Das Grosi hütet Kinder gut. Die Kita auch

Immer selbstverständlicher profitieren gut verdienende und gut ausgebildete junge Eltern vom Angebot der Kindertagesstätte. Und viele Grosseltern verlieren die Bedenken aus alter Zeit.

Heute hüten die Grosseltern: Pia und Martin Leuzinger mit ihren Enkelkindern Kira und Lev.

Heute hüten die Grosseltern: Pia und Martin Leuzinger mit ihren Enkelkindern Kira und Lev.

(Bild: Walter Pfäffli)

Die Krippe, verheisst ein erster Eintrag im Internet, ist «ein hölzerner Futtertrog für Nutzvieh». Nun, wir wissen sogar um das Jesuskind in der Weihnachtskrippe – möchten allerdings etwas über die Krippe als Kinderhort in Erfahrung bringen. Über jene Institution, die seit Jahrzehnten jede Menge Studien provoziert, die ihrerseits Thesen und Antithesen gebären, Hoffnungen und Ängste schüren. So glaubte man bis vor kurzem, die Krippe sei Erziehungshilfe für Alleinerziehende oder tauge allenfalls für den Nachwuchs aus bildungsfernem Milieu, während alle anderen Kinder daheim besser aufgehoben seien. Entsprechend genierte sich die Generation unserer Grosseltern: Wer ein Kind in den Hort gab, bekam Mitleid, Häme, Kritik der gehobenen Mittelschicht zu spüren. Tempi passati?

Peter Niederhauser, Leiter Kinderbetreuung Burgdorf, ortet ein Gefälle zwischen Stadt und Land: «In den Dörfern des Emmentals gilt die institutionelle Kinderbetreuung noch immer als sehr komisch; die Leute finden, fürs Kinderhüten habe man schliesslich ein Grosi.» Dagegen sei es in Städten wie Bern und zunehmend in Burgdorf selbstverständlich geworden, dass Eltern zu beiden Teilen berufstätig seien, sich ebenso gleichberechtigt an der Erziehung beteiligten und deshalb das Angebot der Krippe schätzen würden. Umso mehr, als auch die Grosseltern häufig noch erwerbstätig seien oder sich nicht für fixe Hütedienste verpflichten möchten. «Die Gesellschaft hat sich verändert, und das externe Betreuungsangebot ist gewachsen.»

Niederhauser rechnet vor, wie in Burgdorf mit ehemals 30 Krippenplätzen seit dem letzten Generationenwechsel aufgestockt wurde. So seien heute mit dem Angebot von Krippenverein und zwei privaten Kitas total 75 Plätze vorhanden. Im vergleichbaren Langenthal verdoppelte man die Kapazität der Krippe auf 66 Plätze, und das Gesamtangebot mit Tageseltern und Tagesschulen wurde laut Adrian Vonrüti, dem Vorsteher Sozialamt, «mindestens vervierfacht». In Thun schliesslich wurden seit 1999 allein die subventionierten Krippenplätze von 66 auf 103 erhöht. «Noch vor zehn Jahren hiess es, man dürfe Kinder nicht abschieben. Ein Partner, der das Einkommen sicherte, war das A und O», sagt Brigitte Galli von der Direktion Sicherheit und Soziales. Dass die Familie auf zwei Einkommen angewiesen ist, gab es allerdings immer schon (siehe Kasten links).

Zu viel des Guten?

In der modernen Kita wird nach pädagogischen Leitsätzen gearbeitet, wie es Kindergarten und Schule vormachten. Mit dem Unterschied, dass hier eine Klientel ab zwei Monaten heranwächst – und also eine «zielorientierte Förderung» erfährt in den Bereichen Spiel- und Sozialverhalten, Psychomotorik, Wahrnehmung, Emotionalität, Selbstständigkeit. Auf der Website der Berner Kita Wombat, die von der Burgdorfer SVP-Nationalrätin Nadja Pieren geleitet wird, findet sich ein Eintrag von Eltern, die ihre Tochter wie ein geglücktes Projekt feiern. Wörtlich: «Dank der Kita ist sie früh selbstständig, sozial und durchsetzungsfähig geworden – eben ganz die Tochter, wie wir sie uns wünschen.»

