Munter am Morgen mit Gezwitscher

Kann ein Wecker erkennen, wann die beste Zeit zum Aufstehen ist? Fachärzte stehen Schlafphasenweckern kritisch gegenüber. Der Selbsttest zeigt, dass sich das Wohlbefinden am Morgen durchaus steigern kann.

Schlafphasen- statt normalen Wecker (Bild): Unter Umständen kann ersterer das Aufstehen erleichtern.

Schlafphasen- statt normalen Wecker (Bild): Unter Umständen kann ersterer das Aufstehen erleichtern.

(Bild: Tomas Wüthrich)

Früher wurden die Menschen von Vogelgezwitscher, Kuhglocken, der Sonne oder Kirchenglocken geweckt. Mit der zunehmenden Industrialisierung kamen die festen Arbeitszeiten auf, und Wecker wurden immer wichtiger. Das künstliche Licht und die neuen Weckmethoden trugen dazu bei, dass der Schlaf immer kürzer wurde.

Der erste Wecker, so wie wir ihn kennen, wurde um 1787 erfunden. Dieses Gerät konnte laut Informationen von Jürg Schwander, Leiter der Klinik für Schlafmedizin Luzern und Zurzach (KSM), nur um 4 Uhr früh wecken. Erst 60 Jahre später kam ein mechanischer Wecker mit frei einstellbarer Weckzeit auf den Markt. Mittlerweile gibt es die unterschiedlichsten Modelle, die einen am Verschlafen hindern sollen.

So zum Beispiel auch der Schlafphasenwecker Axbo der österreichischen Firma Infactory Innovations&Trade GmbH. Das Unternehmen kehrt mit seinem Gerät zu den Wurzeln des Weckens zurück. Das System verspricht sanftes Aufstehen, dem Biorhythmus angepasst, und die Frische, die wir uns am Morgen so oft wünschen. Ziel des Produktes ist es, sich in der Früh so zu fühlen, als wäre man von selbst erwacht.

Daten am Arm

Die optimale Weckzeit, so die Erfinder, wird anhand der Bewegung des Schlafenden gemessen. In der Nacht durchläuft jeder Mensch mehrere Schlafzyklen, diese dauern jeweils 90 bis 110 Minuten. Während eines Zyklus wechseln sich Tiefschlaf, Leichtschlaf und REM-Schlaf ab. Die REM-Phase (Rapid Eye Movement) ist jene Phase, in der man träumt. Gegen Morgen nimmt die Tiefe des Schlafes ab, und die REM-Phasen werden länger. Sowohl REM- als auch Tiefschlafphasen sind üblicherweise von annähernder Bewegungslosigkeit gekennzeichnet.

Beim Übergang von der Tiefschlaf- in die REM-Phase und umgekehrt kommt es vermehrt zu Körperbewegungen. So unterscheidet der Axbo-Wecker die Schlafphasen voneinander. Der optimale Aufwachzeitpunkt, also in der Leichtschlafphase, wird innerhalb eines Zeitfensters von 30 Minuten eruiert. Ein Sensor, verpackt in einem Frotteearmband, überträgt die Daten an das Gerät. Falls der Wecker keinen optimalen Zeitpunkt findet, weckt er die schlafende Person zur eingestellten Zeit. Mit Hilfe einer Software ist es möglich, die Schlafdaten auszuwerten.

Regelmässigkeit gefordert

Statt schriller Alarmtöne holen sanfte Melodien wie Meeresrauschen und Vogelgezwitscher einen aus dem Schlaf. Ein Selbsttest über mehrere Wochen hinweg zeigt, dass das System tatsächlich funktioniert – allerdings nur, wenn man bereit ist, Gewohnheiten zu ändern. Der Wecker setzt genügend Schlaf sowie eine konstante Schlafenszeit und somit regelmässige Arbeitszeiten voraus. Es kann sein, dass der Wecker 30 Minuten vor der eigentlichen Aufstehzeit ertönt. Wer nicht sofort aus dem Bett steigt, läuft Gefahr, wegen der fehlenden Snooze-Funktion zu verschlafen.

Hat man sich einmal an die Änderungen gewöhnt, fällt das Aufstehen leichter. Die morgendliche Trägheit verschwindet nach und nach. Auch die Müdigkeitsmomente tagsüber treten mit der Zeit seltener auf.

Als Zusatzfunktion gibt es den Einschlafmodus mit ruhigen Melodien. Der Wecker erkennt, dass man eingeschlafen ist, und stellt automatisch ab.

«System ungenau»

Der These von Axbo und den Selbsttests steht Corinne Roth, Leiterin des Schlaflabors des Inselspitals Bern, kritisch gegenüber. «Das System ist zu ungenau, da wir uns auch in Tiefschlafphasen bewegen», erklärt die Somnologin. Auch das Zeitfenster findet Corinne Roth «speziell»: «30 Minuten sind in der heutigen Gesellschaft viel Schlaf, auf den man mit dem Schlafphasenwecker zum Teil verzichtet.»

Der Leiter der Schlafkliniken Luzern und Zurzach, Jürg Schwander, weist darauf hin, dass Bewegungen zwar oftmals nur in der Leichtschlafphase vorkommen, «aber dies ist nicht bei jeder Person gleich». «Laut einer Studie funktioniert der Wecker bei der Hälfte der Testpersonen», führt der Arzt weiter aus.

Er glaubt jedoch daran, dass sich ein Schlafphasenwecker durchaus positiv auswirken kann. Ob er Morgenmuffeln hilft, sei bisher jedoch nicht bestätigt. Schlafstörungen können laut Erfinder mit dem Schlafphasenwecker nicht behoben werden.

Die günstige Variante

Laut neusten Studien und der Klinik für Schlafmedizin Luzern und Zurzach leiden 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung unter Schlafmangel. Jürg Schwander stellt fest, dass die Zahl konstant bleibt: «Die Arbeitszeiten und Arbeitswege haben sich zwar verändert, es gibt jedoch nicht mehr Menschen, die Mühe haben, am Morgen aufzustehen.» Im Schlaflabor des Inselspitals Bern beobachtet Corinne Roth hingegen eine steigende Tendenz. Schuld daran seien zu wenig Schlaf und äussere Einflüsse wie Stress und frühe Arbeitszeiten.

Für beide Schlafexperten ist klar, dass es sich nicht lohnt, an Schlaf zu sparen. Es brauche zwar Disziplin, aber bei genügend Schlaf sei man am nächsten Tag effizienter und ausgeruhter. Corinne Roth empfiehlt deshalb eine «günstigere Variante» als Wecker: «Eine Stunde früher ins Bett gehen als gewohnt.» Denn wenn man vom Wecker geweckt wird, hat man bereits zu wenig geschlafen.

Berner Zeitung

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