Umstrittene Stammbaumpflege

Ahnenforscher versuchen, Unklarheiten im Stammbaum mit Genanalysen auszuräumen. Damit könnten sie Verwandte vor den Kopf stossen.

Mathias Born

Diese E-Mail macht stutzig: Myheritage, der Betreiber der grössten Stammbaum-Website, wirbt für Gentests. Dank der «revolutionären Technologie» könne man weitere Verwandte entdecken. «Nehmen Sie einen Wange-Tupfer-DNA-Test und erhalten Sie Antworten, die Ihnen sonst nach Jahren Forschung entgehen könnten.» Das Angebot sei «ein grosser Erfolg».

Ganz so rund läuft das Geschäft indes nicht. «Viele hiesige Nutzer stehen den Genanalysen kritisch gegenüber», räumt Silvia da Silva ein, die Mediensprecherin von Myheritage für die deutschsprachigen Länder. Einige hätten in Zuschriften nach der Werbeaktion Bedenken geäussert. «Ambitionierte Genealogen hingegen sind begeistert von den neuen Möglichkeiten.»

Viele Genealogen machen Gentests

Tatsächlich sind Genanalysen für viele Ahnenforscher ein willkommenes Forschungsinstrument. Etwa, wenn zwei Personen herausfinden wollen, ob sie miteinander verwandt sind. In verzwickten Fällen nahmen solche Recherchen viel Zeit in Anspruch. Allzu oft konnte die Verwandtschaft trotzdem nicht bewiesen werden. Welchem Volk gehörten die Ahnen an, und wo lebten sie? Auf solche Fragen findet man oft nur mit Gentests eine Antwort. Da die Preise in den letzten Jahren stark gefallen sind – die bei Myheritage beworbenen Tests etwa kosten 120 bis 240 Franken –, werden immer mehr Analysen durchgeführt. Zudem haben die Anbieter einfache Prozeduren entwickelt: Meist machen die Tester mit Bürstchen selbst Abstriche ihrer Mundschleimhaut. Nach einigen Wochen erhalten sie das Ergebnis – oft sogar benutzerfreundlich aufbereitet auf einer passwortgeschützten Website.

Doch ist die Prozedur überhaupt legal? Laut dem Bundesgesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen muss Fachpersonal die Proben entnehmen «Das Gesetz gilt bloss für Unternehmen mit Sitz in der Schweiz», erklärt Axel Glaeser, Leiter der Abteilung AFIS DNA Services beim Bundesamt für Polizei. Selbstverständlich dürften Bürger Proben in ausländische Labors schicken. «Allerdings sollten sie sich bewusst sein, dass damit die Gesetze des jeweiligen Landes zur Anwendung kommen.» Sie müssen sich also selber über die dortige Rechtslage informieren, um einen möglichen Missbrauch der äusserst sensiblen Daten zu verhindern.

«Man darf von solchen Tests nicht zu viel erwarten», warnt Gerald Heckel, Wissenschafter mit Schwerpunkt Populationsgenetik am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern. «Die Werbung impliziert mehr, als die Tests zu liefern vermögen.» Eine Gewissheit über Verwandtschaften erhalte man nicht, zeigten die Tests doch bloss Wahrscheinlichkeiten an. Zudem werde nur ein Bruchteil des Erbmaterials analysiert. «Der Grossteil wird nicht berücksichtigt, obschon auch er Infos zur Herkunft beinhaltet – allenfalls andere als der untersuchte Teil.» Schwierig seien auch grundlegende Annahmen: In welchen Fällen spricht man von Verwandtschaft? «Nüchtern betrachtet sind wir alle miteinander verwandt», so Gerald Heckel. «Und ursprünglich sind wir Homo sapiens alle Afrikaner.»

Darf man Geninfos online stellen?

Gegen individuelle Genforschungsprojekte ist wenig einzuwenden, sofern die Beteiligten verantwortungsvoll mit den Daten umgehen. Entsprechend konzentrierte sich die Kritik bislang darauf, dass einige Anbieter nicht auf Risiken hinwiesen, den Datenschutz vernachlässigten und sich nicht an die Grundsätze hielten, die für wissenschaftliche Studien gelten.

Doch nun werden immer öfter Stammbäume online erstellt. Dabei werden die Daten extern gespeichert, einfach zugänglich gemacht und vernetzt. Teils gleichen die Anbieter die einzelnen Stammbäume bereits miteinander ab – in Zukunft wohl auch anhand der erfassten DNA-Marker.

Weshalb hat sich Myheritage, das mit 62 Millionen Nutzern grösste Familiennetzwerk, zur Propagierung der Gentests entschieden? Bislang diene das Portal vorab zum Dokumentieren und Kommunizieren, sagt Silvia da Silva: Man erfasst den Stammbaum und nimmt mit Angehörigen Kontakt auf. «Nun möchten wir den Forschungsteil ausbauen.» Letztes Jahr hat die israelische Firma mehrere Betreiber von Ahnendatenbanken aufgekauft. Um auch Gentests anbieten zu können, wurde eine Partnerschaft mit dem US-Unternehmen Family Tree DNA abgeschlossen, dem grössten Anbieter in der genetischen Ahnenforschung. Ein Datenaustausch finde nicht statt, betont da Silva: «Die Zusammenarbeit hört mit der Vermittlung der Kunden auf.» Entsprechend müssen diese ihre Test-Erkenntnisse selbst eintragen. Felder zum Erfassen der eigentlichen DNA-Marker sind in der Onlineversion noch nicht enthalten – im Gegensatz zum Computerprogramm, das die Firma auch anbietet. «Wir prüfen, ob wir die Möglichkeit auch beim Onlinedienst schaffen wollen», sagt da Silva. «Diese werden wir frühestens anbieten, wenn genau geregelt werden kann, wer was sehen darf.» Stets gelte: «Standardmässig ist alles privat – ausser der Nutzer wünscht es anders.»

Und damit steht wieder der einzelne Ahnenforscher in der Pflicht: Er muss sich genau überlegen, wem er welche Daten anvertraut – auch um die Verwandten nicht zu brüskieren.

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