Pöstler – nur noch ein Teilzeitjob

Das Briefvolumen geht zurück. Zudem sortieren Maschinen immer mehr Sendungen automatisch. Deshalb geht den Briefträgern ein Teil ihrer Arbeit aus. Die Folgen.

Maschinen im Einsatz: Mit hoher Geschwindigkeit durchlaufen Umschläge im Briefzentrum der Sihlpost Zürich die Verteilanlage. (Archivbild)

Maschinen im Einsatz: Mit hoher Geschwindigkeit durchlaufen Umschläge im Briefzentrum der Sihlpost Zürich die Verteilanlage. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Als René Fürst vor 31 Jahren in Murten die Lehre zum Briefträger machte, begann sein Arbeitstag um 5 Uhr in der Früh. Beim Bahnhof packte er die Briefpostsäcke aus dem Eisenbahnwagen. Auf der Poststelle wurden die Briefe dann fein säuberlich von Hand sortiert, bevor die Tour losging. Damals gab es auch noch zwei Zustellungen der Briefpost pro Tag.

Heute arbeitet René Fürst als Branchenleiter Post/Logistik für den Personalverband Transfair. Er schildert, wie sich das Berufsbild des Briefträgers in den letzten Jahren verändert hat – und wie es sich in Zukunft noch verändern wird: «Wenn ein Pösteler heute seinen Arbeitstag beginnt, liegen die meisten Briefe vorsortiert in einer Kisten für ihn parat», sagt René Fürst. Auch Post-Sprecher Bernhard Bürki bestätigt: «40 Prozent der adressierten Briefe werden heute auf die Reihenfolge der Briefkästen genau durch Maschinen sortiert. Bis Ende 2015 wird diese Zahl auf 55 Prozent anwachsen.» Die automatische Gangfolgesortierung ordnet die Post also genau in der Reihenfolge, wie sie der Briefträger auf seiner bevorstehenden Tour benötigt. Briefkasten für Briefkasten. Die Technik wird immer besser: Mittlerweile können die Maschinen auch von Hand geschriebene Adressen lesen.

Die Post baut immer mehr Vollzeitstellen ab

Für die Briefträger bedeutet das: Sie haben immer weniger zu tun. Denn sie können nun nicht einfach früher mit dem Verteilen der Post beginnen. «Niemand lässt sich gerne vor 7 Uhr vom Briefträger wecken, zum Beispiel für die Zustellung eines eingeschriebenen Briefes», sagt René Fürst. Auch am Nachmittag können die Postboten nicht länger arbeiten, indem etwa ihre Tour ausgedehnt wird. Denn die Post hält eisern am Zustellschluss 12.30 Uhr fest. Dies, obschon es keine gesetzliche Regelung dafür gibt. «Bei 12.30 Uhr für Briefsendungen handelt sich um einen internen Richtwert, der heute nach Möglichkeit eingehalten wird», sagt Postsprecher Bürki.

Die Folge: «Der Briefträgerberuf verkommt zum Teilzeitjob», sagt Gewerkschafter René Fürst. Dieselbe Prognose macht auch Fritz Gurtner, der Leiter der Sektion Logistik von der Gewerkschaft Syndicom: «Vor allem in städtischen und dicht besiedelten Gebieten wird Postmail immer mehr Vollzeitstellen abbauen», sagt er. Das sei deshalb schade, weil eine Briefträgerin oder ein Briefträger heute mit einem Jahresgehalt zwischen 60'000 und 65'000 Franken leben kann. «Damit lassen sich zwar keine grossen Sprünge machen, doch man bringt eine Familie durch.» Gerade für Leute, die keine hohe Schulbildung haben, wäre es besonders wichtig, solche Stellen zu erhalten, betont Fritz Gurtner. «In der Schweiz hat nicht jeder studiert.»

Aktuell sind rund 13'500 Postmitarbeitende im Zustellbereich beschäftigt. 70 Prozent davon haben heute noch einen Vollzeitjob. Die Post sei bestrebt, auch in Zukunft für die Mehrheit der Briefträger Vollzeitstellen anzubieten, sagt Postsprecher Bernhard Bürki. Doch er gibt zu: «Tatsache ist, dass der Anteil an Teilzeitstellen zunehmen wird.» Durch den Rückgang bei der Briefpost und der zusätzlichen Automatisierung in den Vorarbeiten nehme das Arbeitsvolumen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab.

