«Verwöhnung wirkt auf Kinder wie eine Droge»

Schuhe binden, zur Schule fahren: Wie Eltern zwischen Wünschen und Bedürfnissen ihrer Kinder unterscheiden lernen, erklärt Psychologe Jürg Frick im Interview.

Nimmt man seinem Kind alles ab, entwickelt es falsche Erwartungen an das Leben: Eine kleine, gelangweilte Prinzessin. Foto: iStock

Nimmt man seinem Kind alles ab, entwickelt es falsche Erwartungen an das Leben: Eine kleine, gelangweilte Prinzessin. Foto: iStock

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Jürg Frick, lassen Sie sich nicht gerne verwöhnen?
Doch natürlich! Ein feines Essen, ein tolles Buch als Geschenk, eine Überraschungswanderung an einen mir noch unbekannten Ort – das sind alles schöne Formen der Verwöhnung! Und meine Frau verwöhne ich gelegentlich auch mit einer Überraschung, die sie nicht erwartet hat.

In einem Ihrer Bücher kommt das Verwöhnen aber schlecht weg.
Problematisch wird Verwöhnung dann, wenn man einem Menschen ständig alles abnimmt oder erleichtert, was im Grunde seine Aufgabe wäre. Das führt zu falschen Erwartungen und zur Unselbständigkeit, wie etwa bei der 35-jährigen Frau, die in der Beratung bei mir erklärte, ihr Mann müsse dafür sorgen, dass sie glücklich sei. Dabei ist niemand für das Glück eines anderen verantwortlich, er kann nur dazu beitragen. Für mein Glück muss ich selbst sorgen.

Sie bezeichnen die Verwöhnung sogar als Droge.
Bei einer Droge besteht die Gefahr, dass man davon abhängig wird, weil sie eine angenehme Wirkung hat. Bei der Verwöhnung ist es ähnlich. Wenn Eltern ihr Kind verwöhnen, will es immer mehr. Fahren sie es beispielsweise in die Schule oder binden sie ihm die Schuhe, findet das Kind das bequem und gewöhnt sich schnell daran. Insofern ist Verwöhnung eine Droge.

Wo beginnt in der Erziehung die ungute Verwöhnung?
Es ist sehr wichtig, dass Eltern zwischen Wünschen und Bedürfnissen unterscheiden lernen. Kinder haben viele Wünsche, aber die Frage ist, ob sie das alles brauchen. Viele Eltern haben das Gefühl, dass sie nur gute Eltern sind, wenn sie alle Wünsche erfüllen. Manchmal erreichen sie dadurch das genaue Gegenteil. So hat mir eine Studentin erzählt, dass sie alles machen durfte, sogar als Jugendliche zu jeder Nachtzeit heimkommen. Die Eltern haben das gut gemeint, sie hat dieses Verhalten aber als Gleichgültigkeit erlebt.

Wie können die Eltern wissen, was Bedürfnisse eines Kindes sind und wann es Wünsche sind?
Je kleiner ein Kind ist, desto mehr muss man für es machen. Ich kann einem Einjährigen nicht sagen, dass es sich selbst versorgen und auf das WC gehen soll. Es geht zuerst einmal um die Grundbedürfnisse eines Kindes, die befriedigt werden müssen. Deshalb sollten die Eltern wissen, wie sich ein Kind entwickelt, was es ungefähr in welchem Alter kann und können sollte. Manche Kinder haben noch im Kindergarten enorme Probleme, sich die Schuhe zu binden oder eigenständig aufs Klo zu gehen, aber das sind Grundfertigkeiten, die sie in dem Alter beherrschen sollten. Das kommt davon, dass die Eltern ihnen ständig dabei geholfen oder es ihnen sogar abgenommen haben.

«Verwöhnte Menschen haben ein verzerrtes Bild von sich und den anderen.»

