackt. Die Verkäuferin rät, die Hose bei der Schneiderin anzupassen. Doch darauf hat die Mutter keine Lust.

Superdünne Vorbilder

«Ich bin einfach zu dick», stöhnt der Teenager. «Meine Tochter ist nicht dünn, aber auch nicht mollig. Trotzdem passen ihr in den trendigen Modegeschäften die Kleider oft nicht. Das gibt ihr das Gefühl, sie sei zu dick», sagt Ilena Mathis. Im Kopf habe Simone Bilder von dünnen Frauen in Musikvideos und auf Social-Media-Kanälen wie Snapchat, Instagram oder Facebook. Logisch, wolle sie auch so aussehen. Mit ihren Freundinnen an schulfreien Nachmittagen durch Kleiderläden zu ziehen, sei meist ein deprimierendes Erlebnis. Deshalb fange ihre Tochter an, ihren Körper nicht mehr zu akzeptieren, sagt die besorgte Mutter.

Die meisten Modegeschäfte würden nie zugeben, dass ihre Kleiderlinien hauptsächlich auf dünne Mädchen und Frauen zugeschnitten sind. Anders die Bekleidungskette Abercrombie & Fitch (A & F) aus den USA. Deren Ex-Geschäftsführer Mike Jeffries sagte öffentlich, er möchte seine Mode nur an superschlanken, coolen Menschen sehen. A & F gehört in der Zielgruppe der unter 30-Jährigen zu den hippen Modemarken.

Berühmt wurde sie wegen ihres Elchzeichens. «Abercrombie & Fitch ist bewusst darauf aus, dass die Kleider nicht allen passen. Dünne Konsumentinnen sollen diese Mode exklusiv tragen können», bestätigt der Berner Marketingprofessor Harley Krohmer. Dass damit viele Menschen ausgeschlossen würden, sei ausdrücklich erwünscht.

Ungesundes Körperbild

Und dünn ist dem US-Label noch lange nicht dünn genug. A & F bietet mittlerweile Kleider in der Grösse Triple Zero an, also in der Grösse XXXS. Und wer soll in Triple Zero passen? Gemäss Grössentabelle Frauen mit einem Hüftumfang von 58 Zentimetern. Diese Grösse passt einem normal entwickelten sechs- bis achtjährigen Mädchen.

Aber: A & F richtet sich gar nicht an so kleine Schulkinder. Mike Jeffries erklärte, dass er keine «dicken Menschen» in seinen Geschäften haben möchte. Seine Stammkunden sollen sich sexy und gut aussehend in Abercrombie & Fitch-Kleidung finden und nebenan nicht unförmige Menschen in denselben Klamotten betrachten müssen.

Experten werfen dem Label die Förderung eines ungesunden Körperbildes vor, das ein problematisches Signal an normal­gewichtige Teenager und Frauen aussende. Damit ist die Marke nicht die einzige. Auch H & M erntete schon Kritik, weil das schwedische Unternehmen seine Bademodekollektion fast ausschliesslich mit extrem dünnen Models präsentiert hatte.

«Das Problem bei den Mädchen ist, dass sie eine Unzufriedenheit mit ihrem Körper entwickeln, wenn ihnen die Kleider ab Stange nicht passen», sagt Brigitte Rychen, die selber drei Töchter hat. Sie ist Fachstellenleiterin PEP (Prävention Essstörungen praxisnah) am Inselspital Bern und berät Leute mit Essproblemen. «Kaum ein Kleidungsstück ab Stange sitzt auf Anhieb», sagt Rychen. Und wenn eine Grösse in einem Laden passe, sei dieselbe Grösse im nächsten möglicherweise wieder zu klein. Nach stundenlangem Anprobieren bleibt das bittere Gefühl zurück, für einen modischen Look ganz einfach zu dick zu sein.

«Viele Teenager, die im Modeladen einkaufen, haben eine fixe Grösse im Kopf», sagt Rychen. Passen einem Mädchen die Kleider nicht, suche es den Fehler meist bei sich und seinem Körper. «Teenager fühlen sich enorm unter Druck, schlank sein zu müssen. Das stelle ich immer wieder fest», bestätigt Rychen.

