«Das fängt bei Energydrinks an und hört bei Amphetaminen auf»

Jugendliche trinken weniger – leben dadurch aber nicht zwingend gesünder. Suchtforscher Bert te Wildt über die neuen Süchte von Jugendlichen.

Jugendliche trinken und kiffen viel weniger, geht aus einer Befragung von Sucht Schweiz hervor.

Jugendliche trinken und kiffen viel weniger, geht aus einer Befragung von Sucht Schweiz hervor.

(Bild: Keystone)

Philippe Zweifel@delabass

Laut einer aktuellen Studie trinken Junge weniger – könnte das auch sein, weil sie mehr Zeit an den Handys und im Netz verbringen? Haben wir hier eine Suchtverlagerung? Dazu kann es kommen. Der Umgang mit Leistung und Konkurrenz hat sich bei den Jungen ja stark verändert. Es gilt als cool, Ellbogen zu zeigen. Das zeigen allein schon die vielen Castingshows. Diese Leistungsbereitschaft kann aber auch negative Folgen haben, etwa Selbstüberschätzung und Überlastung sowie das Gefühl, per Social Media ständig erreichbar und präsent zu sein. Wobei daraus ironischerweise wieder eine stoffgebundene Sucht werden kann.

Wie das? Zum Beispiel durch den Konsum von leistungssteigernden Mitteln. Das fängt bei Energydrinks an und hört bei Amphetaminen auf. Und um runterzukommen, wird bisweilen Cannabis oder auch ein Beruhigungsmittel eingesetzt.

Bleiben wir bei der Internetsucht. Was treiben die Jugendlichen online exzessiv? Bei den jungen Frauen sind es Social Media, bei den Jungs vor allem Onlinegames. Cybersex wiederum spielt eine untergeordnete Rolle, dort ist der Peak bei 40-jährigen Männern. Wie bei anderen Suchtmitteln gilt: Je früher man damit in Kontakt kommt, desto grösser ist die Gefahr, dass man abhängig wird.

Nun ist das Internet, im Unterschied zu anderen Suchtmitteln, kaum aus dem Leben wegzudenken. Es ist ja per se auch nicht schädlich. Das Internet an sich ist natürlich weder gut noch schlecht. Doch gerade die Präsenz von sozialen Medien verändert die Kommunikation und die menschlichen Beziehungen. Denken Sie zum Beispiel an eine Frau, die ihr Baby stillt und dabei ein Smartphone bedient. Da geht etwas Wichtiges verloren. Dessen sollten sich die Menschen bewusst sein – was viele Junge eben nicht sind.

Wann ist man denn süchtig? Da gibt es keine konkreten Limits oder Zahlen. Man muss das einzelne Suchtverhalten anschauen respektive dessen Auswirkungen auf die persönliche Leistung, die sozialen Kontakte und den eigenen Körper.

Welche Rolle spielt die Bildung? Es fehlen zwar noch eindeutige Studien. Es lässt sich aber sagen, dass früher Jugendliche aus gebildeten Gesellschaftsschichten eher von Internetsucht betroffen waren. Denn Computer und das Internet waren teuer. Heute ist es umgekehrt: Die Realität ist teuer. Sport, Urlaub und andere analoge Ressourcen sind nicht für alle gleich leicht zugänglich.

Wie behandeln Sie Internetsüchtige? Entscheidend ist die Abklärung: Soll man komplett mit der spezifischen Internetnutzung aufhören – oder soll es eine kontrollierte Nutzung geben? Letzteres ist ungleich schwieriger. Ausserdem gilt es, dem Patienten aufzuzeigen, was er stattdessen machen kann. Und wie man das Belohnungssystem in der realen Welt anregt.

Wie zeigt man das? Beispielsweise durch realen Sport und realen Sex oder durch anregende Hobbys, die gemeinsam mit Freunden oder Familienangehörigen betrieben werden.

Wie hoch ist die Rückfallquote bei Internetsucht? Die liegt bei ungefähr 30 Prozent – leicht tiefer als bei Alkoholsüchtigen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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