Das Vorspiel zum Food Porn

Sogenannte Food Clips lösen keine Kochreflexe aus – und ernten trotzdem Millionen Likes.

Ein Gericht in weniger als einer Minute: Food-Clip von Tasty.

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Eigentlich sind die Food Clips auf Facebook ja nur die logische Folge des Food-Porn-Hypes der vergangenen Jahre. Oder besser gesagt deren Vorspiel – eines, zu dem die Bezeichnung «Food Porn» sogar noch besser passt: Es gibt schliesslich nicht nur fertiges Essen als Foto, sondern dessen Zubereitung im Videoformat. Eigentlich könnte man die Rezeptvideos auch «Fast Food Porn» nennen, sind sie doch allesamt im Zeitraffer gefilmt: In 30 bis 70 Sekunden ist das fertige Gericht parat. Dazu Musik, aber keine Worte, wie bei einem Stummfilm oder bei den kultigen «Silent Cooking»-Kochshows von früher.

Anonyme Hände hantieren im Zeitraffer

Köche oder Köchinnen sind in den Facebook-Food-Videos aber keine zu sehen, nur jeweils zwei Hände aus der Vogel- beziehungsweise aus der Kochperspektive gefilmt, so, als seien es die eigenen Hände, auf die man beim Zubereiten schaut. Die zwei anonymen Hände – wahlweise mit lackierten Nägeln, filigranen oder fleischigen Fingern – hantieren flink mit Zutaten, Schüsseln, Messern, Löffeln, Pfannen, Kochplatten und Tellern. Jeder Schritt vom Eierschlagen zum Gemüseschnipseln zum Kochen und Drapieren wird gezeigt, zackig im Zeitraffer statt im Originaltempo. Die von oben gefilmten Tischplatten sind durchwegs attraktiv, stets geputzt und aufgeräumt, nicht wie sonst bei Kochsendungen; gekleckert wird in Food-Videos offenbar nicht.

Die Facebook-Seite Tasty legte vor neun Monaten den professionellen Grundstein für den Hype, inzwischen hat sie schon über 47 Millionen Fans. Laut dem Social-Media-Analytik-Tool Socialbakers kommen täglich fast 210'000 neue Likes hinzu. Allein in den vergangenen drei Wochen konnte Tasty mit insgesamt 40 Videos über eine Milliarde Views und rund 15 Millionen Likes einheimsen, wie die digitale Marketing-Plattform Online Marketing Rockstars nachgezählt hat.

Lanciert wurde Tasty von Buzzfeed, dem Medienportal, das schon bei den Katzenvideos den richtigen Riecher hatte. In den vergangenen Wochen und Monaten sind zahlreiche weitere Food-Facebook-Seiten entstanden, die ebenfalls kurze Rezept-Clips in ihren Feed einspeisen. Sie heissen Futtern, Tastemade, Foodboom oder Kuqui und konnten ebenfalls in kurzer Zeit Tausende Fans gewinnen und so in den Facebook-Feeds ihrer Freunde landen.

Rezept-Videos als Meditation

Die Zeitraffer-Rezepte zeigen Ess- und Trinkbares mit Namen wie Stuffed Steak Rolls oder Raffaello-Wodka und sind raffiniert wie simpel, entsprechend leicht wären sie nachkochbar. Eigentlich. Erstaunlicherweise scheinen die Videos jedoch keinen Kochreflex auszulösen. «Hast du schon mal etwas nachgekocht?», wird ein Kommentarschreiber gefragt, der sich bereits alle Rezept-Videos einer Food-Facebook-Seite angeschaut hat und sehnsüchtig auf Nachschub wartet. Seine Antwort: «Noch nicht, aber ich habs vor.» Vermutlich wird es beim Vorhaben bleiben, was weniger daran liegt, dass die gefilmten Gerichte zu wenig schmackhaft wirken.

Was also ist der Grund, dass die Rezept-Videos einen trotzdem so in den Bann zu ziehen vermögen, dass sie tausendfach angeklickt und kommentiert werden? Das versuchte eine Autorin im «New York Magazine» zu erklären. Sie bezeichnet die Tasty-Videos als «1-Minute-Meditationen», die sie in einen «Zen-Modus» versetzten, auch, weil die Videos, die in ihrer Timeline landeten, automatisch abgespielt würden. Da könne man gar nicht wegschauen. Besonders inmitten all der Negativnachrichten, die täglich auf einen einprasselten. Einfache Aufgaben, wie jemandem bei der Zubereitung eines hausgemachten Auflaufs zuzuschauen, seien unglaublich erfreulich in einer chaotischen Welt. «Wer mag es nicht, dabei zuzuschauen, wenn eine Aufgabe in weniger als einer Minute vom Start bis zum Ende gelöst wird?»

Buzzfeed hatte den Erfolg von Tasty kommen sehen, wie die Autorin auf Nachfrage erfahren hat. «Essen ist etwas, das Menschen natürlicherweise miteinander teilen, also war es klar, dass die Leute darauf abfahren würden, die Food-Videos zu teilen.» Ganz so fröhlich und harmlos bleibt die Welt jedoch auch auf Tasty und Co. nicht, denn die Social Videos können selbstverständlich kommentiert werden. Alleine Tasty zählte in diesem Jahr bereits weit über 80 Millionen Kommentare. Unterhalb des Zeitraffer-Videos mit dem Titel «Greek-yogurt veggie dip», das seit rund zwei Wochen auf dem brasilianischen Tasty-Ableger Tasty Demai zu sehen ist, entbrannte ein Streit zum Thema Joghurt, mit der Folge, dass sich unter anderem griechische, türkische und amerikanische Kommentarschreiber angegriffen fühlten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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