Wenn Kinder ihre Eltern schlagen

In rund jeder zehnten Schweizer Familie verüben Kinder Gewalt gegen ihre Eltern. Oft handelt es sich um Jugendliche in der Pubertät. Die Eltern schweigen in der Regel aus Scham. Dabei gäbe es Hilfe.

Rund 200 Anrufe von verängstigten Eltern gehen jährlich beim Elternnotruf ein.

Rund 200 Anrufe von verängstigten Eltern gehen jährlich beim Elternnotruf ein.

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Der 15-jährige Jonas ist ausser sich. Fast jeden Abend gibt es Streit, weil er vor dem Zubettgehen noch gamen will. Nun reisst ihm seine Mutter das Smartphone aus der Hand. Jonas flippt aus. Er stösst seine Mutter gegen die Wand, schlägt auf sie ein, bis sie das Handy loslässt. «Du Schlampe hast mir nichts zu sagen», brüllt er und verschwindet in seinem Zimmer.

Was in Jonas’ Daheim passiert, ist kein Einzelfall. In jeder zehnten Schweizer Familie, so schätzen Fachleute, kommt es zu Gewalt von Kindern gegen ihre Eltern. Dass trotzdem so wenig darüber gesprochen wird, liegt daran, dass die meisten Betroffenen aus Scham schweigen. So bleiben viele Mütter und Väter mit ihrer Ohnmacht und Verzweiflung allein.

Schuldfrage ist müssig

Die Mutter von Jonas sucht sich jedoch Hilfe, indem sie den Elternnotruf kontaktiert. «Wenn ich in solchen Situationen frage, ob die Mutter einen Arzt brauche, reagiert sie meistens völlig überrascht», sagt Beraterin Britta Went, die den exemplarischen Fall von Jonas erzählt. Denn nur schon sich selbst einzugestehen, dass man vom eigenen Kind drangsaliert wird, fällt vielen schwer. Britta Went hat für sie das Programm «Dranbleiben» initiiert, auf das sich alle Beraterinnen und Berater des Elternnotrufs stützen. Beim gemeinnützigen Verein gehen pro Jahr rund 200 Anrufe von eingeschüchterten Eltern ein, die unter einem gewalttätigen Kind leiden.

«Typischerweise handelt es sich dabei um alleinerziehende, sozial isoliert lebende Mütter mit halbwüchsigen Söhnen», sagt Britta Went. Hinter dem aggressiven Verhalten des Sohnes stecke häufig das Bedürfnis nach Halt und Orientierung sowie nach Zugehörigkeit. Die Familientherapeutin betont, betroffen seien alle sozialen Schichten. Auch gut ausgebildete Eltern, die im Berufs­alltag vielleicht erfolgreich ein Team führen, können daheim den Launen ihres Kindes ausgeliefert sein. In der Regel hat sich das Ausmass der Ausbrüche im Lauf der Jahre gesteigert. So schubste Jonas zuerst nur, dann kamen wüste ­Beleidigungen hinzu, und inzwischen schlägt er auch. Seine Mutter reagierte bislang – wie viele moderne, verunsicherte Eltern – manchmal gar nicht, dann wieder mit radikalem Durchgreifen. So förderte sie unabsichtlich die unheilvolle Wechselwirkung. Schuldzuweisungen würden allerdings nicht weiterhelfen, sagt Britta Went. «Die Eltern haben keine Schuld am Verhalten ihres Kindes. Aber sie tragen die Verantwortung dafür, dass es besser wird.»

Die eingeschliffenen Verhaltensmuster auf beiden Seiten zu durchbrechen, bedeutet viel Arbeit. Das Betreuungsangebot «Dranbleiben» lehnt sich an die Empfehlungen des israelischen Psychologen Haim Omer an. Dieser empfiehlt Eltern in seinem Buch «Autorität durch Beziehung» den «gewaltlosen Widerstand». Die Assoziation zu den Methoden des indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi ist bewusst gewählt: Wie dieser sollen Eltern in der Sache hartnäckig bleiben, aber trotzdem nicht selber zum Aggressor werden.

Wenn Mutter und Vater nicht mehr wagen, sich zu verteidigen, entsteht schnell ein ungesundes Gefälle.

Im Fall von Jonas könnte die Mutter also in einem ruhigen Ton sagen: «Bei uns daheim wird am Abend nicht mehr gegamt.» Wenn er nicht gehorcht, lässt sie ihm sein Smartphone, bleibt jedoch standhaft: «Heute klappt es vielleicht nicht, aber ich möchte, dass es ab morgen funktioniert.» Omer nennt dieses Prinzip «Präsenz markieren»: Die Eltern zeigen, dass sie das Kind respektieren, aber auch, was sie von ihm erwarten. Dabei lassen sie sich nicht provozieren.

