Wie man über das Sterben spricht

Krebs

Krebs habe ein falsches Image, seine Diagnose bedeute nicht gleich ein Todesurteil, sagt der Krebsspezialist am Berner Inselspital. Wenn er aber Patienten den nahen Tod ankünden muss, tut Martin Fey das mit klaren Worten.

Chefarzt Martin Fey in der Universitätsklinik für Medizinische Onkologie am Berner Inselspital.

Chefarzt Martin Fey in der Universitätsklinik für Medizinische Onkologie am Berner Inselspital.

(Bild: Beat Mathys)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Bevor Chefarzt Martin Fey einem Patienten eröffnet, dass er an Krebs sterben wird, trifft er Vorkehrungen. Er legt die Krankengeschichte des Patienten bereit und checkt den aktuellen Stand. Er wählt einen freundlicheren Raum als sein enges Büro. Er sorgt dafür, dass er im Gespräch nicht gestört wird. Und er versichert sich, dass der Patient kein naher Freund oder ein Familienmitglied ist. Dann wäre die Distanz nicht gewährleistet, die er für das Gespräch braucht.

Eine gesunde Routine hilft

Wenn Fey dann mit dem Patienten zu reden beginnt, vermeidet er falsche Gesprächseinstiege. Er fasst zuerst ruhig sein Wissen und seine Einschätzung der Krankheitssituation zusammen. Er weckt keine übertriebenen Heilungshoffnungen. Er schlägt realistische Therapieziele vor. Die Frage der Überlebenschancen diskutiert er erst gegen Ende des Gesprächs. Oder dann, wenn der Patient darauf kommt.

Nie würde Fey zur Frage des Patienten, wie viel Lebenszeit ihm noch bleibe, eine exakte Anzahl Tage oder Monate nennen. Er habe schon oft erlebt, dass Prognosen unter- oder überschritten werden, sagt er. Aber immer stelle er dem Patienten die Rückfrage: «Wie definieren Sie Ihre Aussichten? Wollen Sie geheilt werden? Und wenn das nicht geht: Wollen Sie möglichst schmerzfrei leben?»

Wenn Fey diese Fragen mit sanfter Stimme stellt und die Krankheit mit erträglichen, aber doch deutlichen Worten anspricht, spürt man seine Souveränität, seine Erfahrung. Er hat eine Technik entwickelt, die er schwer beschreiben kann. Er akzeptiert das Wort «Routine» und blickt freundlich durch seine runde Brille. Ja, wenn man regelmässig das Sterben ansprechen müsse, brauche man «eine Art gesunde Routine». Denn Fey führt fast jede Woche ein Gespräch, in dem er jene Botschaft überbringen muss, die niemand hören will.

Was noch möglich bleibt

14'000 bis 15'000 Konsultationen gibt es jedes Jahr in der Klinik für Medizinische Onkologie am Berner Inselspital, deren Direktor Martin Fey ist. Die Onkologie ist die Wissenschaft, die sich mit Krebs befasst; sie umfasst neben Eingriffen die Prävention und verschiedene Therapieformen. Häufig sind sind Therapiepläne Feys Thema. Er diskutiert mit den Patienten, wie es weitergeht, wenn es nicht mehr weiterzugehen scheint. Auch eine beschränkte Lebensspanne lässt sich noch so organisieren, dass Lebensqualität möglich ist.

Fey bespricht, ob eine Operation noch Sinn macht. Ob eine Diät Linderung bringt. Und auch, wo man am besten sterben kann. Zu Hause? Ist da überhaupt jemand, der einen pflegen kann? Wenn ja, wären die Angehörigen mit der Pflege vielleicht überfordert? Verbringt man die letzten Tage besser auf einer Palliativstation?

