Sterben 2.0

#RIP: Wie das Leben online weitergeht

Sterben 2.0Weil sich ein immer grösserer Teil unseres Alltags im Internet abspielt, wird auch Sterben online zur Herausforderung – juristisch, kommerziell, kulturell. Längst geht es nicht mehr nur um das Vererben von Passwörtern oder das Löschen von Accounts nach dem Tod.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sterben kann eine recht coole Sache sein. Falls man die App «If I die» (Wenn ich sterbe) auf dem Smartphone installiert. Ein sehr, sehr fröhliches Animationsfilmchen führt in die Funktion der vom israelischen Start-up-Unternehmer Eran Alfonta lancierten Facebook-Applikation ein.

Man weiss ja nie, wann es einen erwischt. Shit happens – halb so schlimm dank «If I die»: Drei vom Profilinhaber bezeichnete Vertrauenspersonen aus dem Facebook-Freundeskreis können, sobald sie vom Tod erfahren, dafür sorgen, dass der Account des Verblichenen eine von ihm komponierte Nachricht postet, obschon er nicht mehr lebt. Für einen Aufpreis stellt «If I die» auch Videos online, die der Verstorbene vorbereitet hat. Vitale Inszenierungen aus dem Jenseits.

Jedes Mal, bevor er ins Flugzeug steige, erklärte Alfonta unlängst dem «Guardian», kontrolliere er, ob seine vorbereitete Abschiedsmessage noch up to date sei. Die App sei hunderttausendfach heruntergeladen worden, in jüngster Zeit gehäuft von Usern aus dem Kriegsland Syrien, wo der Tod Teil der Alltagsrealität und die Nachfrage nach posthumen Posts grösser ist.

Er sei überzeugt, so Alfonta, dass Dienste wie «If I die», heute gerne als pietätlos abqualifiziert, in einigen Jahren weltweit zur Selbstverständlichkeit werden – besonders in Kulturen, in denen der physische Tod öffentlicher zelebriert wird als bei uns.

Offline sollte Trauer privat und rasch bewältigt werden

In der Schweiz findet eine Auseinandersetzung mit dem Lebensende im Netz noch kaum statt. Initiativen wie die «If I die»-App kommen uns vor wie makabre Scherze, die wir mit routinierter Heiterkeit abtun. Aus Selbstschutz. Doch das Lächeln könnte uns auf den Lippen gefrieren.

Sterben geschieht bei uns meist im Verborgenen, der Umgang mit Toten wird sauber durchorganisiert und abgerechnet, Trauer ist ein Prozess, der privat und rasch bewältigt werden sollte und sonst an die Psychotherapie delegiert wird.

Weil unsere Daten unseren physischen Tod überleben, stellt der digitale Tod diese Gewohnheiten allerdings heftig infrage. Er wirft komplexe rechtliche Probleme auf. Er bringt bewährte Geschäftsmodelle ins Wanken. Und er fordert uns heraus, indem er eine unangenehme Öffentlichkeit des Sterbens, des Trauerns und des Erinnerns etabliert.

Längst ist der Tod auf sozialen Netzwerken alltäglich. Alle paar Sekunden stirbt ein Facebook-User, etwa 400'000 sind es weltweit pro Jahr, zwischen 3000 und 4000 in der Schweiz. In den Twitter-, Linkedin-, Tumblr- oder Instagram-Accounts der meisten Nutzer figurieren Friends und Follower, die nicht mehr leben. Physisch.

Auf Facebook wird ihre Onlinepräsenz auf Antrag der Angehörigen standardmässig im Gedenkstatus «eingefroren». Allerdings kann man auf der Seite des Verstorbenen nach wie vor Nachrichten posten. «RIP – Rest in peace» hat sich online als Standardmessage an Tote durchgesetzt. Erst letzte Woche hat Facebook eine neue Funktion eingeführt, die das postmortale Verwalten oder Löschen eines Accounts erleichtert, weil man einen Erben bestimmen kann. Vorläufig aber erst in den USA.

Digitaler Tod: Heikle Fragen an Bundesbern

Mir egal! Das ist die häufigste Reaktion, wenn man Lebende fragt, was mit ihren digitalen Daten nach dem Tod geschehen soll. Zu glauben, dass diese Daten unschuldig ruhen, wenn man selber im Grab liegt, ist allerdings fatal.

