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Der Wahnsinnige und der Wal

Alle reden von Robin Cornelius. Der Gründer des Textilunternehmens Switcher hat gerade «Das Switcher-Prinzip» herausgegeben. Im Buch erklärt er seine Lebens- und Geschäftsphilosophie.

Immer für ein paar Faxen zu haben: Switcher-Gründer Robin Cornelius in der Lagerhalle in Lausanne.
Immer für ein paar Faxen zu haben: Switcher-Gründer Robin Cornelius in der Lagerhalle in Lausanne.
Susanne Keller

Ein Gespräch mit Robin Cornelius zu führen, ist eine Herausforderung. Der 57-Jährige kann nicht still sitzen und bei einem Thema bleiben, er springt immer wieder auf, holt sein iPad, um Fotos zu zeigen, erklärt fast bis zur Aufdringlichkeit, wieso man unbedingt ein Switcher-T-Shirt kaufen müsse – und sowieso mag er nicht über sein neues Buch «Das Switcher-Prinzip» reden. Die Erklärung: «Mich interessiert nicht mein Leistungsausweis der letzten dreissig Jahre oder mein Besitzstand, sondern immer nur die nächste Viertelstunde.» So heisst es im Buch, das der Switcher-Gründer und heutige Verwaltungsratspräsident mit dem Berner Journalisten Mathias Morgenthaler geschrieben hat.

Begeistert erzählt Robin Cornelius am Switcher-Hauptsitz in Le Mont-sur-Lausanne von seiner neusten Idee, einer Kleiderlinie namens Geelee. Das sind superbequeme Einteiler in bunten Farben. «Wir wollen die Mode demokratisieren», sagt Cornelius. Dünne und Dicke sollen gleich unförmig aussehen. Er benutzt einen seiner Lieblingssätze, um Geelee zu beschreiben: «C’est cool.» Damit hat er auch das Switcher-Prinzip zu einem grossen Teil erklärt: jung, aufs Wesentliche konzentriert, nachhaltig und sozial verantwortungsvoll – ganz wie es dem Trend entspricht.

Cornelius verhält sich wie ein Kind auf Speed. Manchmal fragt man sich, ob er den Wahnsinnigen nur spielt oder ob er tatsächlich so ist. Das Gezappel passt nicht richtig zu dem Mann mittleren Alters mit dem hohen Haaransatz und den tiefen Furchen auf der Stirn. «Extrem sympathisch», denkt man in einem Moment und im nächsten: «Jetzt übertreibt er es aber definitiv.»

Ein knallgelber Wal als Logo

Der gebürtige Schwede flog in der Schweiz wegen seiner Aufsässigkeit mehrmals von der Schule. Man kann sich das gut vorstellen. Im Gespräch interessiert er sich weniger für die Fragen, sondern redet lieber über das, was ihn gerade bewegt. Obwohl das nicht die besten Voraussetzungen sind, um ein Thema zu vertiefen, studierte Cornelius Wirtschafts- und Politikwissenschaften. 1981 lancierte er in Lausanne die Marke Switcher. Wieso ausgerechnet eine Kleiderlinie? Ganz einfach: «Eines Tages sah ich im Fernsehen, wie der US-Präsident Jimmy Carter joggte, die Bodyguards folgten ihm in ihren Anzügen. Da dachte ich, ich mache doch bequeme Sportkleidung», erklärt Cornelius. Im Buch beschreibt der Switcher-Gründer seine Anfänge prosaischer: Als Student organisierte er gemeinsam mit anderen einen Sportanlass und importierte dafür Sweatshirts aus Portugal, die er mit drei bis vier Franken Gewinn verkaufte. Als Logo für seine Firma wählte der Switcher-Gründer einen knallgelben Wal. Das ist kindlich, fröhlich, verspielt und ein wenig schräg – genau wie Cornelius.

Schulen in Indien gebaut

Switcher steht aber auch für ernsthafte Anliegen. Seit den 1990er-Jahren setzt sich das Unternehmen für nachhaltig und fair produzierte Textilien ein. In Indien, wo die T-Shirts, Sporthosen, Sweatshirts und Jacken teilweise hergestellt werden, liess Cornelius mehrere Schulen bauen. Vor einigen Jahren hat das Unternehmen auch den sogenannten Respect-Code eingeführt: Über einen Code auf den Etiketten können die Konsumenten zurückverfolgen, unter welchen Bedingungen ein Kleidungsstück entstanden ist. Der Verwaltungsratspräsident ist überzeugt, dass die Rückverfolgbarkeit ein neuer Trend wird. Unternehmen, die es verpassten, ihr soziales und ökologisches Verhalten transparent zu machen, schadeten sich langfristig selber. Als Beispiel dafür nennt er Apple. Die schlechten Arbeitsbedingungen in der chinesischen Produktionsstätte Foxconn haben zu einem riesigen Image-Schaden geführt.

Nachhaltig produzierte Kleidung müsse auch nicht teuer sein, erklärt Cornelius. «Die Ausgaben für ökologische Baumwolle und faire Löhne machen vielleicht 1 Franken pro T-Shirt aus.»

Plädiert für weniger Konsum

Erstaunlicherweise findet der T-Shirt-Verkäufer, dass die Leute weniger Kleider besitzen sollten. Ein Widerspruch? «Wir wollen lieber mehr Leute, die unsere Produkte kaufen, als einzelne Leute, die mehr Produkte kaufen», meint er. Weniger kryptisch liest sich die Antwort im Buch: «Muss ich wirklich hundert Shirts à zehn Franken verkaufen, oder wäre es sinnvoller, fünfzig unverwüstliche Shirts à zwanzig Franken abzusetzen? Der Ertrag ist derselbe, die Auswirkungen auf die Umwelt sind aber ganz andere.»

Der 57-Jährige wird ungeduldig. Er tigert im Lagerraum umher, wo die Fotos von ihm geschossen werden. Nervös tippt er auf sein iPhone. Er verabschiedet sich, muss dann aber doch noch etwas sagen, kommt zurück und erzählt von seinen Kindern im Alter von 19, 22 und 25 Jahren. Sie seien viel seriöser als er, sagt er. «Nur die Jüngste, die ist verrückt wie ich.»Mirjam ComtesseDas Switcher-Prinzip. Warum uns weniger mehr bringt: Robin Cornelius, Wörterseh, 160 Seiten.

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