Fey stellt nun klar, dass es nur bei einem Teil der Konsultationen in seiner Klinik gleich um Leben und Tod gehe. «Krebs hat ein falsches Image, er gilt einfach als Todesurteil», sagt der Onkologe. Aber das sei ein ungenaues Bild. Bei Brust-, Prostata- und Hodenkrebs oder auch bei anderen Krebsformen seien die Heilungschancen je nach Stadium gut. Fey spricht deshalb nicht generalisierend von «Krebs», sondern von bestimmten Krebsarten in einem gewissen Stadium.

Der Verlauf der Krankheit sei überdies unberechenbar. Er erzählt von einem Patienten, der dreimal lebendig aus der Palliativstation für Sterbende zurückgekehrt sei und dies so kommentiert habe: «Der da oben wollte noch nicht mich, sondern meinen Nachbarn.»

Der Tod ist nicht der Gegner

Wer mit Fey spricht, wundert sich. Darüber, dass ein Arzt so offen über den Tod spricht. Und dass es ihm im Angesicht des Todes nicht die Sprache verschlägt. Ist der Tod nicht der grosse Gegner des Arztes und das grosse Tabu der Medizin? Fey lächelt fein. «Der Tod triumphiert ohnehin. Wäre man unsterblich, wäre das schwierig.» Es sei seine Aufgabe, einen verhinderbaren, zu frühen Tod zu vermeiden, sagt er. Aber auch, offen über den Tod zu reden. Während seiner Studentenzeit im Berner Zieglerspital sei das Wort «Krebs» innerhalb der Spitalmauern noch tabu gewesen, erzählt Fey. Heute aber wüssten Krebskranke, woran sie leiden.»

Das Reden über das Sterben gehört heute gar zur Ausbildung. Die «Communication Skills Training Courses» der Krebsliga sind für werdende Onkologen obligatorisch. Fey hat dort eine Schauspielerin erlebt, die die Patientin mimte. Mal habe sie die depressiv Abweisende gegeben, dann einen Zusammenbruch vorgespielt. Schliesslich habe sie ihn unter Tränen angefleht: «Herr Doktor, heilen Sie mich!» – «Das war so glaubwürdig, es ging unter die Haut», erinnert sich Fey.

Die Kraft der Verweigerung

Verhalten sich auch echte Patienten so, wenn sie schlimme Nachrichten erfahren? «Die meisten Leute nehmen sich enorm zusammen», sagt Fey. Zusammenbrüche und selbst Tränen erlebe er selten. Ist das gut? «Ich weiss es nicht», sagt er. Nicht einmal für den Arzt sei es leicht, wenn sich der Patient zusammenreisse, weil man dann dessen Sorgen nicht kenne. «Später, wenn der Patient allein ist, bricht seine Verzweiflung dann doch hervor.»

Fey erlebt immer wieder, welch erstaunliche, ja absurde Kräfte der Verweigerung Menschen im Angesicht des Todes entwickeln. Es gebe Patienten, die von ihrer Erkrankung zuerst nichts wissen wollen. «Sie brummeln bloss, man solle ihren ‹Knubel› rausholen.» Es brauche oft Zeit, sich die Krankheit einzugestehen. Fey gibt den Patienten diese Zeit.

Er erlebt auch Patienten, die das Sterben bis zuletzt nicht wahrhaben wollen. Fey erzählt von einem, der noch zwei Wochen vor seinem Tod als Chef in sein Unternehmen zurückkehren wollte. Der Sohn habe ihn verzweifelt davon abzuhalten versucht. Einige Patienten wollen nicht einmal ihre Frau in ihre Lage einweihen. Fey warnt sie davor, das Sterben allein durchstehen zu wollen.

Ein Patient aus Russland, erzählt Fey, habe beim Gespräch über eine aussichtslose Diagnose Geldscheine auf den Tisch gelegt, und erklärt: «Money is no issue!» Auf Deutsch: Geld spielt keine Rolle, ich kann jede Therapie bezahlen. Fey erwiderte: «Yes, money is no issue!» Aber er verstand den Satz anders: «Mit Geld können Sie Ihr Leben nicht kaufen.»