Auch Thomas Schmid aus Burgdorf machte mit der Kita viele gute Erfahrungen. Seine Frau und er waren froh, die Kinder nur einen Tag pro Woche abgeben zu können. Wegen der «pädagogischen Grundsätze» erwarten die meisten Kitas, dass die Kinder an mindestens zwei Tagen gebracht werden; damit hat der Berufsschullehrer und Familienmediator Mühe. Zum dritten Mal Vater geworden, hat er sein Arbeitspensum gesenkt und versucht nun gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls Lehrkraft, künftig auf die Institution zu verzichten. «Erziehung will ich nicht grundsätzlich delegieren, die programmierte Frühförderung entspricht mir nicht, und fixe Präsenzzeiten binden zu sehr», kritisiert Schmid.

Grosi und Grossvati in der Kita

Auch andere Kita-Kunden wünschten sich flexiblere Öffnungszeiten, sie sind dafür rundum zufrieden mit dem pädagogischen Angebot. Zum Beispiel die Eltern von Lev und Kira, die ihre Kinder an zwei Tagen in die Kita gaben. Und einmal sogar die Grosseltern schickten. Denn Martin (67) und Pia (65) Leuzinger aus Burgdorf hatten Bedenken gegen die externe Betreuung geäussert und wurden also gebeten, sich vor Ort ein Bild zu machen. Pia Leuzinger erinnert sich: «Es stimmte uns traurig, dass unsere Enkel fremdbetreut werden sollten. Doch unsere Jungen liessen sich nicht vom Entscheid abbringen, wir mussten uns damit anfreunden.» So besuchten die Grosseltern aus dem Emmental die Stadtberner Kita – und konnten sich davon überzeugen, dass ihre Enkel liebevoll betreut werden. «Wir sehen es heute nicht mehr negativ, die Kinder profitieren viel», sagt Martin Leuzinger. Fügt aber an: «Was uns immer noch Mühe macht, ist das frühe Übergeben. Für uns wäre die Kita erst ab circa drei Jahren eine Option.» – «Dabei», wirft seine Frau ein, «hiess es immer, wir hätten so scheue Kinder Ja, unsere Grosskinder sind wirklich selbstbewusster!» Darauf hat Lev gewartet. Der 7-Jährige sprudelt los: «Uh, einmal musste ich abtrocknen, das war ‹hönne› langweilig, aber die Frau war streng, die wollte sich nicht pensionieren lassen, dabei war die so alt wie Grossvati!»

Elena hat, was Jakob fehlte

Sie würden es genau so machen wie ihre Jungen: Margrith (58) und Jakob (59) Gillmann aus Moosseedorf haben als Eltern, respektive Schwiegereltern, die Absicht unterstützt, für die kleine Elena einen Kita-Platz zu suchen. «Weil wir berufstätig sind, könnten wir nicht regelmässig hüten, und wir glauben auch nicht, dass das besser wäre», sagen sie. Als wichtig erachten Gillmanns, dass ihre Tochter in ihrem anspruchsvollen Beruf weiter tätig bleibt (siehe Kasten rechts). Aber natürlich freuen sie sich auch über die Fortschritte ihres ersten Grosskindes – etwa über die Lockerheit, mit der Elena auf andere Kinder zugeht. «Ich bin behütet in einem Dorf aufgewachsen mit wenig Kontakten zu Kindern. Was mein Grosskind spielend lernt, musste ich später nachholen», sagt Grossvater Jakob. Als Ingenieur FH hat Gillmann bis zum heutigen Tag auswärts gearbeitet. Bevor seine Frau teilweise in ihren medizinischen Beruf zurückkehren konnte, lebten sie das alte traditionelle Familienmodell. Jakob und Margrith Gillmann sind überzeugt: «Hätte die Möglichkeit einer Kita bestanden – wir hätten sie ernsthaft geprüft.»

Berner Zeitung

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