Vermieter reagieren skeptisch auf Mieter-Noten im Internet

Mieter können neu online bewerten, wie zufrieden sie mit ihren Vermietern sind. Vermieter und Datenschützer haben Bedenken.

Die Macht der Mieter: Auf einer neuen Online-Plattform können Sie allfälligen Ärger über ihre Vermieter öffentlich machen.

Die Macht der Mieter: Auf einer neuen Online-Plattform können Sie allfälligen Ärger über ihre Vermieter öffentlich machen. Bild: Keystone

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V. Fischer Immobilien in Bern erhält Bestnoten: Vier von fünf möglichen Punkten hat ein Internetbenutzer der Verwaltung auf Vermieter-check.ch gegeben. Nur auf zwei Punkte bringt es dagegen die Von Graffenried AG Liegenschaften. «Der Umgang mit uns Mietern ist für mich nicht akzeptabel», schreibt ein Kommentator. Er beklagt sich, dass sein Velo entsorgt worden sei, weil es keine gültige Vignette hatte.

Auf der neuen Internetplattform können Mieter in der ganzen Schweiz ihre Vermieter be-urteilen. Eingerichtet haben das Portal die Technologie- und Media-Spezialisten Martin Glauser und Christoph Menzi. Der Berner und der Ostschweizer hatten selbst Pech als Mieter und dachten sich: «Es wäre doch sinnvoll, wenn sich Wohnungssuchende im Internet informieren könnten, welche Erfahrungen andere gemacht haben.» Vermieter-check.ch befindet sich noch im Anfangsstadium, doch die Nachfrage ist gross. Jeden Tag kommen neue Bewertungen hinzu.

Alle Kritiken anonym

Die User können sowohl Punkte verteilen als auch Kommentare schreiben – stets anonym. «Es geht uns nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern ein praktisches Hilfsmittel bei der Wohnungssuche anzubieten», betont Martin Glauser. Um die Fairness sicherzustellen, überprüften sie jeden Kommentar. Die Vermieter hätten auch die Möglichkeit einer Gegendarstellung. «Je nachdem, wie sich unser Angebot entwickelt, werden wir die Vermieter noch mehr einbinden», erklärt er. Zum Beispiel, indem die Verwaltungen ein eigenes Profil erstellen. Finanzieren wollen Martin Glauser und Christoph Menzi ihre Plattform längerfristig über Werbung.

Evi Allemann, Präsidentin des Mieterverbandes Kanton Bern und SP-Nationalrätin, meint: «Grundsätzlich finde ich es gut, wenn eine Plattform für möglichst viel Transparenz sorgt.» Es bestehe jedoch das Risiko, dass sich vor allem frustrierte Personen meldeten und die zufriedenen Mieter still blieben. «Dadurch kann ein verzerrtes Bild entstehen.» Glauser entgegnet: «Das ist natürlich ein Problem. Letzten Endes können es aber nur die Konsumenten selber lösen, indem alle ihre Vermieter beurteilen.»

Vermieter haben keine Freude

Naturgemäss gar nicht begeistert ist der Hauseigentümerverband Schweiz (HEV): «Die Frage ist, ob eine solche Plattform wirklich für mehr Transparenz sorgt», sagt die stellvertretende Direktorin Monika Sommer. «Wenn ein Mieter sich negativ äussert, weiss man nicht, ob das einfach ein Racheakt ist.» Besonders heikel findet sie, dass nicht nur Immobiliengesellschaften bewertet werden, sondern auch private Vermieter. «Wir sind ein wenig erstaunt, dass dies datenschutzrechtlich erlaubt ist.» Schliesslich habe sich der HEV ebenfalls schon überlegt, eine schwarze Liste zu führen. «Etwa mit Mietern, die ein Messie-Problem haben.» Aus Datenschutzgründen habe der Verband aber bisher darauf verzichtet.

Datenschutz ist skeptisch

Francis Meier, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim eidgenössischen Datenschutz, bestätigt die Bedenken teilweise: «Generell können Bewertungsseiten sinnvoll sein als Informationsquelle für bestimmte Zielgruppen. Doch die Gefahr ist gross, dass es zu Persönlichkeitsverletzungen kommt.» Deshalb gelten bestimmte Regeln. Zwei davon stellen Vermieter-check.ch vor Schwierigkeiten: Erstens müssen Privatpersonen darüber informiert werden, wenn sie auf einem Portal genannt und bewertet werden. Zweitens sollten sich die User bei anonymen Kritiken zuerst einloggen müssen, damit sie identifizierbar sind – und bei groben Persönlichkeitsverletzungen auch belangt werden können.

Beides ist im Moment auf der Mieterplattform nicht der Fall. Initiant Martin Glauser betont aber: «Jede Person, die einen Eintrag macht, muss sich mit einer gültigen E-Mail-Adresse identifizieren. Und alle Kommentare überprüfen wir sehr genau.» Falls nötig, mache Vermieter-check.ch auch weitere Anpassungen.

Statt Kritik gibts fast nur Lob

Das Dilemma ist, dass sich der Wunsch vieler Konsumenten nach klaren Beurteilungen und der Datenschutz oft beissen. Erfahren mussten das unter anderem die Macher von Okdoc.ch. Patientinnen und Patienten können dort ihren Arzt bewerten. Doch weil negative Kritiken heikel sind, bietet die Website heute praktisch nur noch Empfehlungen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.07.2011, 14:59 Uhr

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