Möglich, dass ein erfolgreiches Youtube-Filmchen immer noch Geld abwirft, selbst wenn der Urheber definitiv offline ist. Möglich aber auch, dass die digitalen Hinterlassenschaften Informationen enthalten, die Nachkommen unverschuldet in Schwierigkeiten bringen. Oder die Erinnerung an den Verstorbenen empfindlich trüben, wenn man plötzlich einsehen kann, wo dieser im Netz wirklich unterwegs war.

Fachleute empfehlen deshalb, das Testament rechtzeitig um das Kapitel IT zu erweitern – wobei die meisten Internetnutzer die Übersicht verloren haben, auf welchen Servern überall auf der Welt Daten von ihnen lagern. Noch verwirrlicher wird es indessen für Angehörige, wenn sie post mortem sensible Accounts des Verstorbenen suchen, sichten und allenfalls löschen möchten.

Rechtlich ist vieles gar nicht oder unklar geregelt, wie Forscher der Zürcher Fachhochschule für angewandte Wissenschaften in ihrer umfangreichen Untersuchung «Sterben und Erben in der digitalen Welt» festhalten. Eine elegante Lösung ist es, sich an spezialisierte Firmen wie die in Zürich domizilierte Dswiss AG zu wenden, die Onlineschliessfächer betreibt. Über die kostenlose Smartphone-App Secure Safe kann man Passwörter, Zugangsdaten und weitere digitale Informationen speichern lassen und an Begünstigte missbrauchssicher vererben.

Seit wenigen Monaten ist der digitale Tod auch ein politisches Thema in Bundesbern. Auf ein Postulat des Waadtländer SP-Nationalrats Jean-Christophe Schwaab befasst sich die Bundesverwaltung mit der Frage, ob und allenfalls wie das Erbrecht an die Erfordernisse der Onlinewelt angepasst werden muss. Zweifellos wird man schnell auch zu existenziellen, fast philosophischen Fragen vorstossen: etwa, ob es angesichts der Dauerhaftigkeit digitaler Hinterlassenschaften so etwas wie ein Recht auf das Vergessenwerden braucht.

Live-Streaming aus der Aufbahrungshalle

Vorderhand wird das Sterben im Netz jedoch meist unbedarft angegangen. Das jedenfalls ist die Erfahrung von Philipp Messer, Geschäftsführer des Bieler Bestattungsunternehmens Vitamori und Präsident des Schweizerischen Verbandes der Bestattungsdienste, zu deren Service heute auch der Umgang mit dem digitalen Tod gehört. Laut Messer fragen Trauernde häufig den Bestatter, wie sie mit dem Datenberg des Verstorbenen umgehen sollen – und müssen erkennen, dass sie sofort an Grenzen stossen. Wenn sich der Server in den USA befindet etwa, was sehr häufig der Fall ist.

Derzeit, so Messer, seien die meisten Verstorbenen 80-jährig und älter, die Affinität zur Onlinewelt gering und die digitalen Hinterlassenschaften überschaubar. Deshalb sieht er auch noch keine Nachfrage für digitale Innovationen wie etwa im Grabstein eingelassene QR-Codes, über die man vom Friedhof mit dem Smartphone direkt auf eine Interneterinnerungsseite des Verstorbenen surfen kann.

Oder für Streamingdienste aus der Aufbahrungshalle, wie sie der US-Anbieter Funeralone auf den Markt gebracht hat, um es weit entfernt lebenden Angehörigen zu ermöglichen, die Beerdigungsfeier auf Smartphone oder PC live zu verfolgen oder später nach Belieben wieder abzurufen. «Aber wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung», sagt Messer, «die Generation, die in der digitalen Welt aufgewachsen ist, kommt erst in einigen Jahrzehnten ins Sterbealter.»

Kampf ums Geschäft mit Todesanzeigen

Messer bezweifelt, dass man die Entwicklung des digitalen Ablebens heute schon voraussagen kann. Denn er sieht im Umgang mit dem Sterben widersprüchliche Trends. Zum einen beförderten die sozialen Medien private Lebensbereiche zunehmend in die Öffentlichkeit – auch den Tod und das Sterben.

Zum anderen registriere er, dass immer mehr Trauernde eine Feier im kleinen Kreis wünschten, einen Abschied in der Intimität der Familie. Messer kann sich vorstellen, dass breite Kreise in Zukunft für Tod und Trauer eine explizite Abwendung von der schrillen, geschwätzigen, emotionalisierten digitalen Welt wünschen.