Der Wandel trifft vor allem die jungen Briefträger

Für diese Entwicklung kommt den Verantwortlichen von Postmail der bevorstehende Personalabbau gelegen. «Bis Ende 2015 sinkt der Arbeitsaufwand bei der Post gegenüber heute um insgesamt rund 100 Personaleinheiten», sagt Bernhard Bürki. Der Hauptgrund dafür sei der Mengenrückgang der adressierten Briefe. Das Briefvolumen geht Jahr für Jahr um 1 bis 2 Prozent zurück. Im ersten Halbjahr 2014 betrug dieser Rückgang sogar 3,1 Prozent.

Den geplanten Personalabbau fängt Postmail zu einem grossen Teil durch Pensionierungen auf. Laut Bernhard Bürki werden 6 bis 7 Prozent der Briefträgerinnen und Briefträger in den nächsten 5 Jahren ordentlich pensioniert. «Vor allem neue Mitarbeiter werden häufiger in Teilzeitpensen angestellt», sagt er.

«Die Post wird Mühe haben, die pensionierten Pösteler zu kompensieren», sagt René Fürst von der Gewerkschaft Transfair. «Denn die jungen Briefträgerinnen und Briefträger wollen nach der Lehre 100 Prozent arbeiten – und am liebsten in einer Fünftagewoche.» Die Gewerkschaften fordern eine Verlängerung des Zustellschlusses der Briefpost bis in die Nachmittagsstunden hinein. Oder anders gesagt: Damit die Briefträgerinnen und Briefträger der Zukunft nach wie vor 100-Prozent-Stellen erhalten, sollen deren Zustelltouren ausgedehnt werden. Ein Teil der Haushalte müsste somit länger auf den Briefträger warten.

Dieser Vorschlag bringt für die Post ein Problem: Ein Aufstand aus dem Volk ist programmiert. Im Herbst 2010 hatte die Post einen Pilotversuch durchgeführt, bei dem sie in der Ostschweiz die Briefe bis 14 Uhr, in der Westschweiz sogar bis 17 Uhr auslieferte. Das Ergebnis war negativ. «Bei vielen Kunden stiess diese Änderung auf Ablehnung. Die Post hatte deshalb entschieden, Postsendungen für alle Kunden wieder in der Regel bis in die Mittagsstunden zuzustellen», sagt Bernhard Bürki.

«Die Post hat Angst vor schlechter Publicity»

Die Gewerkschaften wollen trotzdem für eine Ausdehnung des Zustellschlusses kämpfen. Im Dezember 2013 hat die Gewerkschaft Syndicom eine entsprechende Resolution verfasst.

«Die Bedürfnisse in der Schweiz haben sich verändert», sagt Fritz Gurtner von Syndicom. «Es ist heute nicht mehr so, dass die Frau mittags die Suppe serviert und der Mann nach dem Essen die Post lesen will.» In den meisten urbanen Siedlungen und Quartieren seien beide Elternteile tagsüber am Arbeiten und die Kinder in der Schule oder in der Kita.

«Doch die Post hat Angst vor schlechter Publicity», sagt Fritz Gurtner. Der Konzern könnte durchaus etwas mutiger sein, fordert er. Fritz Gurtner kritisiert die neue Postchefin Susanne Ruoff. «Sie ist nun das zweite Jahr im Amt und hat eine ehemalige IBM-Managerin für den Zukunftsmarkt eingestellt.» Das sei zwar alles gut und recht, sagt er. «Doch nun sollte Susanne Ruoff auch mal das traditionelle Briefpostgeschäft anschauen – gemeinsam mit ihren älteren Briefträgern.» Im Frühjahr 2015 ist deswegen ein Gespräch zwischen den Gewerkschaften und der Post anberaumt. «Die Post ist laufend im Kontakt mit ihren Sozialpartnern», sagt Sprecher Bernhard Bürki. «In diesem Rahmen können Forderungen thematisiert werden.»

Berner Zeitung

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