Mit Gelassenheit in den Tod

Die Verdrängung des Todes kann manchmal nützlich sein. «Es kann gut sein, sich nicht rund um die Uhr mit dem Tod zu beschäftigen», bestätigt Fey. Aber ihn bis am Ende nicht wahrzuhaben, bedeute für die Angehörigen eine schwere Belastung. Fey erlebt auch, dass Patienten eine aussichtsreiche Therapie verweigern, weil sie sich nicht «von einer Chemotherapie vergiften lassen» wollen. Um sich nicht dem Vorwurf unterlassener Hilfe auszusetzen, lasse man sie eine Verzichtserklärung unterschreiben, sagt Fey.

Besonders beeindruckend sind für Fey jene Patienten, die den Tod hinnehmen können. Er erlebe bei ihnen das, was die alten Römer mit «Serenitas» umschrieben hätten: Heiterkeit, Abgeklärtheit, Gelassenheit. «Sie ziehen Bilanz und erkennen dann, dass vieles nicht mehr wichtig ist», sagt Fey. Es gebe gar Patienten, die ihre letzte Phase geniessen können. Er habe das Gefühl, dass man besser abtrete, wenn man Bilanz ziehe. Aber das könnten lange nicht alle.

Aus den verschiedenen Einstellungen der Sterbenden leitet Fey ab, dass das Sterben etwas «Schillerndes, Variables» an sich hat. Es sei ein Wechselspiel von allgemeingültigen Vorgängen und einem individuellen Verlauf. Wenn Fey das Leben vom Ende aus betrachtet, kommt er zum Schluss, dass «jeder Mensch für Überraschungen gut ist».

Nehmen ihn Fälle Sterbender persönlich mit? Wirklich hart sei es, ganz junge Menschen zu begleiten, die viel zu früh aus dem Leben gerissen werden, sagt Fey. Wenn er erklären soll, wie er solche Erlebnisse wegsteckt, muss er überlegen. Er grenze sich ab, halte Distanz und fokussiere auf das Positive, auf das wenige, das noch möglich sei. Nein, eine Supervision beanspruche er nicht.

Wenn eine Therapie sinnlos ist

Fey widerlegt noch ein weiteres Klischee: Dass die Medizin einen Patienten um jeden Preis am Leben erhalten wolle. Heute lasse man den Tod zu, wenn er unausweichlich sei, sagt er. Ist das Sterbehilfe? Fey drückt es so aus: Man bespreche mit den Angehörigen und dem Patienten, welche Therapien man nicht mehr weiterführe. «Angehörige haben oft zu extreme oder zu harmlose Vorstellungen vom Krankheitsverlauf und von den Therapiemöglichkeiten», weiss Fey. Manchmal sei deshalb Überzeugungsarbeit nötig, welche lebensverlängernden Massnahmen besser gestoppt würden. Jüngere Ärzte hätten die Tendenz, noch eine weitere Therapie vorzuschlagen, sagt Fey. Mit 62 Jahren sieht er das anders.

Es fällt ihm auf, dass Krebspatienten selten den Freitod mithilfe einer Sterbehilfeorganisation wählen. Zahlen oder Erfahrungswerte gebe dazu keine, sagt Fey, aber Suizid sei nach seiner Einschätzung bei Depressions- oder Schizophreniekranken häufiger. Vielleicht habe es damit zu tun, dass die meisten Krebspatienten bis an ihr Ende geistig präsent seien.

Was der Tod lehrt

Ein Krebsarzt ist für den Tod besser gewappnet als andere, nimmt man an. Oder fürchtet auch er sich davor? «Ich denke nicht über meinen Tod nach», antwortet Martin Fey. Aber er verschiebe seit ein paar Jahren schöne Dinge möglichst nicht mehr auf später, auf die Pension. Er unternehme nun mit seiner Frau jedes Jahr eine Reise. Und er versuche, sein Leben nicht allzu sehr zu strukturieren und abzusichern. In seiner Klinik, wo böse und gute Überraschungen Alltag sind, ermuntere er zu mehr Improvisation und Spontaneität.

Berner Zeitung

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