Mordanschlag durch Schweigen

Seit Jahren ist die Reporterin Tina Soliman mit Menschen im Gespräch, die plötzlich ohne Erklärung aus dem Leben ihres besten Freundes, ihrer Eltern, ihres Partners verschwinden. Schweigen, sagt sie, sei eine der brutalsten Waffen.

Jürg Steiner@Guegi

Frau Soliman, haben Sie auch schon die heimliche Versuchung gespürt, einfach abzuhauen?Tina Soliman: Nein, wirklich nicht. Ich glaube nicht, dass ich zur Abbrecherin werden kann, die eine Beziehung einfach verlässt und in die Funkstille flüchtet. Mir ist in diesen Jahren und den weit über tausend Gesprächen, die ich zu diesem Thema geführt habe, sehr bewusst geworden, wie gnadenlos Schweigen sein kann für jemanden, der verlassen wird. Und wie wichtig es ist, seine eigene Sichtweise in einer Beziehung auszusprechen, auch wenn es unangenehm wird. Schweigen ist nie eine Lösung.

Sie dokumentieren extreme Beispiele . . .. . . zum Beispiel ein Paar, das vierzehn Jahre zusammen war, dann heiratete, und ein Jahr nach der Hochzeit verlässt er sie, ohne je noch etwas von sich hören zu ­lassen.

Unglaublich, dass jemand nach so vielen Jahren plötzlich jegliche Kommunikation abstellt.Schweigen heisst nicht, dass man die Kommunikation abstellt.

Sondern?Es ist eine besonders heftige, für die Verlassenen brutale Form der Kommunikation. Es gibt Verlassene, deren Leben das Schweigen des Abbrechers jahrelang völlig aus den Fugen hebt. Ich habe den Fall einer erfolgreichen Geschäftsfrau begleitet, die der plötzliche Kontaktabbruch ihrer jahrzehntelang besten Freundin komplett aus der Bahn warf. Man bleibt zurück ohne Erklärung, verunsichert, man kann nicht abschliessen, weil ja doch immer ­irgendwo noch die Hoffnung besteht, der Abbrecher könnte sich wieder melden. Es gibt Betroffene, die das Schweigen als Mordanschlag auf die Seele empfinden.

Wissen die schweigenden Abbrecher, was sie anrichten?Es ist schwierig bis unmöglich, allgemein gültige Aussagen zu machen. Ich kenne Fälle, in denen Abbrecher das Schweigen in fast sadistischer Manier bewusst als Rache einsetzen. Es kommt auch vor, dass jemand den Rückzug in die Funkstille bei anderen mitbekommen hat und das nun selber kopiert. In vielen Gesprächen mit Abbrechern kommt aber heraus, dass sie sich nicht bewusst sind, was sie mit ihrem Schweigen den Verlassenen antun. Sie verstehen gar nicht, dass der andere Erklärungen braucht.

Echt?Sie haben das Gefühl, es sei längst alles gesagt, und was sie tun, ist aus ihrer Sicht ein logischer Schritt, weil sie anders nicht mehr weitergekommen sind. Abbrecher sind oft in existenzieller Form erschöpft und sehen den radikalen Ausstieg aus einer Beziehung ohne weitere Erklärung als einzigen Weg aus einer für sie unerträglichen Situation. Beziehungsabbrecher schildern mir, dass sie sich jahrelang verstellt haben und nicht ehrlich zu sich selber waren. Sie suchen den Befreiungsschlag – auch, um nicht mehr verletzt zu werden.

Abbrecher sind für Sie nicht Täter, sondern Opfer?Die Täter-Opfer-Frage ist wichtig, weil es in diesen Auseinandersetzungen immer auch um Schuld geht. Ich versuche wenn immer möglich mit Verlassenen und Abbrechern zu sprechen, und dann wird eine eindeutige Antwort fast unmöglich – weil alle Beteiligten ihre eigenen Wahrheiten haben.