Auf einem spezifischen Feld der Sterbebewältigung geht es derzeit indessen sehr lebhaft zu und her – im Geschäft mit den Todesanzeigen. Schon seit Jahren bieten Bestattungsunternehmen online im kleinen Rahmen Todesanzeigen und Kondolenzbücher an. Weil aber die Zeitungsverlage um den letzten stabilen Pfeiler des schrumpfenden Inserategeschäfts fürchten, wenden auch sie sich der digitalen Trauerbewirtschaftung zu und lancieren Gendenkportale.

Unter Bernerzeitung.sich-erinnern.ch führt auch diese Zeitung seit kurzem einen vom Tamedia-Verlag designten Internetauftritt, auf dem man Todesanzeigen aufgeben und virtuelle Gedenkkerzen anzünden kann.

Internet-Grab aus Österreich

Nun erhalten die Verlage aber Konkurrenz: Über die von ihr im Sommer 2014 übernommene Publigroupe will die Swisscom das Portal Rememberforever.ch «zur grössten digitalen Gedenk- und Erinnerungsstätte der Schweiz» aufbauen. Für 390 Franken kann man eine dauerhafte Gedenkseite für Verstorbene mit Bild und Text gestalten. Geschäftsführer Mike Weber präzisiert, es gehe ihm darum, Rememberforever.ch «als die relevante Onlinebegegnungsstätte» zu etablieren, die würdevolles Trauern im Netz ermögliche.

Allein: Das hat auch das erfolgreiche österreichische Onlinetrauernetzwerk Aspetos.at vor, das mit deutlich günstigeren Tarifen den Markteintritt in der Schweiz vorbereitet, wie Sprecher Jörg Bauer bestätigt. Aspetos hat mehrere innovative Gedenkutensilien lanciert – kürzlich etwa das mit einer Webcam ausgestattete Internetgrab, über das man den Friedhofbesuch online absolvieren kann.

Im Vordergrund, so Bauer, stehe für Aspetos aber das soziale Engagement – für einen unbefangeneren, unverkrampfteren öffentlichen Dialog über Tod und Sterben, den Aspetos mit einem von einer Psychologin moderierten Trauerforum betreibt. «Damit wir», wie Bauer sagt, «der Tatsache wieder näher kommen, dass der Tod Teil des Lebens ist.»

Tatsächlich sieht auch Nina Jakoby, Wissenschaftlerin am Soziologischen Institut der Universität Zürich, in digitalen Friedhöfen und Web-Memorials eine Chance, neue, vielleicht säkulare, von der Kirche unbeeinflusste Formen zu finden, um mit der Unausweichlichkeit des Todes umzugehen. Vor allem, wie sie festhält, weil die digitale Trauerkultur langfristige Trauergefühle ermögliche – im Gegensatz zur Realität offline, wo man bei lang anhaltender Trauer schnell als krank gilt.

«In unserer Alltagswelt fehlen Rituale, die der emotionalen Bindung zu den Verstorbenen, die über den Tod hinaus bestehen bleibt, Rechnung tragen», sagt Nina Jakoby. Besonders bei der jüngeren Generation hingegen sind Social Media fester Teil des Alltags, und diese Selbstverständlichkeit beeinflusse zunehmend den Umgang mit dem eigenen oder dem Tod anderer. An vielen Stellen, so Jakoby, löse sich in der virtuellen Sphäre «die traditionelle dualistische Trennung von Leben und Tod auf».

Bloggen und Twittern übers Sterben – ein Affront?

Die Soziologin hält es für nötig, dass auch in der Schweiz eine engagiertere Debatte über den digitalen Tod in Gang kommt, zumal er wohl schon heute stärker auf das irdische Dasein zurückwirkt, als wir uns bewusst sind. Sterben und Trauer gehören klassischerweise in die Domäne von Medizin, Theologie und Psychologie. Die gesellschaftliche Dimension bleibt meist ausgeblendet.

Doch jetzt wirft der Umgang mit digitalen Hinterlassenschaften im Angesicht des Todes plötzlich kaum bearbeitete, kontroverse Fragen auf, die umfassende Antworten verlangen – zur Privat- und Intimsphäre, zu postmortalen Persönlichkeitsrechten und zum Recht auf Vergessen. Wenn es das überhaupt gibt.

