«Sexualität ist mehr als Kopulieren»

Brauchen kleine Kinder wirklich schon ab der Geburt Sexualerziehung? Auf jeden Fall, sagt der Berner Sexualpädagoge Bruno Wermuth. Frühe Sexualerziehung könne Kinder auch vor sexuellen Übergriffen schützen.

Jürg Steiner@Guegi

Herr Wermuth, Sie sind Co-Autor einer gestern präsentierten Broschüre, die sich mit Sexualerziehung für Kleinkinder von 0 bis 6 Jahren befasst. Brauchen wir jetzt auch schon sexuelle Frühförderung? Bruno Wermuth: Nein, das ist sicher nicht unsere Idee. Sexualerziehung für Kleinkinder bedeutet, einer Realität gerecht zu werden, die viele Eltern gerne verdrängen. Kinder sind sexuelle Wesen, von Geburt an. Sie interessieren sich für ihren Körper, erforschen ihn, berühren ihn, suchen Lust. Sexualität ist kein Privileg der Erwachsenen. Es ist wichtig, dass Eltern das realisieren und ihre Kinder in dieser Entwicklung begleiten.

Braucht es dazu eine von Experten verfasste Broschüre? Reicht der gesunde Menschenverstand nicht? Der gesunde Menschenverstand ist schon gut, aber uns ist bei der Sexualität das Vertrauen in ihn abhanden gekommen. Tatsache ist, dass viele Eltern verunsichert sind. Was tun, wenn sich die einjährige Tochter in den Windeln am Boden rhythmisch hin- und herbewegt und sich so Lust verschafft? Was, wenn man ins Kinderzimmer kommt und die vierjährige Tochter mit dem gleichaltrigen Nachbarsjungen gerade beim Doktorspiel ist? Wie reagieren, wenn der sechsjährige Sohn auf seinem vierjährigen Bruder liegt und sie zusammen einen Geschlechtsakt imitieren? Um solche Fragen macht man gerne einen Bogen oder reagiert mit einem Verbot.

Was Ihrer Ansicht nach falsch ist? Falsch wäre es, allgemeingültige Regeln aufstellen zu wollen. Die Broschüre gibt praktische Tipps, wie man sich in unterschiedlichen Situationen verhalten könnte. Ich – und das ist auch eine Botschaft der Broschüre – rate zu Gelassenheit. Wenn Kinder sexuelle Neugier zeigen, ist das ein gutes Zeichen. Problematisch ist eher, wenn sie das nicht tun.

Mit anderen Worten: Sie würden die Doktorspiele laufen und die beiden Brüder ihren imitierten Geschlechtsakt machen lassen? Grundsätzlich ja. Solange niemand zu etwas gezwungen wird und zwischen den spielenden Kindern nicht ein Machtgefälle besteht, das ausgenützt wird, sehe ich kein Problem.

Heute führen schon Zehnjährige ein ausgebautes Sex-Vokabular im Mund, und Jugendliche schauen im Internet harte Pornos. Da fällt es Eltern schwer, gelassen zu bleiben. Das ist genau der wunde Punkt. Wir leben in einem Klima, das uns sagt: Es wird immer schlimmer. Kinder fangen immer früher mit Sex an. Nur: Wenn wir so denken, reduzieren wir Sexualität auf den genitalen Bereich, wo uns Scham, Unwissen, Sprachlosigkeit oder die eigene, vielleicht etwas verklemmte Aufklärungsgeschichte in die Quere kommt.

Wie denken Sie? Ich sage: Sexualität ist viel mehr als Kopulieren. Es ist eine lebenslange Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, dem eigenen Körper und wie man sich mit ihm schöne Gefühle verschaffen kann. Mit dieser Einstellung kann man mit Kindern viel entspannter über Sex reden.

Entspannt über Sex reden – wie geht das? Am Mittagstisch? Das muss überhaupt nicht sein. Die penetrante Lockerheit, mit der heute in der Öffentlichkeit über Sex gesprochen wird, ist für mich kein Zeichen eines entspannten Umgangs. Zu Sexualität gehört auch Scham, Intimität, und es kann gerade ein starkes Zeichen sein, wenn Eltern erkennen lassen, dass es ihnen auch nicht so leicht fällt, über Sexualität zu reden. Damit zeigen sie, dass es zu diesem Thema gehört, Grenzen zu setzen.

Wem bringt es etwas, wenn wir der Sexualität von Kindern die von Ihnen geforderte Bedeutung zumessen? Studien zeigen, dass Kinder, die keine oder eine tabuisierende Sexualerziehung erhalten haben, sich weniger gut gegen sexuelle Übergriffe wehren können und früher beginnen, mit sexuellen Handlungen zu experimentieren, womit sie sich auch Risiken aussetzen.

Sie bieten seit kurzem als selbstständiger Sexualpädagoge – bis jetzt einzigartig in der Schweiz – Weiterbildungen zu kindlicher Sexualität für Mitarbeiterinnen von Kitas und Kindergärten an. Ist es zu spät, wenn die Schule mit dem Aufklärungsunterricht beginnt? Eindeutig. Sexualunterricht figuriert zwar im Kanton Bern im Lehrplan der Unterstufe, aber wenn man in der Schule über Sex redet, geht es meistens um Prävention – vor sexuellen Übergriffen, vor Teenagerschwangerschaften, vor einer HIV-Ansteckung. Die Lust am Entdecken des eigenen Körpers ist kein Thema. Die ersten Feedbacks aus Kitas zu meiner neu lancierten Weiterbildung zeigen mir, dass da heute eine grosse Lücke besteht.

Ist eigentlich Ihre Aussage, Sexualität sei kein Privileg der Erwachsenen, überhaupt mehrheitsfähig? Es wird sich weisen, ob es endlich so weit ist. Sigmund Freud hat schon vor gut 100 Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass der Sexualtrieb nicht erst mit der Pubertät erwacht. Aber wir ignorieren das bis heute. Hinter dieser Haltung steckt auch sehr viel Moral. Man kann gespannt sein, ob die Broschüre, die wir jetzt vorlegen, einmal mehr als ungebührlicher Tabubruch wahrgenommen wird. Oder ob man jetzt doch bereit ist, Sexualerziehung für Kleinkinder als wichtiges gesellschaftliches Thema aufzunehmen.

Berner Zeitung

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