«Wir geben Eltern keine Techniken zur Hand, aber wir zeigen ihnen, mit welcher Haltung sie ihren Söhnen und Töchtern begegnen können», sagt Britta Went. Dazu gehöre, entspannt zu bleiben, auch wenn das Kind nicht sofort ­gehorche. «Es ist illusorisch, damit zu rechnen, dass augenblicklich alles so geschieht, wie man es möchte.» Sie rät Eltern zudem, sich ein Netzwerk zu schaffen. Zum Beispiel könnte sich Jonas’ Mutter dem Fussballtrainer anvertrauen, den der 15-Jährige sehr schätzt. Oder vielleicht schafft sie es sogar, ihren Ex-Mann dazu zu überreden, mehr Kontakt zu Jonas zu suchen.

Ebenfalls wichtig sei es, die Beziehung zum Kind zu stärken. «Das bedeutet zum Beispiel, dass Jonas’ Mutter ihm jeden Tag einen guten Morgen wünscht», sagt Britta Went. In spannungsgeladenen Beziehungen gehen solche Gesten der Wertschätzung leicht vergessen. Sie können aber die aggressive Grundstimmung abmildern.

«Holen Sie sich früh Hilfe»

Natürlich üben nicht nur pubertäre Buben Gewalt aus. Und die Opfer sind keineswegs nur Frauen. «Männer sind zwar weniger häufig betroffen, aber bei Eskalationen mit ihren Söhnen kommt es in der Regel zu schlimmeren Verletzungen», sagt Britta Went. Mädchen dagegen neigen eher zu verbalen Attacken. Die Beraterin erzählt von einer jungen Frau, die mit Anschuldigungen, die sich später als haltlos erwiesen, dafür gesorgt hatte, dass ihr Vater für einen Monat in Untersuchungshaft kam. «Als sie das nächste Mal ein Wochenende daheim verbrachte, kündigte sie an, wenn der Vater nicht spure, werde sie neue Vorwürfe erfinden.» Daneben gibt es auch die passiv-aggressiven Drohungen: «Manche Mädchen sagen ihren Eltern, wenn sie kein Geld für ein neues Gucci-Täschchen erhalten, dann bringen sie sich um.» Buben provozieren eher, indem sie mögliche Gewaltausbrüche gegen andere ankündigen: «Ich höre immer wieder von jungen Männern, die damit drohen, zum IS zu gehen.»

Was sind die ersten Alarmsignale? «Laut der Forschung spricht man erst ab einem Alter von 4 Jahren von Gewalt», sagt Went. Jüngere Kinder können ihre Gefühle kaum anders zeigen als über körperliche Reaktionen. Aber auch wenn Ältere bei Frust toben, treten und vielleicht sogar schlagen, muss man sich nicht zwingend Sorgen machen.

Unsicherheit kann negative Folgen haben

Die Familientherapeutin meint, dass sich Mütter und Väter weniger am Verhalten ihres Kindes orientieren sollten als an ihrem eigenen Empfinden: «Fühlen sie sich in solchen Situationen wehrlos und ausgeliefert? Oder erkennen sie, dass das Kind im Moment von seinen Emotionen überwältigt wird und sie ihm deshalb Halt geben müssen?» Im zweiten Fall können Eltern der Situation mit der nötigen Distanz und dem erforderlichen Selbstbewusstsein begegnen und benötigen keine Unterstützung.

Unsicherheit dagegen kann schon früh negative Folgen haben. Britta Went berichtet von Eltern, die bereits mit den üblichen Trotzanfällen überfordert sind. «Sie fragen sich beispielsweise, ob sie die Arme ihres Kindes festhalten dürfen, wenn es auf sie einschlägt, oder ob das bereits ein Gewaltakt vonseiten der Eltern sei.» Wenn Mutter und Vater jedoch nicht einmal mehr wagen, sich zu verteidigen, entsteht schnell ein ungesundes Gefälle: Das Kind erhält mehr Macht, als ihm guttut. Dies kann den Anfang einer Gewaltspirale markieren. Die Beraterin rät deshalb: «Warten Sie nicht, bis Ihr Kind 16 ist.» Angepasste Interventionen bei jüngeren Kindern wirkten häufig schnell. «Holen Sie sich deshalb rechtzeitig Hilfe, wenn es noch nicht so viel kräfteraubende Arbeit braucht wie bei der Familie von Jonas.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2018, 18:13 Uhr

Britta Went

Elternnotruf

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