Wie genau?Häufig ist es so, dass sich Abbrecher vorher in einer Beziehung als Opfer gefühlt haben. Unverstanden, nicht ernst genommen, eingeengt, kleingemacht – aus ihrer Sicht. Mit dem Verschwinden in die Funkstille drehen Abbrecher den Spiess um, gewinnen die Hoheit über ihr Leben zurück, wollen sich auf Augenhöhe mit dem Partner ziehen: Wer schweigt, übernimmt die Kon­trolle über die Situation. Den Verlassenen bleibt die Opferrolle. Ich kenne etwa den Fall einer Tochter sehr gut, die als Erwachsene den Kontakt zu ihrer Mutter abrupt abbrach, weil diese sie von Kindesbeinen an nie als eigenständige Person akzeptierte.

Ein nachvollziehbarer Schritt.Ich würde sagen: ein Notsignal, ein wortloser, verzweifelter Hilferuf.

Kann das die Mutter verstehen, wenn der Abbruch aus dem Nichts heraus geschieht?In diesem Fall hat die verlassene Mutter die tiefere Botschaft der in die Funkstille verschwundenen Tochter tatsächlich nicht verstanden. Sie hat sich gewundert. Es ist, besonders in Beziehungen von Müttern zu ihren Töchtern, oft schon erstaunlich, wie erstaunt Verlassene über die Tat des Kontaktabbrechers sind.

Warum erstaunlich?Funkstille entsteht praktisch nie als Blitz aus heiterem Himmel. Meistens bahnt sie sich, mitunter über Jahre, an, ich nenne das den Sturm vor der Stille, während dessen ein Partner immer heftiger, aber trotzdem vergeblich versucht, sich Gehör zu verschaffen. Am Ende eines für ihn anstrengenden und oft schmerz­haften Prozesses gibt der Abbrecher entkräftet auf, zieht sich zurück und schweigt. Oft gleicht das Verhalten von Abbrechern sogar dem von Schläfern.

Terroristen, die einen Anschlag vorbereiten, ohne dass jemand etwas merkt?Genau. Eine Frau, die nach fünfzehn Jahren verlassen wurde, bezeichnete ihren Mann mir gegenüber tatsächlich als Schläfer. In meinen vielen Gesprächen mit Betroffenen dominiert dieses Muster: Das vermeintlich plötz­liche Ende der Beziehung ist ein heimlich vorbereiteter Plan, es braucht bloss noch einen Auslöser, oft eine banale Meinungsverschiedenheit, und dann wird er mit aller Konsequenz in die Tat umgesetzt. Es gibt Abbrecher, die mir gesagt haben, sie seien vor der Funkstille tickende Zeitbomben gewesen, ohne dass ihr Partner etwas davon wahrgenommen habe.

So viel Verständnis für Ab­brecher? Ist es nicht so, dass Verschwinden ohne Erklärung die bequemste, billigste Lösung ist für ein Problem, dem man sich nicht stellen will?Bei vielen der Abbrecher, die mir schreiben, wird deutlich, dass sie ihr Abtauchen nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie machen sich oft ausführliche Gedanken über ihr Verhältnis zu der verlassenen Person, viel mehr, als diese erwarten würde. Aber sie schaffen es nicht, das auszudrücken – oder werden nicht verstanden. Bei den Zuschriften, die ich erhalte, erschliesst sich nicht einmal immer ganz klar, wer Verlassener ist und wer Abbrecher, weil sich Argumentation und Emp­finden gleichen. Auch das psychische Leiden findet sich auf beiden Seiten. Weder schweigende Abbrecher noch fassungslose Verlassene können mit ihrem Fall abschliessen.

Was braucht es dafür, dass man zum Abbrecher wird?Es zeigt sich, dass Leute, in deren Familie geschwiegen wurde, selber häufig mit Schweigen reagieren. Wenn man als Heranwachsender mitbekam, wie Konflikte und Probleme mit Kontaktabbruch und Funkstille erledigt wurden, tendiert man selber zu diesem Verhaltensmuster.

