Werte können Mobbing verhindern

Wo gemobbt wird, wirds aufgrund von Leistungseinbruch und Krankenstand teuer. Doch Chefs können einiges tun, um Mobbing von Anbeginn zu verhindern. Was genau, erklärt das Dreierteam der Berner Mobbing-Fachberatungsstelle Mobbingswiss.

Mobbing verursacht Chaos und schädigt einzelne Mitarbeiter. Darunter leidet die Leistung.

Mobbing verursacht Chaos und schädigt einzelne Mitarbeiter. Darunter leidet die Leistung. Bild: teutopress

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Die Frau wurde von ihren Kollegen systematisch ausgegrenzt. In ihrer Not wandte sie sich an den direkten Vorgesetzten, doch nichts geschah. Daraufhin ging sie zum Firmenchef. Der handelte, was sich in einer Verhaltensänderung der Kollegen bemerkbar machte. Ein paar Monate später wurde dem Mobbingopfer jedoch gekündigt. Die Begründung: Sie hätte den Dienstweg nicht eingehalten, indem sie sich direkt an die Firmenleitung gewandt hatte.

All das hätte nicht sein müssen. «Wir sind heute erfahren genug, um Mobbing in Firmen erst gar nicht entstehen zu lassen», sagt Nico Rubeli. Der Theologe und Coach bildet zusammen mit Psychologin Maria Ledergerber und Rechtsanwalt Christoph Zimmerli das Team der Mobbing-Fachberatungsstelle Mobbingswiss in Bern. In vielen Jahren Tätigkeit haben die drei über 700 Mobbingopfer beraten und grosse Erfahrung gewonnen. «Wer leidet, leistet schlechte Arbeit», so Rubeli weiter. Und wo schlechte Arbeit geleistet wird, werde es, salopp ausgedrückt, teuer. Das Mobbingopfer einfach zu entlassen, wie dies leider oft geschehe, trage nicht zur Lösung bei, sagt der erfahrene Kriseninterventionsspezialist. Oft gingen dabei die guten Arbeitnehmer verloren. «Selbst wenn das Opfer nicht mehr im Betrieb ist – der Psychostress geht weiter», beobachtet Rubeli. Sei Mobbing erst einmal in einer Firma aufgetreten, schwele es weiter. Die Projektionsfläche sei unwichtig, sagt der erfahrene Coach, der, nach US-Vorbild, Firmen extern berät. Sein Fazit: «Oft sind hinter einer Mobbinghandlung wunde Punkte eines Betriebs verborgen: Vertuschungen, Geldangelegenheiten oder Machtmissbrauch.»

Werte gegen Mobbing

Nico Rubeli ist auch im Auftrag seiner eigenen Firma In-tego unterwegs. Betriebe jeglicher Art und Grösse ziehen ihn bei, wenn intern Mobbingprobleme auftreten. Er ist überzeugt, dass man Mobbing oder Psychostress mit der richtigen Prävention verhindern kann. «Die USA machen es vor: Sie schaffen verpflichtende Werte und Prozesse, die regeln, dass es nicht zu Mobbing kommt», weiss Rubeli. Falls dennoch Fälle auftreten, werden sofort externe neutrale Berater hinzugezogen. Viele internationale Computer- oder Pharmafirmen arbeiten heute mit Regelwerken, in denen genau steht, wie sich Vorgesetzte und Mitarbeiter im Mobbingfall zu verhalten haben.

Fragen gegen Mobbing

Nach Maria Ledergerber hat sich in akuten Fällen ein Modell mit folgenden drei Fragen bewährt: 1. Läuft alles reibungslos? 2. Falls nicht, was genau läuft nicht reibungslos? 3. Was muss getan werden, damit die Dinge sofort wieder reibungslos ihren Gang gehen? Konkret heisst das: Mitarbeiter melden sofort dem direkten Vorgesetzten und nicht etwa der Firmenleitung, wenn etwas «nicht klappt». Dieser Dienstweg, betonen die drei Experten, muss unbedingt eingehalten werden. Der direkte Vorgesetzte ist dann verpflichtet, sofort zu handeln. Wichtig sei, so Nico Rubeli, dass die Gefahr sofort benannt werde, noch bevor Übergriffe explizit würden. Und dass bereits beim Rekrutierungsgespräch den neuen Mitarbeitern die Sofort-Problem-Meldepflicht klargemacht werde.

«Klare Regelungen bei Stellenantritt vereinfachen alles. Pflichtenheft und Kompetenzliste geben dabei den Mitarbeitern Sicherheit», sagt Psychologin Ledergerber. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die bisherigen, klassischen Werkzeuge der Mobbingprävention nicht ausreichten. «Daher ist es wichtig, neue Modelle der Prävention, die im geschäftlichen Alltag greifen, zu suchen und konsequent anzuwenden», sagt sie. Auch seien unabhängige, externe Kontrollen dabei ebenfalls wichtige Instrumente. Sie, die gerade ihr Label noM registrieren liess, hofft, dass es in naher Zukunft zur offiziellen Einführung eines No-Mobbing-Markenzeichens für Firmen kommen wird.

Kodex gegen Mobbing

Rechtsanwalt Christoph Zimmerli vertritt die rechtliche Seite der Beratungsstelle. Er ist in einer grossen Wirtschaftskanzlei sowie als Rechtsberater in grossen Unternehmen und in KMU tätig. Da Zimmerli die Perspektive der Unternehmer und Manager kenne, falle es ihm leichter, sie für die Idee eines «Code of Conduct» zu gewinnen. Ein derartiger Verhaltenskodex lässt sich am besten mit einer freiwillige Selbstkontrolle vergleichen. Seiner Meinung nach müsste der No-Mobbing-Druck auf das Kader aber noch erhöht werden. Denn: «Eine gute Mobbingprävention kann enorme Kosten einsparen und die Qualität der Leistung steigern», so Zimmerli.

Doch der Anwalt kennt auch die Opferseite gut. «Der Begriff Mobbing ist in der Schweiz rechtlich nicht klar definiert», sagt er. Für die Opfer sei es schwierig, zu beweisen, dass sie unter Psychostress leiden. Oft könne dieser jedoch in Krankheit oder sogar im Suizid enden. «Manch ein Betroffener bleibt ein Leben lang arbeitsunfähig», weiss Zimmerli. Was, neben der menschlichen Katastrophe, die Allgemeinheit viel Geld koste. Er rät daher Betroffenen, Tagebuch zu führen und sämtliche Schriftstücke aufzubewahren. Maria Ledergerber hält auch einen Arztbesuch für unumgänglich. «Krankmeldung und Attest helfen über erste schwierige Tage hinweg», so die Psychologin. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.09.2010, 10:38 Uhr

Christoph Zimmerli (Bild: Urs Lindt)

Maria Ledergerber (Bild: Urs Lindt)

Nico Rubeli (Bild: Urs Lindt)

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