Die enge Definition von Schönheit, die von den Medien verbreitet wird, wird sogar in herkömmlichen Kleidergeschäften unterstützt und stösst so in die Alltagsrealität der meisten Teenager vor. Um beispielsweise die Konfektionsgrösse 34 zu tragen, darf eine 1,80 Meter grosse Frau höchstens ein Gewicht von rund 55 Kilogramm haben. Dies sind die auf Laufstegen gängigen Verhältnisse.

Die Kindermode orientiert sich immer mehr an der Erwachsenenmode. Nicht zuletzt wächst deshalb auch der Druck, den Eltern auf ihre Kinder ausüben, wenn es um die Figur geht. «Eltern, die sich oftmals selbst seit vielen Jahren dem Kult um Aussehen und Gewicht unterwerfen, übertragen ihre eigene Sorge oft direkt aufs Kind», erzählt Rychen. Auch Kinder müssen daher früh in enge Hosen passen, wie sie Erwachsene tragen.

Jungs sind anders

Allerdings gebe es erhebliche ­Geschlechterunterschiede: Jungs gehen mit dem Thema Kleidergrössen ganz anders um als Mädchen. «Passen ihnen beispielsweise die Hosen nicht, so denken sie sich: Was für ein dummer Laden. Da gehe ich nicht mehr hin», sagt Rychen. Sie beziehen das Nichtpassen eines Kleidungsstücks weniger auf sich selber als vielmehr auf die Unfähigkeit der Anbieter.

Die Jungs haben damit gar nicht so unrecht. Denn ein grosser Teil der Verantwortung für die Frusterlebnisse in den Kleiderläden liegt tatsächlich bei den Herstellern. Bei der Definition der Kleidergrössen herrscht ein, gelinde gesagt, heilloses Durch­einander. Nicht selten ist ein ­Kleidungsstück der Grösse XS im spanischen Modegeschäft Zara gleich gross wie ein M in der Schweizer Kleiderkette Chicorée.

Die Modeindustrie legt ihre Grössenbezeichnungen selber fest, meist von Land zu Land unterschiedlich, internationale Normen fehlen. In der Schweiz zum Beispiel entspricht die Grösse 38 einer 42 in Italien, in Frankreich einer 40, in den USA einer 8 und in England einer 12. Je nach Fabrik sind die Kleider zudem unterschiedlich ausgemessen.

Für zusätzliche Komplexität sorgt die Globalisierung: Kleider werden heute oft in Asien produziert, wo man sich an den Durchschnittsmassen asiatischer Frauen orientiert. Im Unterschied zu Europäerinnen sind Asiatinnen zierlicher und weniger kurvig. Komme hinzu, sagt Brigitte Rychen, «dass Stretchkleider oft Meterware sind». Es kommt immer wieder vor, dass die eine Hose derselben Grösse enger geschnitten ist als die andere. «Ich habe Hosen der gleichen Grösse, da macht der Unterschied im Taillenumfang sechs Zentimeter aus.»

Gesetz gegen Magermodels

Eine internationale Kleidergrössennorm, die auf den drei wichtigsten Körpermassen Brust­umfang, Hüfte und Körperhöhe beruht, würde schon mal etwas Entspannung in den Kleider- und Figurenfrust vieler Teenager bringen. Die von der Mode- und Nahrungsmittelindustrie zelebrierten Schönheitsnormen von superschlanken Mädchen und Frauen werden damit aber noch nicht aus den Köpfen verschwinden.

Immerhin: Die Politik hat das Thema unterdessen aufgegriffen. Das Modeland Frankreich hat Anstiftung zur Magersucht unter Strafe gestellt und Ende letzten Jahres ein Gesetz gegen Magermodels erlassen. Wer Mannequins mit einem Bodymassindex von unter 19 anstellt, riskiert sechs Monate Gefängnis und 75'000 Euro Strafe.

* Namen von der Redaktion geändert

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt