Schau mir in die Augen, Kleines!

Autohersteller setzen immer mehr intelligente Maschinen ein, in Japan assistieren Roboterbären bei der Altenpflege. In einigen Berufen wird der Mensch bald durch intelligente Programme ersetzt, sagt Stephan Sigrist, Leiter des Thinktanks W.I.R.E.

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Lucie Machac@liluscha

Herr Sigrist, gemäss einer viel zitierten Oxford-Studie wird in den nächsten 20 Jahren fast die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze durch intelligente Software ersetzt. Müssen wir uns fürchten?
Stephan Sigrist: Was die technische Machbarkeit anbelangt, ist dies durchaus realistisch. Aber die technologischen Möglichkeiten allein ergeben noch kein realistisches Bild. Die Studien basieren auf Extrapolationen. Man nimmt die Entwicklung der letzten Jahre, die Zunahme der Roboter, und rechnet diese hoch auf die nächsten Jahre. Dabei werden oftmals die sozialen, ökonomischen und politischen Dimensionen ausblendet. Es kann sein, dass sich die Gesellschaft gegen die Robotisierung wehrt. Es kann sein, dass in gewissen Bereichen Roboter gar nicht einsatzfähig sind.

Was bringen solche Studien überhaupt?
Sie sind insofern sehr sinnvoll, weil sie uns zur Reflexion anhalten, welche Auswirkungen die fortschreitende Automatisierung haben könnte. Der Einzug von Robotern in die Arbeitswelt weckt verständlicherweise Ängste.

Wenn man sich im Alltag umschaut, ist die automatisierte Zukunft allerdings näher als man denkt.
Stimmt. Es gibt schon heute sehr viele halb automatisierte Lebensbereiche. Das Flugzeug lenkt die meiste Zeit ein Computer, beim Onlineshopping oder E-Banking fällt der menschliche Verkäufer oder Bankberater weg. Im Supermarkt scannen die Kunden ihre Einkäufe inzwischen selber. Dasselbe am Zoll ...

Am Zoll?
In Londoner Flughäfen läuft man ohne menschliche Passkontrolle durch die Schranke. Man hält den Pass an einen Bildschirm, der Pass wird gescannt und das wars.

In welchen Arbeitsbereichen ist eine weitere Automatisierung in dem nächsten Jahren realistisch?
Bei Tätigkeiten, die auf repetitiven Arbeitsschritten beruhen und durch klare Gesetzmässigkeit gekennzeichnet sind. Hier haben menschliche Fähigkeiten der Effizienz eines intelligenten Programms wenig entgegenzusetzen.

Das betrifft aber vor allem einfache, langweilige Arbeiten.
Ich meine nicht unbedingt Fliessbandarbeit, wie etwa in der Autoindustrie. Ich meine Callcenter-Telefonisten oder Buchhalter. Auch juristische Berufe und selbst Ökonomen könnten betroffen sein. Das Zusammentragen von Fakten für Marktanalysen könnte beispielsweise eine Software übernehmen.

Wie kann ein Computer einen Markt besser analysieren als ein Mensch?
Ein Computer ist dann besser als der Mensch, wenn er sich auf überschaubare Bereiche konzentrieren kann, die Suche nach Unternehmenskennzahlen oder auf das Durchsuchen von Datenbanken nach bestimmten Typen von Immobilien. Geht es aber um Gesamtzusammenhänge, ist der Mensch nach wie vor überlegen – und wird es wohl auch in Zukunft bleiben.

Was wird eine Analysesoftware konkret nicht können?
Sie wird nicht berechnen können, wie der Aktienmarkt auf unerwartete Ereignisse reagiert. In der Finanzwelt spielen auch Intuition oder Risikobereitschaft eine grosse Rolle, die eine intelligente Software nicht erfasst.

Es gibt Thesen, dass auch CEOs durch eine intelligente Software ersetzt werden könnten, weil diese im Gegensatz zum Menschen nicht irrt und sachbezogen agiert.
Das halte ich für wenig wahrscheinlich. Führungspersonen, die komplexe Sachverhalte erkennen und Entscheide fällen müssen, sind nicht so leicht durch Algorithmen ersetzbar. Allerdings dürften künftige CEOs clevere Roboter oder Systeme haben, die ihnen helfen, die für ihre Entscheidung notwendigen Daten aufzubereiten.

Roboter werden uns also lediglich den mühsamen Teil der Arbeit abnehmen?
Im Idealfall. Ein Bankberater müsste künftig nicht mehr drei Stunden sein Dossier vorbereiten, er könnte es dank einer intelligenten Software einfach ausdrucken. Jener Teil seiner Arbeit, in dem die menschlichen Fähigkeiten am besten zum Ausdruck kommen, das Gespräch mit dem Kunden, bekämen dadurch mehr Raum.

Oder er müsste in der Hälfte der Zeit doppelt so viele Kundengespräche führen.
Wenn die Automatisierung zu einer Qualitätssteigerung der Bankdienstleistung beitragen soll, nicht unbedingt. In einer idealen Welt würde auch die Transparenz erhöht und unter Umständen sogar die Aufklärung gefördert.

Inwiefern?
Wenn der Bürger einen Entscheid fällen muss, kann ihm ein intelligentes Programm im Nu die nötigen Informationen zusammensuchen. Es kann sogar die Vor- und Nachteile benennen. Den Entscheid muss aber immer noch der Mensch fällen.

Um welche Berufsgattungen muss man sich keine Sorgen machen?
Überall dort, wo Kreativität wichtig ist, wo man spontan auf eine Situation reagieren muss, wo auch Mimik und Gestik eine Rolle spielen, wird der Roboter noch lange schlechter bleiben als der Mensch. Handwerkliche Berufe wie Coiffeure, Maurer oder Köche werden kaum durch Maschinen ersetzt. Ein guter Verkäufer muss sich auch keine Sorgen machen. Ein Roboter wird nicht aus der Situation heraus agieren und unerwartete Kundenwünsche erfüllen können. Und man sollte auch nicht unterschätzen, dass wir in bestimmten Situationen ein menschliches Gegenüber einem Roboter vorziehen.

Das heisst?
Auch wenn intelligente Zahnarzt- oder Wellnessroboter technologisch machbar wären und eventuell sogar besser als Menschen, würden sie sich kaum durchsetzen.

Dennoch sind der Automatisierung in den letzten fünfzig Jahren bereits viele Arbeitsplätze zum Opfer gefallen.
Gleichzeitig wurden in der Vergangenheit aber mit fast jedem technologischen Schub mehr Arbeitsplätze geschaffen, als verloren gegangen sind. Mit der Einführung der Schreibmaschine und des Computers haben Sekretärinnen ihre Jobs nicht verloren. Menschen mit Berufen, die aufgrund des technologischen Fortschritts überflüssig wurden, konnten andere Tätigkeiten übernehmen, zum Beispiel die Vermarktung der neuen Technologie. Die spannende Frage ist nun, wie federt man die rasante digitale Entwicklung in Zukunft ab?

Welche Massnahmen bräuchte es, um eine drohende Massenarbeitslosigkeit abzuwenden?
Wenn wir auf die industrielle Revolution zurückblicken, ist Folgendes passiert: Die Menschen mussten für wenig Lohn viel arbeiten, hatten deshalb weniger Kinder und dadurch war ihre Altersvorsorge gefährdet. Das war die Geburtsstunde der Sozialversicherung. Um die Probleme aufzufangen, die grosse technologischen Umwälzungen mit sich bringen, braucht es eine grosse gesellschaftliche Innovation.

Eine Schweizer Volksinitiative fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wäre das eine mögliche soziale Innovation?
Theoretisch ja. Persönlich bin ich eher skeptisch. Allerdings würde mich interessieren, wie sich ein solches Modell in einem Pilotprojekt bewähren würde.

Würde es denn in der Praxis überhaupt funktionieren, Lohn zu beziehen, ohne zu arbeiten?
Dagegen spricht, dass ein möglicher Antrieb des Menschen zu arbeiten das Streben nach mehr ist, um der Knappheit der Ressourcen zu entrinnen. Was wird die Bevölkerung antreiben, wenn im Prinzip alle Grundbedürfnisse gedeckt sind? Ein Grundeinkommen könnte zu einer gesellschaftlichen Sättigung führen und damit würde die Dynamik, sich weiterzuentwickeln, abnehmen. Diese Herausforderung haben wir in der Wohlstandsgesellschaft bereits heute – auch ohne Grundeinkommen.

Was spricht dafür?
Eine andere Gesellschaftstheorie besagt: Stellt man den Leuten genug Geld zur Verfügung, um sich Essen zu kaufen, werden sie automatisch anfangen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die der Gesellschaft einen Mehrwert bringen. Einer kann gut kochen, ein anderer kann gut Haare schneiden, ein weiterer kann gut Computer entwickeln. Heute machen viele Menschen teils Tätigkeiten, die ihnen nicht unbedingt liegen, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Zudem ist das Sozialsystem ein grosse bürokratischer Aufwand, der im Endeffekt auch Ungerechtigkeit produziert. Mit einem Schlag könnte man dies ändern, hin zu mehr Sinnhaftigkeit, Zufriedenheit und unter Umständen auch zu mehr Produktivität. Aber das ist eine Utopie.

Roboter in der Pflege halten die meisten auch für eine Utopie, in Japan sind sie bereits im Einsatz.
Das ist richtig. Die smarte Robbe Paro, die auf Berührung und Streicheleinheiten reagiert, ist in der Altenpflege ein grosser Erfolg. Man konnte nachweisen, dass sich demente Senioren mit der Robbe wohl fühlen. Es gibt auch einen Roboterbären, Riba heisst er, der Senioren in Japan aus dem Bett hievt.

Wieso ein Bär?
Weil ein Bär Geborgenheit ausstrahlt und Kindheitserinnerungen weckt. Als man bei einer Umfrage in Deutschland Senioren fragte, ob sie sich vorstellen können, von einem Roboter gepflegt zu werden, wenn sie stattdessen nicht ins Altersheim müssten, haben 64 Prozent Ja gesagt. Allerdings nur, wenn er freundlich aussieht. Es ist nicht entscheidend, wie gut der Roboter technisch ist, sondern ob man es schafft, ihn so zu gestalten, dass der Mensch bereit ist, mit ihm zu interagieren.

Das Tamagotchi aus den 1990ern, um das man sich wie um ein Haustier kümmern musste, sah nicht gerade wie ein knuffiges Plüschtier aus.
Und trotzdem haben damals weltweit Millionen von Kindern dieses Computerküken gefüttert, gehegt und gepflegt, teilweise bis zur Erschöpfung, und es gab grosse familiäre Dramen, wenn es «starb», weil es vernachlässigt wurde. Das zeigt doch, das wir offenbar mehr Gefühle und Empathie für unbelebte Dinge entwickeln können, als uns bewusst ist. Kinder hatten schon immer ihre Stofftiere gern, manche Leute ihre Autos.

Wird demnach irgendwann ein intelligenter Roboter den echten Lebenspartner ersetzen?
Ersetzen sicher nicht, aber er könnte ein Zusatzangebot sein. Nach Umfragen können sich 60 Prozent der Menschen vorstellen, eine Beziehung mit einer künstlichen Intelligenz einzugehen. Stellen Sie sich vor, dass Ihr freundlicher Haushaltsroboter Sie am Morgen begrüsst, Sie an Ihre Termine erinnert und Ihnen einen Vorschlag fürs Mittagessen macht, und Sie sich dafür bedanken. Das wäre der Anfang einer einfachen Beziehung mit einer künstlichen Intelligenz.

Also machen wir bald Smalltalk mit Robotern?
Das wird sich weisen. Möglicherweise hätte dies für manche Beziehung einen wohltuenden Effekt, wenn sich der Partner nicht jeden Abend anhören muss, wie mühsam der Tag war.

Aber nehmen wir an, wir könnten einen virtuellen Traummann/eine Traumfrau bestellen. Welche Vorteile hätte da noch ein realer Partner, der niemals alle Bedürfnisse abdecken kann?
Stellen Sie sich vor, wie langweilig es auf die Dauer wird, wenn Ihnen niemand widerspricht, wenn sie immer alles bekommen, was sie wollen. Aus der Reibung mit dem Partner entsteht letztendlich Selbstreflexion. Genauso wie Algorithmen kaum fähig sein werden, über den Tellerrand hinauszudenken, weil sie immer nur bestehende Daten kombinieren, werden wir uns auch nicht in unserer Persönlichkeit weiterentwickeln, wenn wir nicht mehr gespiegelt werden.

Ein attraktiver Roboter müsste sich also auch unsensibel und uneinsichtig sein können?
Er müsste im Prinzip menschliches Verhalten imitieren. Er dürfte eben nicht alle Bedürfnisse seines menschlichen Gegenübers auf Befehl erfüllen, er müsste streiten und irrational reagieren können, er dürfte auch nicht immer auf Abruf verfügbar sein. Man müsste einem künstlichen Partner Fehlerstrukturen programmieren, die Emotionen und Gedanken bewirken, die nicht logisch sind. Quasi eine Random-Funktion. Und davon sind wir noch weit entfernt.

Wie weit sind wir von der seriellen Herstellung selbst fahrender Autos entfernt?
Die Technologie dazu ist mehrheitlich vorhanden. Die Frage ist aber wieder, sind wir bereit dafür? Meine Antwort lautet: nein. Sonst hätten wir bereits Tramchauffeure und Piloten durch intelligente Software ersetzt.

Was hindert uns daran?
Bei neuen Technologien stehen dem Nutzen immer Ängste und Vorurteile gegenüber. Würde einem selbst steuernden Tram ein Unfall passieren, würde die Gesellschaft mit heftiger Kritik und Ablehnung reagieren. Obwohl Menschen natürlich auch Fehler machen. Die Verkehrsbetriebe in grossen Städten sind jährlich in Hunderte von Schadenereignissen verwickelt. Und trotzdem vertrauen wir dem öffentlichen Verkehr mehr als einem selbst steuernden Auto, weil wir eben glauben, ein Mensch birgt ein kleineres Risiko als ein Roboter.

Beim Autofahren geht es aber nicht nur um Sicherheit, sondern um ein Gefühl von Freiheit, das durch die Automatisierung verloren ginge.
Sicher, aber jeden Morgen dieselbe Strecke zu fahren und im Stau zu stehen, hat wenig mit Freiheit zu tun. Schon deshalb dürften sich selbst fahrende Autos im Pendlerverkehr durchsetzen. Wenn der Verkehr dank intelligenten Autos automatisch gesteuert wird, wird die Geschwindigkeit der Auslastung auf der Autobahn angepasst, Unfallrisiken nehmen ab, und im Endeffekt kommt man schneller von A nach B.

Und wenn das System ausfällt, ist das Chaos vorprogrammiert.
Hierin liegt eine der grossen Herausforderungen der «Automatisierung der Welt». Wir werden abhängig und verletzbar. Nicht zuletzt könnten die Autos oder Haushaltsroboter ja auch gehackt werden. Die Klärung dieser Fragen ist meines Erachtens entscheidend, ob und wie schnell sich die Automatisierung durchsetzen wird – wichtiger als die Leistungsfähigkeit von Robotern.

Berner Zeitung

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