Nehmen die Eltern ihren Kindern also zu viele Aufgaben ab?
Manche Eltern sind überrascht, wenn ich ihnen eine Liste von Hausarbeiten zeige, wie etwa Zimmer aufräumen, einkaufen oder Tisch decken, die ihr Kind in einem gewissen Alter übernehmen sollte. Sie protestieren dann und sagen, das klappt nicht, da gehen doch Teller kaputt. Aber dann gibt es eben beim ersten Mal Scherben. Das ist kein Drama. Viel wichtiger ist, dass Kinder solche Sachen lernen, damit sie sie später als Jugendliche und Erwachsene ganz selbstverständlich können.

Woher wissen Eltern, was sie ihren Kindern zumuten können?
Es gibt ein Grundwissen, das die Eltern aus Büchern, im Austausch mit anderen Eltern, in Elternkursen, in der Elternberatung erwerben können. Wir lernen ja auch für den Beruf, die Autoprüfung und andere Bereiche, da ist es doch ein wenig seltsam, dass die Leute das Gefühl haben, sie wüssten einfach so, wie Erziehung geht. Ich würde mir vor allem wünschen, dass sich die Eltern untereinander mehr absprechen, ob ein Kind etwa ein Handy braucht oder in die Schule gefahren werden muss.

Reicht die Intuition nicht?
Es gibt sicher Leute, die das intuitiv richtig machen. Aber die Intuition kann auch trügerisch sein. Ich kann nur staunen, wenn Eltern ihren Säugling in den Zirkus mitnehmen, wo es eindeutig zu laut ist. Das sind sicher keine Rabeneltern, sondern sie wissen es einfach nicht besser.

Welche Auswirkungen hat die Verwöhnung?
Verwöhnte Menschen haben ein verzerrtes Bild von sich und den anderen. Kinder glauben dann, dass die Erwachsenen für ihr Wohlbefinden zuständig sind. Spätestens dann, wenn sie in den Kindergarten oder die Schule kommen, kann diese Anspruchshaltung zum Problem werden.

«Es mag drastisch klingen, aber wie bei Misshandlung werden Kinder bei intensiver Verwöhnung psychisch beschädigt.»

Inwiefern?
Wenn sie dort auf einmal nicht mehr im Mittelpunkt stehen, haben sie immer eine Ausrede, wenn ihnen etwas misslingt, oder schieben die Schuld den anderen zu. Der Lehrer ist dann gemein, weil er ein Thema prüft, das behandelt wurde, als das Kind krank war. Oder es geht beleidigt nach Hause, weil es aufgestreckt hatte und nicht drangenommen wurde.

Fehlt ihnen also die Bereitschaft, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen?
Genau. Der Mut und die Eigeninitiative zur Bewältigung der Lebensaufgaben, denen wir uns in der Ausbildung, bei der Arbeit, in Liebesbeziehungen oder im Freundeskreis stellen müssen, werden durch eine verwöhnende Erziehung geschwächt und behindert.

Sie sprechen in Ihrem Buch von Misshandlung durch Verwöhnung. Ist das nicht übertrieben?
Das mag drastisch klingen, aber wie bei der körperlichen Misshandlung werden Kinder bei der intensiven Verwöhnung psychisch beschädigt. Man gibt ihnen in der Erziehung nicht das, was sie brauchen, indem man sie fordert und ihnen etwas zutraut, sondern behandelt sie als unfähig und beschränkt.

Wie können Eltern ihren Kindern die Droge Verwöhnung entziehen?
Wenn Eltern merken, dass sie verwöhnen, haben sie den wichtigsten Schritt bereits gemacht. Der nächste Schritt wäre, dass sie sich zurücknehmen und dem Kind sagen: «Ich habe dich bisher in die Schule gefahren, ab der nächsten Woche mache ich das nicht mehr, weil du jetzt alt genug bist.» Wenn es dann Protest gibt, ist entscheidend, dass die Eltern freundlich, aber bestimmt bei ihrem Entschluss bleiben. Was den Eltern in viele Fällen schwerfällt.

