Seien Sie spiessig!

Als spiessig bezeichnet man heute nicht mehr andere, sondern sich selbst. Denn Spiessigkeit hat mittlerweile durchaus etwas Charmantes.

Auch das sollte man diesen Sommer einmal gemacht haben: Im Schrebergarten bei den Gartenzwergen ein Buch lesen.

Auch das sollte man diesen Sommer einmal gemacht haben: Im Schrebergarten bei den Gartenzwergen ein Buch lesen.

(Bild: Keystone)

Endlich jassen lernen, den Heimatort besuchen oder Papierflieger falten? Das sind nur drei von hundert Dingen, die man diesen Sommer gemacht haben sollte. Sie stehen in dem orangefarbigen Büchlein, das der Grossverteiler Migros auf diesen Sommer hin herausgegeben hat.

Ein Aufruf zur neuen Spiessigkeit? Das kann man durchaus so sehen. Denn Spiesser sein ist gerade dabei, hip zu werden. Man darf wieder ohne schlechtes Gewissen «wandern» statt «trekken», die Nationalhymne singen oder ein Schwingfest besuchen. Und: Filterkaffee, Kurzarmhemden und Pauschalurlaub sollen tatsächlich glücklich machen.

Enzyklopädie des Spiessertums

Das behauptet jedenfalls Harry Luck, der eine Enzyklopädie des Spiessertums herausgegeben hat. Er ist nicht der Einzige, der sich derzeit der Spiesser in Buchform annimmt. Auch die Berliner Autoren Charlotte Förster und Justus Loring haben mit «Der moderne Spiesser» ein witziges Plädoyer für diese Lebenshaltung geschrieben. Und da ist auch der kaum dem Teenageralter entwachsene Philipp Riederle, der in seinem Buch «Wer wir sind und was wir wollen» schreibt: «Wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben.» Er macht sich zum Sprecher seiner Generation und sagt: «Ja, wir wollen Spiesser sein.»

Lebe ungewöhnlich – das galt vielleicht noch für unsere Eltern. In seiner komplexen Welt ohne Grenzen und Orientierung sucht der mobile Mensch aber offensichtlich wieder nach Begrenzung, Sinn und Geborgenheit. Der moderne Spiesser macht Pauschalferien und liebt Biogemüse aus dem Schrebergarten. Er markiert Heimatverbundenheit und setzt auf Gesundes, Solides, Bewährtes. Nachhaltigkeit und Authentizität sind weitere Stichworte, die der Kommunikationsfachmann Thomas Steiner in diesem Zusammenhang erwähnt. Er war bei der Kommunikationsagentur Jung von Matt verantwortlich für das eingangs erwähnte Migros-Büchlein.

Bewahren und verteidigen – wie einst die Spiessbürger vor 600 Jahren. Ihnen haben wir auch den Begriff Spiesser zu verdanken. Die wehrhaften Bürger verteidigten ihre Stadt mit einem Spiess und sorgten für Ordnung. Lange stand der Begriff in hohem Ansehen, bis er im 19. Jahrhundert, als der moderne Lebensentwurf der Künstler und Bohemiens aufkam, zum Schimpfwort für engstirnige Leute wurde, die durch ausgeprägte Konformität auffielen.

Etwas Charmantes

Heute aber muss man seine Spiessigkeit nicht mehr verstecken. Das zumindest empfinden 66 Prozent der Befragten in einer Umfrage der Zeitschrift «Petra». Sie alle haben kein Problem damit, als spiessig bezeichnet zu werden. Spiessig sein hat auf einmal etwas Charmantes. Und man bezeichnet nicht mehr andere als spiessig, sondern sich selbst. Spiessigkeit als neokonservatives Lebensgefühl zwischen Spielabend, Stricken und Slow Food.

Das ist für viele heute erstrebenswerter als das ständige Lechzen nach dem neuesten Trend. Ja, es steht geradezu für ein gewisses Reifeattribut, das man schon in jungen Jahren erreicht hat. Kein Wunder, antworteten in der «Petra»-Umfrage 71 Prozent der Leserschaft mit Nein auf die Frage, ob sie mal gerne unangepasster sein möchten.

Das überrascht Stephan Sigrist nicht. «Die Rahmenbedingungen in der westlichen Welt bieten zwar die Freiheit, so zu leben, wie man es möchte», sagt der Trendforscher. Doch der Glaube, alles selbst bestimmen zu können, habe sich als Missverständnis erwiesen. Waren die Hipster noch bis vor kurzem das Sinnbild für diese Individualisierung, «ist nun eine gewisse Ernüchterung da, weil wir eben doch nicht so individuell sind», sagt Sigrist.

Müde geworden

«Man ist müde, sich dauernd optimieren zu müssen und sich mit einer gewissen Exzentrik gegen die gesellschaftlichen Normen abheben zu wollen», glaubt Mischa Gallati, Kulturwissenschafter an der Uni Zürich. «Für diese Generation wird deshalb die Konformität wieder wichtiger, weil sie weniger negativ besetzt ist.» Und schon fast zur einzigen Alternative in Zeiten, in denen alle nonkonformistisch und extrem sein wollen und damit den Mainstream vorgeben.

Der Weg in den Konformismus

«Mit violetten Haaren oder einem Joint im Mund kann man heute niemanden mehr erschrecken», sagt Stephan Sigrist. Folglich muss man den Weg in den Konformismus gehen, um anders zu sein, wie die, die anders sein wollen. Ein Umstand, der ihm auch Sorgen bereitet. «Eine zu starke Angleichung von Denken und Verhalten hätte auch zur Folge, dass der Innovationsgrad einer Gesellschaft unterlaufen wird.» So weit ist es noch nicht. Denn noch kokettiert der moderne Spiesser mit seinem neu entdeckten Lebensgefühl. «Ich glaube, dass in jedem von uns ein Spiesser steckt», sagt Autor Harry Luck. «Schliesslich muss man nicht immer um jeden Preis cool sein, das gepflegte Uncoolsein kann manchmal ganz befreiend wirken.»

Wie etwa wieder mal eine Postkarte zu schreiben, Hornussen zu lernen oder eine Flaschenpost zu verschicken. Alles Dinge, die man diesen Sommer gemacht haben sollte.

Berner Zeitung

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