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«Alle kommen, um die Risse von Lochwiller zu sehen»

Häuser in Schieflage, Fassaden voller Risse, eine eingesunkene Strasse – im elsässischen Lochwiller bewegt sich der Boden. Die Ursache des Phänomens ist mittlerweile klar, wer die Schäden bezahlt jedoch nicht.

«Seit zwei Jahren geht alles kaputt», sagt ein Einwohner: Deformierte Strasse in Lochwiller. (4. Juli 2013)
«Seit zwei Jahren geht alles kaputt», sagt ein Einwohner: Deformierte Strasse in Lochwiller. (4. Juli 2013)
Frédérick Florin, AFP
Durch eine chemische Reaktion ist im Untergrund Gips entstanden, der durch Wasser anschwillt und den Boden nach oben drückt.  (4. Juli 2013)
Durch eine chemische Reaktion ist im Untergrund Gips entstanden, der durch Wasser anschwillt und den Boden nach oben drückt. (4. Juli 2013)
Frédérick Florin, AFP
Durch die Bohrung ist eine undurchlässige Tonschicht durchstossen worden. So drang Wasser in die darüberliegenden Schichten. Ob jemand den Schaden übernimmt, ist noch nicht klar. (4. Juli 2013)
Durch die Bohrung ist eine undurchlässige Tonschicht durchstossen worden. So drang Wasser in die darüberliegenden Schichten. Ob jemand den Schaden übernimmt, ist noch nicht klar. (4. Juli 2013)
Frédérick Florin, AFP
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Und die 450 Einwohner fürchten, dass ihr Dorf eines Tages gar nicht mehr bewohnbar sein wird. Nach einigem Rätselraten scheint nun zumindest die Ursache des Phänomens geklärt: Experten zufolge wurden die Schäden durch Bohrungen für eine Erdwärmeheizung verursacht. Die Bewohner sind stinksauer über den Vorfall, der sich so auch schon in Süddeutschland ereignet hat.

«Seit zwei Jahren geht alles kaputt», wettert Rodolphe Matjeka und zeigt auf die Risse an seinem Haus, einem typisch elsässischen Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert, den er 2009 erworben hat. Eine der Treppen sei «in zwei Teile gebrochen». Die angrenzende Scheune habe er abreissen lassen müssen, weil sie zusammenzubrechen drohte. Der vom Pech verfolgte Hausbesitzer hat mittlerweile ein Gericht angerufen, um Schadensersatz zu fordern. Die Reparaturen hätten ihn schon schon «mehrere zehntausend Euro» gekostet, klagt Matjeka.

Grosser Druck

Mehrere Nachbarn, deren Häuser ebenfalls betroffen sind, haben sich mittlerweile der Klage angeschlossen. «Zuerst meinten wir, die Neubausiedlung da oben sei schuld», erläutert Matjeka und zeigt auf einige neue Häuser auf einem Hügel. Von Fachleuten vorgenommene Messungen hätten aber die tatsächliche Ursache ausgemacht: Bohrungen für eine Erdwärmeheizung in einem nahegelegenen Garten.

Dabei sei in mehr als 100 Metern Tiefe eine undurchlässige Tonschicht durchbohrt worden, erläutert einer der Experten. Das darunterliegende Grundwasser sei mit grossen Druck nach oben geschossen und in eine relativ weiche Gesteinsschicht gedrungen. Durch eine chemische Reaktion mit dem Calciumsulfat des Gesteins sei Gips entstanden, der durch das Wasser angeschwollen sei und den Boden nach oben gehoben habe.

«Immer mehr Häuser werden unbewohnbar»

Das gleiche Phänomen ist bereits seit 2007 im badischen Staufen im Breisgau zu beobachten, wo der Boden unter dem historischen Stadtkern ebenfalls nach einer Erdwärmebohrung in Bewegung geraten ist. Bis heute wurden in dem knapp 8000 Einwohner zählenden Städtchen mehr als 200 Gebäude beschädigt.

Im rund 33 Kilometer nordwestlich von Strassburg gelegenen Lochwiller sind die Schäden bisher nur an einigen Häusern zu sehen. Doch das Grundwasser breite sich immer weiter aus, erläutert der Experte. «Langfristig wird das ganze Dorf betroffen und immer mehr Häuser werden unbewohnbar sein.»

Betroffen ist auch die Neubausiedlung. Ihr Haus neige sich immer mehr zur Seite, klagt eine jungen Familienmutter. Auch die neuen Strassen der Siedlung schwellen an - innerhalb von drei Jahren wurde der Asphalt um rund zehn Zentimeter nach oben getrieben. Eine Strasse musste bereits gesperrt werden.

Der Bürgermeister schweigt

«Ich habe noch nichts festgestellt», versichert ein junger Mann, dessen Haus rund hundert Meter von der Bohrstelle entfernt liegt. Ein Opfer sei er dennoch: «In Lochwiller lässt sich kein Haus mehr verkaufen», betont er. «Ich zahle also einen Kredit für eine Immobilie ab, die nichts mehr wert ist.» Noch dazu sei das Dorf ein Ausflugsziel für Schaulustige geworden. «Sonntags, nach dem Mittagessen, kommen sie, um die Risse von Lochwiller zu sehen», sagt er bitter.

Der Bürgermeister der Gemeinde, Jean-Marie Storck, will nichts zu der Angelegenheit sagen, bevor die vom Gericht bestellten Gutachter ihren Bericht abgeliefert haben. In einer ersten Stellungnahme deutet ein vom Gericht beauftragter Gutachter eine Lösung an: Das gesamte Gebiet rund um die Bohrstelle müsse abgedichtet werden, um das Ansteigen des Grundwassers zu stoppen. Doch ob das gelinge, sei nicht sicher.

Vor allem bleibt die zentrale Frage - wer wird für die Schäden aufkommen? «Ob das die Gemeinde ist, der Staat, die Bohrfirma oder der Heizungsinstallateur - ein Verantwortlicher muss ausfindig gemacht werden», fordert Matjeka. «Denn unsere Versicherungen weigern sich inzwischen, noch irgend etwas zu erstatten.»

AFP/wid

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