Achtung, Nachtschwärmer!

Am Mittwoch ist Tag des Schlafes, eine gute Ge­legenheit, sich einmal mit dem Phänomen des Schlafwandelns zu befassen, das immer noch nicht vollends erklärbar ist.

Bitte nicht abrupt wecken: Schlafwandler.

Bitte nicht abrupt wecken: Schlafwandler.

(Bild: Fotolia)

Ist das wirklich möglich? Der kanadische Student Kenneth Parks soll im Mai des Jahres 1987 mitten in der Nacht ganze 23 Kilo­meter weit mit dem Auto durch Toronto von Pickering nach Scarborough gefahren sein und dort seine Schwiegermutter umgebracht haben – während er schlief. Das Gericht wollte das nicht glauben und holte ein schlafmedizinisches Gutachten ein. Verschiedene Experten wurden befragt. Ergebnis: Parks wurde für unschuldig erklärt, obwohl feststand, dass er die Tat begangen hatte.

Die Fachleute streiten bis heute darüber, ob Parks wirklich als Schlafwandler gehandelt hat oder nicht. Einfach zu sagen ist das nicht, denn das Phänomen gibt den Wissenschaftern immer noch Rätsel auf.

Kein «gelebter Traum»

«Das eigentliche Schlafwandeln gehört wie auch das Sprechen im Schlaf zu den sogenannten NREM-Parasomnien, die nicht aus dem Traumschlaf, sondern häufig sozusagen aus dem Gegenteil davon, nämlich aus dem Tiefschlaf heraus, auftreten», erklärt Arto Nirkko, Chefarzt der zur Hirslanden-Gruppe gehörenden Klinik für Schlafmedizin in Luzern. Dabei befindet sich die Person mehr oder weniger immer noch im traumlosen Tiefschlaf, sie ist deshalb verlangsamt und kann nicht rasch und richtig reagieren. Dies führt zu einer erhöhten Unfallgefahr, zum Beispiel durch einen Sturz aus dem Fenster. Es handelt sich beim normalen Schlafwandeln also nicht um einen «gelebten Traum».

«Als Gegensatz dazu treten die sogenannten REM-Parasomnien im Traumschlaf auf», so Nirkko weiter. «Diese können im Zusammenhang mit dem Inhalt eines Traums auch ohne Herumwandern, aber durch wildes Umsichschlagen oder einen Sturz aus dem Bett zu Verletzungen von sich selbst oder des Bettpartners führen.» Die Muskeln seien also nicht mehr so ruhiggestellt, wie es in einer normalen Traumschlafphase üblich ist, damit ein Umsetzen der Traumbewegungen in die Wirklichkeit verhindert wird.

Menschen, die vom eigent­lichen Schlafwandeln betroffen sind, machen während des Schlafwandelns vor allem das, was sie im wahrsten Sinne des Wortes im Schlaf beherrschen. Einige setzen sich plötzlich im Bett auf und zupfen das Bettlaken zurecht, oder sie schütteln ihr Kopfkissen auf, ordnen Kleider und verrücken Möbel. Andere verlassen das Bett mit offenen Augen und starrem Gesichtsausdruck, um scheinbar unsinnige Dinge zu tun – was durchaus gefährlich werden kann. Sie steuern dabei gern helle Lichtquellen an, was zu der früheren Annahme führte, Schlafwandler könnten mondsüchtig sein. Das brachte dem Schlafwandeln die alte Bezeichnung Lunatismus (von lat. «luna» für Mond) ein.

Manche plündern den Kühlschrank und stopfen alles Greifbare in sich hinein. Andere wieder­um stolpern durch die Wohnung, stossen sich an Möbelstücken oder fallen der Länge nach hin. Noch gefährlicher wird es für die Betroffenen, wenn sie etwa den Herd zum Kochen anschalten oder das Haus verlassen. Experten sind sich einig: Die sprichwörtliche «schlafwandlerische Sicherheit» gibt es nicht. Somit ist auch klar, dass der Schlafende, der mit ausgestreckten ­Armen und vor allem mit ge­schlossenen Augen über den Dachfirst balanciert, ins Reich der Märchen und Mythen gehört und in der Realität nicht besonders weit kommen würde.

Wenn man schlafwandelt oder schlafwandelnde Angehörige hat, sollten Türen und Fenster möglichst verschlossen bleiben und störende Möbelstücke aus dem Weg geräumt werden. Ein Nachtlicht kann die Orientierung erleichtern. «Besorgte Zurufe sollten unterbleiben», empfiehlt der Ravensburger Psychiater und Neurologe Volker Faust, «sie könnten den Schlafwandler abrupt aufwecken. Der Betroffene sieht sich in ungewohnter Umgebung und reagiert erschreckt und meist falsch.» Wichtig sei es vielmehr, «den Schlafwandler während des Wandelns in gefährlicher Umgebung so behutsam zu steuern, dass er wieder allein ins Bett findet.» Wem das Ganze ein bisschen unheimlich vorkommt, der sollte vor allem als Erwachsener eine Fachperson aufsuchen.

Kinder häufig betroffen

Allein mit seinem Problem ist man nicht. Gemäss Studien machen 10 bis 30 Prozent aller Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren Episoden des Schlafwandelns durch. Viele Mediziner sind davon überzeugt, dass gerade bei dieser Gruppe das noch nicht ausgereifte Gehirn dafür verantwortlich ist. Während der Somnambulismus, wie das Schlafwandeln auch genannt wird, bei den jungen Menschen in der Regel mit der Pubertät wieder verschwindet, sind immerhin noch 1 bis 3 Prozent aller Erwachsenen davon betroffen. Doch was dieses Schlafwandeln im konkreten Fall auslöst, konnten die Wissenschafter bisher noch nicht her­ausfinden. Vererbung scheint eine Rolle zu spielen. Welchen Einfluss Schlafmangel, Stress, Medikamente und Alkohol haben, wird kontrovers diskutiert. Das Schlafwandeln dürfte die Wissenschafter also noch eine ganze Zeit lang nicht zur Ruhe kommen lassen.

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