Kann man der Funkstille prä­ventiv entgegenwirken?Ich halte für es sehr wichtig, sich ernsthaft für die Familien- und Lebensgeschichte zu interessieren. In Gesprächen mit Abbrechern und Verlassenen fällt mir auf, wie wenig oft selbst Menschen, die sich nahestehen, wirklich voneinander wissen – oder wissen wollen. Man kennt die wichtigsten Ereignisse und biografischen Eckdaten, aber was prägende Erlebnisse im Leben der Person ausgelöst haben und heute für sie bedeuten, bleibt oft im Dunkeln. Wir leben zwar im Kommunikationszeitalter, wir simsen, bloggen, twittern. Für anstrengende persönliche Fragen fehlen dann oft Zeit und Energie. Eine grosse Rolle spielt auch die Angst vor der Nähe.

Genau die Nähe sucht man doch.Ja. Aber gleichzeitig entzieht man sich der Nähe, oft aus Scham oder weil man befürchtet, als die Person erkannt zu werden, die man wirklich ist. Man versteckt sich hinter einer Maske von Friedfertigkeit und Toleranz, entgeht so vielleicht der Mühsal von Auseinandersetzungen, wird aber nicht verstanden und fühlt sich deshalb mit der Zeit immer stärker verletzt. Oder man fügt dem anderen – unabsichtlich - Verletzungen zu.

Endet jeder abrupte Abbruch in einer Katastrophe?Nein. Es gibt Situationen – in Missbrauchsfällen etwa oder in Beziehungen zu narzisstisch veranlagten Menschen –, in denen das Abtauchen in die Funkstille ein sinnvoller Weg sein kann.

Wie kommen Sie mit Ab­brechern, die sich ins Schweigen geflüchtet haben, ins Gespräch?Es ist so, dass die meisten Zuschriften an mich von vermeintlich so sprachlosen Abbrechern kommen – übrigens auffallend häufig aus der Schweiz, was ich doch erstaunlich finde. Seit ich mein erstes Buch zu diesem Thema veröffentlicht habe, vergeht praktisch kein Tag, an dem ich nicht von jemandem kontaktiert werde, der eine Beziehung per Funkstille abgebrochen oder zerstört hat. Das Bedürfnis ist gross, auszudrücken, was man dem besten Freund, dem Familienangehörigen oder dem Partner nicht zu sagen geschafft hat.

Wie kamen Sie eigentlich darauf, sich auf das Thema der radikalen Kontaktabbrüche einzulassen?Der Auslöser war das Erlebnis einer engen Freundin von mir, die von ihrem Partner verlassen wurde, unmittelbar nachdem sie zusammen ein romantisches Wochenende verbracht hatten. Ich beschäftige mich in meiner Arbeit als Journalistin und Filmemacherin sehr oft mit existenziellen Themen, und ich erkannte bei meiner Freundin, wie tief diese Erfahrung bei ihr ging.

Trotzdem ist es erstaunlich, welches Echo die von Ihnen dokumentierten Fälle auslösen.Ja, auf den ersten Blick. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass fast alle jemanden kennen, der entweder auf radikale Art verlassen wurde oder selber als Abbrecher in die Funkstille abgetaucht ist. Das Thema ist näher bei uns allen, als wir vielleicht denken. Nicht jeder kann ein Abbrecher werden. Aber ich glaube, niemand ist gefeit dagegen, verlassen zu werden.

Tina Soliman in Bern: Literaturgespräche im Schweizerhof, Freitag, 20. Mai, 20 Uhr. Die Filmemacherin und Kolumnistin Güzin Kar befragt Tina Soliman. Eintritt: 25 Fr.; Reservationen bei Buchhandlung Stauffacher, 031 313 63 63.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...