Alle finden faire Mode toll – doch kaum jemand trägt sie

Parallel zu den laufenden Modewochen versuchen Aktivisten aufzurütteln. Die Nachfrage nach Fair Fashion bleibt trotzdem verschwindend klein.

Umdenken nötig: Faire Mode spielt nach wie vor eine Aussenseiterrolle. (Screenshot aus Arte/«Eine andere Mode ist möglich»)

Umdenken nötig: Faire Mode spielt nach wie vor eine Aussenseiterrolle. (Screenshot aus Arte/«Eine andere Mode ist möglich»)

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Wie aufregend! Eine Jacke aus dem 3-D-Drucker, am Computer personalisiert und haargenau via App den eigenen Körpermassen entlang «geschneidert» und über Nacht ausgespuckt. Kein Fetzen Stoff zu viel verbraucht, sondern nur genau so viel wie nötig. Kein Teil zu viel produziert, sondern nur nach Bestellung. Also keine Verschwendung. Keine ausgebeutete Näherin, die das Teil zu menschenunwürdigen Bedingungen herstellen musste. Also fair produziert.

«Es ist der Anfang einer neuen industriellen Revolution in der Modebranche.» So erzählt es schwärmend die Dokumentation «Eine andere Mode ist möglich», die parallel zu den laufenden Fashionweeks in New York, London, Mailand und Paris bei Arteabrufbar ist.

Sozusagen als Protest gegen die Mode-Industrie als Ganzes und die Fast-Fashion-Industrie im Besonderen, deren hässliche Seite spätestens durch die Katastrophe von Rana Plaza sichtbar wurde, wo über 1138 ausgebeutete Näherinnen in einem Fabrikeinsturz ums Leben kamen und fast 2500 weitere verletzt wurden.

Immer dieselben Bilder, immer dieselbe Antwort

Natürlich werden die bestürzenden Rana-Plaza-Bilder auch in dieser Dokumentation gezeigt, so wie in all den vergleichbaren Filmen zuvor, wie etwa im sehr sehenswerten «The True Cost». Auch die beschämenden Bilder von Menschenmassen, die in einen Kleiderladen stürmen und wie hungernde Raubtiere über die Kleiderstangen und Regale herfallen, sind jedes Mal aufs Neue zu sehen. Die Doku erzählt von Umweltverschmutzung, Burn-outs bei Designern, einer Modewelt, die völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Kennen wir also alles, finden wir alles verabscheuenswert. Die Erkenntnis: So kann es nicht weitergehen. Und wir wissen auch, was die Lösung ist: Fair Fashion. Das ist auch die Botschaft der zahlreichen Aktivistinnen und Aktivisten, die von den Filmemachern begleitet und befragt werden. Zum Beispiel das Start-up, das strapazierfähige Spinnenseide ohne Spinnen herstellt und die Designerin Stella McCartney zu seinen Kunden zählt.

Die Designerin aus Frankreich, die aus ausrangierten Textilien, etwa einem 70er-Jahre-Vorhang mit Blumenmuster, gefragte Kurz-Kimonos nähen lässt. Upcycling heisst das, im Internet finden sich zahlreiche Videoanleitungen. Da sind die vier Designerinnen aus New York, die Jäckchen im Chanel-Stil komplett von Hand weben – Do-it-yourself für 3500 Euro und ein besseres Gefühl. Oder eben die innovative Designerin mit ihren 3-D-Print-Kreationen aus Tel Aviv.

Der Fair-Fashion-Anteil bleibt gering

Das ist alles schön und gut und wichtig, und es tut sich offensichtlich auch ganz viel. Aber: Das reicht offenbar bei weitem nicht. Denn geändert hat sich trotz aller Bemühungen so gut wie nichts seit Rana Plaza vor fünf Jahren. Da können noch so viele Dokumentationen gedreht, noch so viele Proteste organisiert, noch so kreative Alternativen aufgezeigt werden. Die Nachfrage nach fair produzierter Mode bleibt verschwindend klein, weltweit soll sie bei fünf Prozent liegen, was wohl eine eher optimistische Schätzung ist.

In der Schweiz ist der Umsatz an Fair-Fashion-Textilien (darunter Kleidung, Accessoires und Bettwäsche) ebenfalls klein, zwischen 2015 und 2016 – neuere Zahlen sind nicht abrufbar – ist er gar von 47 Millionen Franken auf rund 25,5 Millionen Franken deutlich eingebrochen. Zum Vergleich: Inditex, der Mutterkonzern von Zara, verzeichnete allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres einen Umsatz von 12 Milliarden Euro.

Es bleibt die Erkenntnis, dass faire Mode als Medienthema sehr beliebt ist und eine entsprechend grosse Plattform bekommt. Aber das entscheidende Umdenken bei der grossen Masse findet trotzdem nicht statt. Der Kleiderverschleiss geht nach wie vor weiter, und Fast-Fashion-Firmen verzeichnen laufend steigende Umsätze. «Die derzeitige Krise ist vielleicht nur der Anfang der Befreiung der Mode», heisst es in der engagierten Doku «Eine andere Mode ist möglich» ganz zum Schluss. Vielleicht aber auch nicht.

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