Dick im Kopf

Zu fett, zu schwabbelig, zu schwer: Ständig reden wir übers Gewicht und übers Abnehmen. Wieso tun wir uns und anderen das bloss an?

Wenn es ums Gewicht geht, ist unser Blick oft getrübt und unsere Laune betrübt.

Wenn es ums Gewicht geht, ist unser Blick oft getrübt und unsere Laune betrübt.

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Wir müssen reden. Nein, eben nicht übers Gewicht. Sondern über das ständige Kreisen um die paar Kilogramm, die wir unbedingt loswerden wollen, – nein: müssen. Am Bauch, an den Hüften, Oberschenkeln und am Doppelkinn. Die Oberarme und die Fesseln könnten auch schlanker sein. Also: Überall muss was weg.

Früher oder später erwischt es jeden: Oder kennen Sie auch nur eine einzige erwachsene Person, die noch nie auf einer Waage gestanden oder ihren Body Mass Index ausgerechnet hat? Die noch nie auf das Schnitzel am Mittag verzichtet hat und stattdessen ums Salatbuffet geschlichen ist, um am Ende ein paar Rucola-Blätter zu geschnittenem Eisberg zu drapieren? Eine Person, die neuerdings mittags eine Joggingrunde einlegt, abends auf das Znacht oder zumindest auf das Dessert verzichtet, weil es um den Hosenbund etwas eng geworden ist in letzter Zeit? Eben.

90 Prozent der Frauen betreiben Fat Talk

Abnehmen ist ein Dauerthema. Mit den Freundinnen bei der Nordic-Walking-Runde, mit den Kollegen am Mittagstisch, in den Medien sowieso. Und nun geht es auch noch immer schneller auf den Frühling zu, und der Winterspeck ist noch nicht da, wo er sein sollte, nämlich weg. Das beschäftigt viele.

Und wir reden jetzt nicht von den Fettleibigen. Nein, wir reden vom grossen Durchschnitt der Normal- bis maximal leicht Übergewichtigen. Die weder wirklich dick sind, noch fettleibig. Sondern höchstens ein bisschen pummelig. Wenn überhaupt. Trotzdem kreist das Gespräch immer wieder um überschüssige Kilos. Im Englischen gibt es sogar einen Begriff dafür: Fat Talk.

Der geht dann ungefähr so:
«Bin ich fett? Ich bin fett!»
«Nein!»
«Doch! Ich sehe aus wie eine Presswurst. Ich muss abnehmen.»
«Spinnst du? Wenn du fett bist, dann bin ich ein Elefant. Schau mal meine Oberschenkel an. Ich passe nicht mal mehr in meine Hosen. Die sind total eng! Ich muss unbedingt abnehmen.»

Aber statt uns uns eine grössere Hose zu kaufen, die weniger kneift, pressen wir uns jeden Morgen in die zu enge, was sich natürlich unangenehm anfühlt, wir verzichten auf Leckereien, quälen uns beim Sport und geben unsinnig Geld aus für Detoxsäfte, Pülverchen, die den Hunger stillen, Diätbücher, Abnehmhotels oder Schlankheitshypnotiseure. Logisch, schlägt das aufs Gemüt und bringt uns zum Klönen. Vermutlich ist die Häufigkeit von Fat Talk inzwischen gleichauf mit der Häufigkeit vom Small Talk übers Wetter.

Fast alle Frauen tun es: Laut einer psychologischen Studie sind es fast 90 Prozent, die regelmässig Fat Talk betreiben, also an ihrem Körper herumnörgeln, jung, alt, attraktiv oder weniger und vor allem: unabhängig davon, wie viel Kilos sie mit sich herumtragen. Bei den Männern ist es jeder Vierte. Allerdings: Nur ein Zehntel, der über Gewichtsprobleme klönt, ist tatsächlich übergewichtig. Oder umgekehrt: Die ganz grosse Mehrheit hätte gar keinen Grund dazu.

Pummelige würden länger leben

Schon gar keinen gesundheitlichen. Denn bedenklich wird das Gewicht normalerweise erst dann, wenn der Body Mass Index (BMI) den Wert 30 übersteigt. In der Schweiz betrifft das rund 10 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer. Eine dänische Studie hat ergeben, dass man mit einem BMI von 27 am längsten leben würde: Das wären 73,5 Kilo bei einer Körpergrösse von 165 Zentimetern, 82,7 Kilo für jemanden, der 1,75 Meter gross ist und 92,4 Kilo für einen, der 185 Zentimeter misst.

Mit solch einem für viele unverschämt hohen BMI fühlen sich die meisten aber viel zu fett. So wollen wir auf keinen Fall alt werden. Oder anders gesagt: Im Zweifel sind wir lieber schlank als gesund (jedenfalls solange wir nicht krank sind). Und so eine Magen-Darm-Grippe zwischendurch, idealerweise vor der Bikini-Saison, hat auch noch niemandem geschadet.

Attraktiver mit sieben bis neun Kilogramm weniger

Vielleicht ist das auch eine Erklärung dafür, warum wir unbeirrt zu irgendwelchen Mittelchen greifen, die zwar Schlankheit versprechen, aber dem Körper potentiell schaden. Oder warum Raucherinnen aus Sorge um eine drohende Gewichtszunahme lieber noch ein bisschen länger weiterpaffen, statt der Gesundheit zuliebe mit den Zigaretten aufzuhören. Hauptsache möglichst dünn. Obwohl, das wissen wir selber: Die Dünnen auf den Plakaten, die mit den langen Beinen und langen Haaren, sind fern unserer Reichweite. Trotzdem machen wir uns einen enormen Stress.

Wobei, fällt es anderen überhaupt auf, wenn wir ein paar Kilogramm weniger auf die Waage bringen – und noch viel wichtiger – werden wir damit tatsächlich attraktiver? Diesen Fragen gingen Forscher aus Toronto nach: Damit man im Gesicht, wo sich eine Diät zuerst bemerkbar macht, etwas wahrnimmt, müssten wir Durchschnittsschweizer – Frauen wiegen im Mittel 64 Kilo und Männer 84,9 – drei bis vier Kilos abspecken. Aber: Um tatsächlich attraktiver zu wirken, müssten Männer im Schnitt satte 9 Kilogramm abspecken und Frauen 7. Schon noch viel.

Leute ohne Gewichtsprobleme sind suspekt

Vermutlich zu viel. Also definitiv genug für Fat Talk. Was einerseits dazu führt, dass wir uns selber nur noch mehr herunterziehen. Andererseits gehen wir damit unserem Umfeld gehörig auf die Nerven. Leute, die ständig darüber jammern, sie seien zu dick, werden nachweislich als weniger sympathisch empfunden als Leute, die tatsächlich übergewichtig sind, sich aber nicht darüber beklagen.

Psychologen sehen im Fat Talk als soziales Verhalten jedoch nicht nur etwas Schlechtes: Offenbar kann es das zwischenmenschliche Band stärken, wenn man vor anderen über seine körperlichen Schwächen jammert. «Du hast Gewichtsprobleme? Ich auch.» Also schon eine Gemeinsamkeit. Meist folgt dann noch irgendetwas Aufmunterndes: «Nein, du bist doch überhaupt gar nicht fett! Ich wünschte, ich hätte deinen kurvigen Hintern! Schau mal meinen Flacharsch an.» Wer Schwächen hat und diese auch zeigt, von dem geht keine Gefahr aus. Aber wehe derjenigen, die nicht jammert, sondern sogar sagt, sie sei mit ihrem Körper zufrieden! Das ist doch nicht normal.

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