Nina Jakoby hat in den letzten Jahren mehrere Studien zu Trauer und Tod veröffentlicht, und als Soziologin betrat sie damit in der Schweiz Neuland. Kürzlich hat sie mit ihrer Kollegin Michaela Thönnes am Soziologischen Institut der Universität Zürich die Forschungsgruppe Soziologie des Sterbens gegründet. Jakoby ist auch Gastwissenschaftlerin am Centre for Death and Society in Bath (GB). Im englischsprachigen Raum wird die Auseinandersetzung mit Leben und Tod in einem für uns ungewohnten Ton – offensiv, explizit und mitunter ironisch – geführt, recht nahe am Sound der «If I die»-App.

Die Dänin Stine Gotved, Professorin für digitale Kommunikation und Gesellschaft an der privaten IT-Universität von Kopenhagen, gehört als Initiantin eines internationalen Death-online-Forschungsnetzwerks zu den wissenschaftlichen Vordenkerinnen über das Ableben im Web. «In der westlichen Kultur haben wir das Sterben und den Tod vom Leben abgespaltet, und wenn sich heute jemand, der an einer unheilbaren Krankheit leidet, getraut, darüber zu bloggen oder zu twittern, sind wir irritiert», hält sie fest. Heftige Kontroversen löste etwa die auf der Fotoplattform Instagram entfachte Mode aus, Beerdigungsselfies (#selfiesatfunerals) vor dem geöffneten Sarg zu posten. Wenn möglich mit seligem Lächeln.

Lifestyle prägt den Deathstyle

Gotved beobachtet allerdings einen raschen Wandel. Social Media seien heute für viele Menschen nicht mehr bloss ein unbeschwertes Freizeittummelfeld, sondern ein ernsthafter Teil der Identität, des Alltagslebens, zu dem Sterben und Trauern ganz natürlich gehören. Machtvoll und mitunter frivol drängt der Tod ins virtuelle Leben, man kann ihm online fast weniger ausweichen als offline. Bereits spricht man von einem Deathstyle, der sich dem Lifestyle annähert.

Man sei online in harten Zeiten aufgehoben in der Community Gleichgesinnter, so Gotved, und es gehe oft weniger darum, mit dem Verlust fertig zu werden. Sondern darum, eine Beziehung zu erhalten. Denn die Psychologie suggeriert, dass bleibender Kontakt mit Verstorbenen, den die Onlinewelt ermöglicht, den Umgang mit dem Tod der Liebsten erleichtert.

Sehr weit denkt dies der rumänisch-amerikanische Start-up-Unternehmer Marius Ursache. Er ist CEO des Portals Eterni.me, das verspricht, einen Algorithmus zu entwickeln, der aus allen im Netz hinterlassenen digitalen Spuren eines Verstorbenen – von Facebook bis Google Glass – eine virtuelle Person formt, die online weiterlebt. Weiter postet. Weiter bloggt. SMS verschickt.

Weiter in Onlinegames mitspielt. Und den Nachkommen die Option öffnet, mit dem Verstorbenen für immer eine emotionale Bindung aufrechtzuerhalten – vielleicht über Generationen hinweg. Noch aber sei man bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz zu wenig weit, um einen glaubhaften Avatar eines Verstorbenen ins Netz zu entlassen.

«If your heart stops beating, you’ll keep tweeting – obschon dein Herz zu schlagen aufhört, wirst du weiter twittern», wirbt das Portal LivesOn für einen postmortalen Twitter-Dienst. Ein wenig schaudert uns bei der Vorstellung. Oder wir lachen darüber. Noch. Alles eine Frage der Zeit. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.02.2015, 09:08 Uhr

Artikel zum Thema

Facebook testet Netzwerk für die Berufswelt

Zuckerberg landet seinen neusten Coup: Mit «Facebook at Work» will der Social-Media-Gigant auch in der Arbeitswelt mitmischen. Die Öffentlichkeit lässt er aber noch nicht an sein neues Baby. Mehr...

Wer ist dieses Face im Book?!

Laut einer aktuellen Studie werden Social-Media-Kontrollinstrumente in Paarbeziehungen immer präsenter. Wo beginnt die krankhafte Eifersucht? Unser Quiz zeigt es. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kleiner Punk: Ein junger Buntspecht sitzt in Rafz auf einem Baumstamm. (18.Juni 2018)
(Bild: Leserbild: Peter Koch) Mehr...