«Die Eltern wollen nichts falsch machen und tun für ihr Kind alles.»

Das Problem sind also nicht nur die verwöhnten Kinder?
Häufig sind die Eltern das eigentliche Problem. Kinder stellen sich schnell um, wenn sie merken, sie kommen mit ihren Forderungen nicht durch. Wenn ein Kind zu Hause daran gewöhnt ist, dass es immer nur seine Lieblingsmahlzeiten gibt, lernt es im Skilager schnell, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Aber natürlich ist eine Entwöhnung schwieriger, als von Anfang an darauf zu achten, einem Kind nicht alles abzunehmen.

Hat die Verwöhnung in der heutigen Zeit zugenommen?
Das Thema Verwöhnung in der Erziehung ist nicht neu. Bereits Rousseau sprach davon, und der Kinderpsychologe Alfred Adler schrieb um 1920, dass die Verwöhnung das zweitgrösste Problem neben der autoritären Erziehung sei. Aber die Gefahr der Verwöhnung ist heute grösser, weil die Eltern unter einem unglaublichen Druck stehen.

Wieso?
Zum einen fördert die Konsumgesellschaft die Verwöhnhaltung, weil es ein Millionengeschäft ist. Auf Knopfdruck gibt es Ablenkung und Unterhaltung, den Kredit für das neue Home-Cinema, das neuste Handy. Da fällt es Eltern schwer, standhaft zu bleiben und ihrem Kind zu sagen: «Ich habe dich sehr gerne, aber du bekommst das Handy trotzdem nicht.» Zum anderen ist der Leistungsdruck in der Gesellschaft, in der Schule und im Beruf gestiegen. Die Eltern wollen dann nichts falsch machen und tun für ihr Kind alles, damit es später glücklich und erfolgreich ist.

Wie soll man Kinder in diesem Umfeld erziehen?
Die meisten Eltern machen das richtig. Das Wichtigste ist, dass die Eltern ein glaubwürdiges Vorbild abgeben, vor allem im Umgang mit dem Werbe- und Konsumterror. Dass sie erklären, warum man auf etwas verzichtet, damit die Kinder sich daran orientieren können. Je jünger sie sind, desto leichter gelingt dies, da für die Kleinkinder ihre Eltern Götter sind. Später hinterfragen sie vielleicht als Jugendliche alles, aber auch das ist in Ordnung, wichtig ist, dass sie eine klare Haltung erkennen.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 04.09.2018, 10:19 Uhr

Psychologe, Dozent und Autor



Jürg Frick, 62, ist Psychologe und Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Zürich (PHZH) und Autor verschiedener Bücher zu Erziehungsthemen. In seinem bereits in der 5. Auflage erschienenen Buch «Die Droge Verwöhnung» plädiert er für einen liebevollen, aber nicht verwöhnenden Umgang mit Kindern.

Tipps gegen die Verwöhnfalle


  • Kinder brauchen Herausforderungen und Erfolge. Vertrauen Sie den Fähigkeiten Ihres Kindes, und geben Sie ihm Aufgaben und Herausforderungen.



  • Ermutigen Sie Ihr Kind, statt ihm aus Angst jede Unternehmung zu verbieten.


  • Überhäufen Sie Ihr Kind nicht mit Spielsachen, sondern geben Sie ihm die Möglichkeiten, mit einfachen Materialien seine Fertigkeiten zu erproben.


  • Suchen Sie bei Problemen mit Ihrem Kind gemeinsam nach Lösungen, und unterstützen Sie es, aber nehmen Sie ihm nicht das Problem ab.


  • Setzen Sie flexibel und angepasst Grenzen, und lassen Sie sich bei der Durchsetzung nicht erpressen, auch nicht durch Argumente wie «Du magst mich nicht» oder «Die anderen dürfen das auch».


  • Nehmen Sie Ihrem Kind nicht alle Aufgaben ab. Haben Sie Geduld, wenn es beim Schuhbinden oder Aufräumen etwas länger dauert.

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