Sommerserie

«Man betrachtete uns als importierte Muskelkraft»

SommerserieShaip Robelli sagt, die Armut habe ihn von Kosovo als Saisonnier in die Schweiz getrieben. Damals habe es keine solchen Vorurteile gegen Albaner gegeben wie heute, erklärt er seinem Sohn Enver.

«Als Mensch fühle ich mich in Kosovo eher zugehörig, als Bürger in der Schweiz», sagt Shaip Robelli in Gjilan seinem Sohn Enver.

«Als Mensch fühle ich mich in Kosovo eher zugehörig, als Bürger in der Schweiz», sagt Shaip Robelli in Gjilan seinem Sohn Enver. Bild: Florian Kalotay (13 Photo)

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Du bist vor 44 Jahren in die Fremde gegangen. Hat man nach so langer Zeit eigentlich eine Heimat oder nur Lebensmittelpunkte?
Welche Heimat meinst du zuerst?

Ich denke an Kosovo. Du bist ja hier geboren.
Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, mich klar zu entscheiden. Mit dem Wort Heimat verbinde ich auf jeden Fall die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft – im Herkunftsland und in der Fremde. Vielleicht sollte man bei Entwurzelten und bei der Generation der Gastarbeiter besser von Heimaten sprechen.

Wo fühlst du dich ganz zugehörig?
Als Mensch eher in Kosovo, weil ich hier mehr Leute kenne, alles ist emotionaler, hier steht mein Geburtshaus, hier habe ich ein neues Haus gebaut. Als Bürger fühle ich mich in der Schweiz wohler, weil man dort vom Staat besser behandelt wird.

Inwiefern?
Nehmen wir die Verwaltung der Gemeinde Freienbach, wo ich seit 35 Jahren wohne: die Beamten kümmern sich um die Anliegen der Bürger, sie sind immer korrekt, so korrekt, dass sie fast nie lachen. Es herrscht immer eine ernste Arbeitsatmosphäre auf der Gemeindeverwaltung. Kein Bürger käme dort auf die Idee, mit Schmiergeld zu seinem Recht zu kommen. In Kosovo dagegen erhält man oft den Eindruck, die Staatsverwaltung sei dazu da, den Bürgern das Leben zur Hölle zu machen.

Was stört dich hier am meisten?
Die Bürger haben gute Gründe, dem Staat kein Vertrauen zu schenken. Sie sind überzeugt, dass die Politiker die Macht missbrauchen. Jeder Bürger schaut für sich und niemand für die Gemeinschaft. Jeder baut, wo er will, und steht dem anderen im Weg. Ich wünsche mir, dass die hiesigen Lokalpolitiker wenigstens eine Woche in Freienbach verbringen und sehen, wie eine Gemeinde funktioniert.

Machtmissbrauch ist aber kein kosovarisches oder balkanisches Phänomen.
Ja, aber während Politiker in der Schweiz mit dem Velo zur Arbeit fahren und Bundesräte mit dem Zug nach Bern reisen, schmeissen kosovarische Volksvertreter Partys, die mehr als 20 000 Franken kosten. Oder sie bauen protzige Villen, deren Wert oft eine Million Franken übersteigt. Und täglich sieht man Minister mit schwarzen Geländewagen oder gepanzerten Limousinen herumfahren. Wovor haben kosovarische Politiker denn Angst? Woher kommt dieser Reichtum, wenn ein Lehrer nur etwa 300 Franken im Monat verdient? Werden wir jemals den Tag erleben, an dem sich Minister auf dem Balkan mit einem alten Lada als Dienstwagen zufriedengeben? Ich habe irgendwo gelesen, dass ein Bundesrat mit einem alten Subaru herumfährt und auf teure Staatskarossen verzichtet.

Das klingt, als hättest du die Emigration in die Schweiz ­immer als Glücksfall betrachtet.
Die Alternative dazu war extrem schlecht. Es fehlte nicht viel in den 50er-Jahren und auch unsere Familie wäre in die Türkei ausgewandert. Das jugoslawische Regime versuchte damals, ein schon 1938 mit Ankara abgeschlossenes Abkommen über die Aussiedlung von 40 000 kosovo-albanischen Familien in die Tat umzusetzen. Die Behörden übten Druck aus, auch Gewalt wurde angewendet, daraufhin flüchteten Tausende von Familien nach Anatolien. Ich bin froh, dass mein ältester Bruder, der damals als Standesbeamter arbeitete, sich im Namen unserer Familie gegen die Aussiedlung wehrte. Wir würden heute sehr wahrscheinlich irgendwo in der türkischen Provinz wohnen und wären Anhänger von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Wir haben in den letzten Monaten aber gesehen, dass die türkische Demokratie wenig gemein hat mit der Demokratie in Westeuropa.

Du bist aber nicht wegen der Demokratie ausgewandert.
Nein, der Hauptgrund war die bittere Armut in Kosovo. Mein Vater starb kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Um die Existenz der Familie zu sichern, verliessen drei meiner Brüder das Geburtsdorf schon als Teenager und arbeiteten zunächst als Bergleute in anderen Teilen Jugoslawiens. Als die Bundesrepublik Deutschland dann Ende der 60er-Jahre mit dem jugoslawischen Staat ein Anwerbeabkommen abschloss, packten meine Brüder die Chance und gingen nach Deutschland, genau genommen nach Frankfurt und Wiesbaden. 1969 reiste ich ihnen nach. Meine erste Station im Westen war also Deutschland, nicht die Schweiz.

Bist du einfach so in den Bus gestiegen und nach Deutschland gefahren?
Nein. Wie viele Arbeitssuchende in Kosovo war auch ich beim Arbeitsamt meiner Gemeinde gemeldet und wurde im Eiltempo zum Maurer ausgebildet – für die deutsche Baubranche. An einem Tag im April 1969 wurde ich dann mit über 300 anderen Gastarbeitern in acht Bussen von der Kleinstadt Gjilan nach München gebracht. Beim Hauptbahnhof wurden wir dort von unseren Arbeitgebern in Empfang genommen. Ich landete bei einer Baufirma in Augsburg.

Wie lange bist du in Deutschland geblieben?
Bis 1974. Dann reiste ich zurück nach Kosovo, weil sich jemand um die Mutter zu Hause kümmern musste. Bei uns gilt es als Schande, alte Leute ins Altersheim zu verfrachten. Doch sehr schnell wurde mir klar, dass die Wirtschaftslage in Jugoslawien noch schlimmer geworden war, es gab keine Arbeit. Viele wollten weg. Ich selbst hatte inzwischen geheiratet und eine Familie gegründet, die ernährt werden musste. Also entschloss ich mich, ein zweites Mal das Glück zu suchen – in der Schweiz.

Gab es einen besonderen Grund, dass du die Schweiz als Auswanderungsziel wähltest?
Nicht wirklich. Es hatte sich einfach herumgesprochen, dass die Schweiz Arbeiter suchte. Man brauchte damals als jugoslawischer Staatsbürger kein Visum, um westeuropäische Staaten zu besuchen. Heute benötigen die Bürger Kosovos eine Einreiseerlaubnis, wenn sie nur ein paar Tage in der Schweiz oder in anderen Schengen-Staaten verbringen wollen. Im Frühsommer 1978 reiste ich mit deinem Onkel mütterlicherseits ins Tessin. In Castione unweit von Bellinzona fanden wir Unterschlupf bei einer alten Frau. Ich glaube, sie hiess Ida Lafranchi. Damals gab es noch keine Vorurteile gegen Albaner wie heute. Eine Woche lang suchten wir Arbeit im Tessin – vergeblich. Wir beschlossen, nach Freienbach weiterzufahren, weil dort ein Bekannter von uns wohnte. Mit Frau Lafranchi hatten wir abgemacht, dass wir zwei Franken pro Übernachtung zahlen würden. Als sie erfuhr, dass wir keine Arbeit gefunden hatten, weigerte sie sich jedoch, Geld von uns anzunehmen. Wir waren sehr dankbar, denn unsere Portemonnaies waren ­inzwischen fast leer.

Wie seid ihr denn nach Freienbach gekommen?
Schon vor unserer Abreise hatten wir gehört, dass der jugoslawische Pflaumenschnaps, der berühmte Sliwowitz, in der Schweiz sehr beliebt sei. So nahmen wir mehrere Flaschen mit. In jeder Firma hinterliessen wir eine Flasche als Geschenk in der Hoffnung, dass man uns einstellen würde. Am Schluss hatten wir nur noch fünf Flaschen Schnaps übrig – und die verkauften wir einem Wirt in Castione. So brachten wir das Geld für die Bahnkarten nach Freienbach zusammen. Dort fanden wir im Gastarbeiterheim eine provisorische Bleibe und ­gingen sofort auf Arbeitssuche.

Wer hat dich dabei unterstützt?
Ich und viele meiner Kollegen konnten auf die Hilfe der damaligen Gewerkschaft Bau und Holz (GBH) zählen. So fand ich eine Arbeitsstelle bei der Firma Kibag in Zürich-Wollishofen. Mein Stundenlohn betrug am Anfang 9.60 Franken. Wir haben in Zürich alte Häuser abgerissen oder in die Luft gesprengt, damit neue Banken, Geschäfte und Lebensmittelläden gebaut werden konnten: in der Brunau, in Oerlikon, auf dem Flughafengelände . . .

Wie sah dein Alltag aus?
Die Arbeit war schon sehr anstrengend. Wer viele Jahre auf Baustellen verbringt, kann zum Krüppel werden. Ich bin fast drei Jahrzehnte lang jeden Tag um 6 Uhr aufgestanden – und selten war ich vor 18 Uhr zurück in der Wohnung. Zum Glück hatte ich einen guten Arbeitgeber, der dafür sorgte, dass der Aufenthalt in der Schweiz erträglicher wurde. Die Wohnungen im Gastarbeiterheim in Freienbach wurden jeden Tag geputzt und die Betten gemacht, die Wäsche zweimal wöchentlich gewaschen – wie im Hotel . . .

Nur Kochen musstest du lernen.
Ja.

Was hast du am liebsten gekocht?
Spaghetti, Bohnensuppe und andere einfache Gerichte. Als Büezer hat man selten Zeit, seine Kochkunst zu demonstrieren.

In den Dreizimmerwohnungen des Gastarbeiterheims lebten in der Regel sechs bis acht Arbeiter. War es nicht mühsam, mit so vielen Leuten auf engstem Raum zusammenzuwohnen?
Jeder musste natürlich Rücksicht auf die anderen nehmen. Das klappte meistens. Nur manchmal gab es Streit, zum Beispiel wenn der Käse plötzlich aus dem Kühlschrank verschwunden war und die üblichen Verdächtigen nicht zugeben wollten, dass sie ihn genommen hatten.

Wie hast du dich über die Situation in der Heimat informiert?
Ich habe sehr viel Radio gehört. Oft sass ich zusammen mit Arbeitskollegen abends um den Weltempfänger und verfolgte gebannt, wie die Völker auf dem Balkan aufeinandergehetzt wurden. Der Nachrichtenmarathon begann um 18 Uhr mit den Nachrichten von Voice of America auf Albanisch, um 19 Uhr folgte die BBC auf Serbokroatisch, um 19.30 Uhr die «Tageschau» des Schweizer Fernsehens, um 20.30 Uhr kam nochmals Voice of America, um 21 Uhr Radio France Internationale – und um 22 Uhr schliesslich konnten wir aus­wählen zwischen Radio Zagreb, Radio Belgrad und Radio Pristina.

Wie hast du eigentlich mit der Familie kommuniziert?
Per Brief. Nach dem Wocheneinkauf am Samstagvormittag setzte ich mich jeweils an den Tisch und schrieb einen Brief an die Familie. Zwei bis drei Wochen später schrieb deine Mutter zurück. Und manchmal fuhr sie auch in die Stadt, um mit mir zu telefonieren. In der Zwischenzeit ist alles viel einfacher geworden. Neuerdings skype ich sogar mit meinem Neffen.

Was hat die Schweiz in den 70er- und 80er-Jahren für die Integration der Gastarbeiter getan?
Der Schweizer Staat hat sich für uns nicht gross interessiert. Man betrachtete uns als importierte Muskelkraft und erst später als Menschen, die hier leben. Integration war kein Thema. Sprachkurse auch nicht. Kontakte mit Schweizern ausserhalb der Arbeitswelt waren praktisch unmöglich: Wir lebten von den Einheimischen getrennt im Gastarbeiterheim, das sich am Dorfrand befand. Vermutlich rechneten die Behörden damit, dass wir nach zwei, drei Jahren in unsere Heimat zurückkehren würden. Auch wir glaubten daran. Doch daraus wurde nichts. Mitte der 80er-Jahre begann sich abzuzeichnen, dass Jugoslawien keine Zukunft hatte. Das war, als Slobodan Milosevic, der Wahnsinnige mit aufgedunsenem Gesicht, die Macht übernahm. Wer nicht wollte, dass seine Kinder im Kriegsgebiet oder in Flüchtlingslagern lebten, der brachte sie in die Schweiz. Ich war nur einer von vielen. Auch hier zeigte sich der Arbeitgeber grosszügig und stellte mir eine Familienwohnung zur Verfügung.

In den Jahren 1965/66 hast du Militärdienst in der Jugoslawischen Volksarmee geleistet, im bosnischen Trebinje. Gab es damals schon Spannungen zwischen den Rekruten verschiedener Ethnien?
Ich kann mich nicht daran erinnern. Auffallend war nur, dass die Soldaten aus den reicheren Republiken Slowenien und Kroatien weniger Hemmungen hatten, den Offizieren zu widersprechen. Uns allen wurde beinahe täglich eingetrichtert, dass wir in Brüderlichkeit und Einheit leben sollten und gemeinsam den äusseren Feind abwehren müssten. In den Bergen rund um Trebinje übten wir, wie wir uns im Ernstfall eines sowjetischen Atomangriffs verhalten sollten. Niemand von uns ahnte damals, dass serbische Truppen von diesen Bergen in den 90er-Jahren Raketen und Granaten auf die kroatische Adriastadt Dubrovnik abfeuern würden. Niemand von uns hielt es damals für möglich, dass viele Jahre später der Bürgermeister von Trebinje allen Ernstes sagen würde: In Zukunft werde man auf den Ruinen von Dubrovnik eine noch ältere Stadt aufbauen.

Du fährst zwei- bis dreimal jährlich mit dem Auto von der Schweiz nach Kosovo. Inwiefern verläuft die Reise heute anders als zur Zeit der blutigen Konflikte in den 90er-Jahren?
Wir werden an den Grenzübergängen nicht mehr schikaniert wie früher. In den 90er-Jahren waren die Gastarbeiter, die aus Westeuropa nach Hause reisten, Freiwild – und die Verkehrspolizisten verhielten sich wie Strassenräuber. Überall musste man Bakschisch zahlen. Heute wird man nicht gleich verprügelt, wenn man sich weigert, eine 50-Euro-Note in den Pass zu stecken. Es kommt allerdings immer noch vor, dass Grenz- oder Verkehrspolizisten uns Geld abknöpfen.

Wie hat sich Freienbach gewandelt seit deiner Ankunft 1978?
Die Veränderungen sind fast unglaublich. Damals war Freienbach ein Bauerndorf, heute ist es eher ein Schlafsaal für Millionäre, die in Zürich arbeiten.

Auch das Image der Albaner war damals bestimmt besser als heute.
Oh ja. Einige Landsleute benehmen sich sehr schlecht. Aber warum werden wir, die wir ehrlich gearbeitet haben, in den gleichen Topf geworfen? Vor 40 Jahren wurden die Italiener als halbwilde Tschinggen bezeichnet. Vor zwei Jahren dankte Zürich den italienischen und spanischen Einwanderern, und Stadtpräsidentin Corine Mauch sagte: «Siamo tutti zurighesi.» Ich hoffe, dass die Schweiz eines Tages auch den Beitrag würdigt, den wir geleistet haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2013, 07:32 Uhr

Familienduo

Shaip Robelli (67) lebt als Rentner in Freienbach am Zürichsee und in der kosovarischen Stadt Gjilan. Geboren wurde er in einem Dorf im Osten Kosovos. Der Vater von vier Kindern wohnt seit 1978 in der Schweiz und arbeitete fast drei Jahrzehnte lang bei der Baufirma Kibag, die ihren Sitz in Zürich hat. Enver Robelli (40) hat sich in den 90er-Jahren als freier Journalist und Übersetzer behauptet. Nach Abschluss des Volontariats trat er 2001 in die Auslandredaktion des «Tages-Anzeigers» ein. Von 2007 bis 2012 war er Südosteuropa-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» und des «Tages-Anzeigers» mit Sitz in Zagreb. Seit seiner Rückkehr nach Zürich arbeitet er wieder als Auslandredaktor. Die Region zwischen Slowenien und Mazedonien, die einmal Jugoslawien hiess, bereist er regelmässig.

Zurückgefragt

«Den März habe ich gehasst»

Mit Enver Robelli sprach Shaip Robelli

Du warst knapp 5-jährig, als ich
die Heimat auf der Suche nach Arbeit zum zweiten Mal verliess. Erinnerst du dich an diese Zeit?

Nein. Aber ich erinnere mich an deine Rückkehr aus der Schweiz im Winter 1979 – mit einem Schwarzweissfern-
seher auf dem Rücken. Am nächsten Tag half die ganze Verwandtschaft mit, eine Dachantenne auf dem höchsten Baum in der Nähe des Hauses zu befestigen. Danach konnte ich fast jeden Tag den Seemann Popeye bewundern. Verstanden habe ich ihn damals nicht, im jugoslawischen Fernsehen sprach Popeye Serbokroatisch. Als die Comicfigur Albanisch lernte und im kosovarischen Fernsehen gezeigt wurde, interessierte ich mich bereits mehr für die Erfolge des Basketballvereins Cibona Zagreb.

Mit 12 bist du erstmals in die Schweiz gekommen. Wie war es
für dich, bis dahin praktisch ohne Vater aufzuwachsen?

Ich habe den März gehasst. Anfang März hat der Postbeamte dir immer einen Brief der Firma Kibag gebracht. Es war eine Art Garantie, dass du auch in den nächsten neun Monaten als Saisonnier gebraucht wirst. Der ganzen Familie war klar: Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Wir
begleiteten dich zur Bushaltestelle, auf dem Weg dorthin warfst du einen flüchtigen Blick auf den Friedhof, Tränen flossen, wir wünschten dir eine gute Reise. In den nächsten neun Monaten lebte ich mit der Vorstellung, dass mein Vater grosse Hände hat, hart arbeitet und Geld verdient, um für uns Kleider, ein Velo und Schokolade zu kaufen.

Bist du gern in die Schweiz gekommen?
Zunächst war ich stolz auf meinen ersten Pass, obwohl die jugoslawischen Behörden wenig Fantasie beim Design bewiesen hatten: Der Kinderreisepass war grau. Ich freute mich auf die lange Reise mit dem Zug, die über 24 Stunden dauerte und uns von Bujanovac über Belgrad, Zagreb, Villach, Schwarzach, Feldkirch nach Zürich führte. Kurz vor der jugoslawisch-österreichischen Grenze nahm ein anderer Gastarbeiter Platz in unserem Abteil und stellte mir mit schwerer Zunge so etwas wie eine philosophische Frage: «Wenn du den Mond betrachtest, kannst du mir sagen, wo deine Heimat liegt?» Als wir die Schweiz erreichten, mussten wir – ich und mein jüngerer Bruder – in Buchs eine grenz­sanitarische Untersuchung über uns ergehen lassen, genauso wie die Erwachsenen. Noch heute kann ich mich an den etwas militärischen Ton der Beamtin erinnern: «Hopp, hopp, chömed Chinde! Schnäll!» Im Rückblick empfinde ich diese Episode als Erniedrigung.

Hat dich diese Erfahrung darin bestärkt, Journalist zu werden?
Nur teilweise, denn über Politik wurde bei uns zu Hause immer diskutiert. Du verpasstest keine Nachrichtensendung, der Weltempfänger blieb bis spät in die Nacht eingeschaltet. Als ich vor ein paar Jahren die albanische Sektion von Voice of America in Washington besuchte, fühlte ich mich dort fast wie am Familientisch: Jede Stimme klang so vertraut, niemand musste sich vorstellen.

Welche Politiker vom Balkan haben dich beeindruckt?
Der Architekt und Ex-Bürgermeister von Belgrad, Bogdan Bogdanovic, mit seinen fast prophetischen Warnungen vor der zerstörerischen Kraft des Nationalismus und der kroatische Dissident Vlado Gotovac mit seinem unerschrockenen Kampf gegen totalitäres Denken.

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