Das Profilbild meiner Tochter

Analyse

Zuschauen, ausprobieren, schauen, wohin es führt: Heranwachsende müssen heute auch eine digitale Persönlichkeit entwickeln. Gedanken einer Mutter, die das vermaledeite Internet liebt.

Leben im Netz: Ohne Laptop, Tablet und Smartphone geht fast nichts mehr.

Leben im Netz: Ohne Laptop, Tablet und Smartphone geht fast nichts mehr.

(Bild: Keystone Elisabeth Real)

Michèle Binswanger@mbinswanger

Ich stand im Apple-Store in der Schlange. Vor mir nervte ein Mann den Verkäufer mit tausend Fragen zum brandneuen iPad, die er sich auf einem Blatt notiert hatte. Derweil wuselten meine Kinder, sechs und acht, zu den ausgestellten Geräten. Während der Notizenmann noch seine Schrift zu entziffern suchte, hatten sie die Spiele auf dem iPad bereits gefunden.

Meine Kinder sind beide im neuen Jahrtausend geboren. Die Zeit ohne Youtube, Google und Smartphones erscheint ihnen so fern wie uns das Mittelalter. Meine heute zwölfjährige Tochter wusste schon besser über die Bedienungsfunktionen meines Smartphones Bescheid, bevor sie ihr eigenes besass. Erwachsene benutzen ihre Geräte gewöhnlich konservativ für klar definierte Zwecke. Kinder gehen damit um wie mit allem anderen auch: beobachten, ausprobieren, schauen, wohin es führt.

Tücken der digitalen Erlebniswelt

Ihre digitale Kindheit verlief harmlos. Meine Kleinen spielten und youtubten ein bisschen unter meiner Aufsicht. Doch nun schickt sich meine Tochter an, ins vielgestaltige Korallenriff pubertärer Verwirrungen zu tauchen. Wie jede Mutter hoffe ich, dass sie heil zurückkehren und eine gefestigte Identität mitbringen wird. Und wie jede Mutter mache ich mir Sorgen.

Denn heutige Teenager leben in einer digitalen Erlebniswelt mit ihren Verlockungen zur Selbstdarstellung. Das kann selbst für Erwachsene tückisch sein, die so etwas wie eine ausgereifte Persönlichkeit mitbringen. Jugendliche müssen diese erst noch entwickeln.

Facebook und Filzmützen

Es fängt schon beim Profilbild an. Natürlich habe ich meine Tochter tausendmal davor gewarnt, ihr Bild ins Netz zu stellen. Aber diese Forderung ist unhaltbar geworden, als das Netz ihrer Freundinnen sich digital zusammengeschlossen hat und jetzt über den Messenger-Dienst Kik kommuniziert. Würde ich ihr das Mitmachen verbieten, käme ich mir wie eine jener Mütter vor, die ihre Kinder auch im Schulalter noch mit selbst gefilzten und gefärbten Zipfelmützen einkleiden.

Ich würde sie zur sozialen Aussenseiterin stempeln. Ausserdem muss sie es lernen. Also hat meine Tochter nun auch ein Profil mit Bild und verbringt ihre Abende chattend. Was man halt im Netz so macht: ausprobieren, schauen, wohin es führt.

Hot or not?

Manchmal zeigt sie mir ihr Netzwerk, scrollt durch Profilfotos, deutet auf Schülerinnen, die kokett in die Kamera blicken: «Ist die nicht hübsch?» Ich nicke. Sie scrollt weiter. «Und die finde ich auch schön.» Etwas hilflos frage ich dann: «Ist sie denn auch nett? Kann sie etwas?» Meine Tochter zuckt mit den Schultern. Das spielt keine Rolle – wie sollte sie es aufgrund eines solchen Profils auch wissen? Schliesslich war es die Rating-Site «Hot or Not», die Mark Zuckerberg zu Facebook inspirierte.

Auch zu meiner Zeit ging es in der Pubertät um Status, aber so oberflächlich war es damals nicht, bilde ich mir ein. Der Gruppendruck war weniger ausgeprägt, die Sozialkontrolle durchlässiger. Weniger gefährlich war es auch. Und nicht jeder hatte ein Gerät, das Bilder machte und verschickte und das Tratschen weltweit erlaubte.

Das vermaledeite Internet – ich liebe es. Aber aus der Mutterperspektive ist es ein Rennauto, in dem meine Kinder eine viel befahrene Kreuzung überqueren, ohne fahren gelernt zu haben oder die Verkehrsregeln zu kennen. Auch meine Mutter hielt die Welt allerdings für gefährlich und sorgte sich. Wie es im Gedicht «Unsere Kinder» von Khalil Gibran heisst: «Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen/Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.»

Das Spiel verändert sich von Generation zu Generation, die Spieler bleiben dieselben. Auch wir waren narzisstische, fiese, wütende, verunsicherte und geile Teenager und hielten uns für den Mittelpunkt der Welt. Auch wir mussten lernen, uns in die vorhandenen Strukturen einzufügen. Und wir taten es genau gleich wie die Kids von heute: zuschauen, ausprobieren, schauen, wohin es führt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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