Mach einen Zürcher Film, Woody!

Was sich die Mitglieder der Kultur- und Gesellschaftsredaktion für das neue Jahr wünschen.

hero image

Von wegen Altmeister!
Es ist bekanntlich alles eine Frage der Perspektive, denke ich jedes Mal, wenn ich ein Konzertprogrammheft aufschlage. Fein säuberlich werden da die Entstehungsdaten der Werke aufgelistet: 1773, 1808, alles furchtbar lang her. Warum schreibt man nicht auch das damalige Alter der Komponisten dazu? Brahms hat sein 1. Klavierkonzert ja nicht mit weissem Bart geschrieben, sondern als Jüngling mit halb langem Blondhaar, der nicht nur Clara Schumann den Kopf verdrehte. Mozart oder Schubert wurden gar nie so alt, wie die meisten ihrer heutigen Verehrer sind. Und auch wenn Bach weder jung noch ohne Perücke gemalt wurde, heisst das durchaus nicht, dass er schon als Altmeister geboren worden wäre. «2. Sinfonie, Beethoven, 32 Jahre»: Das klingt einfach anders als «entstanden 1803». Und wer weiss: Vielleicht würde man so auch die Musik ein bisschen anders hören. Mit weniger Ehrfurcht. Und mehr Interesse.
Susanne Kübler


Mehr Shampoo am Idaplatz
Für die Stadt, in der ich lebe, wünsche ich mir, dass auch BMW an der Kreuzung beim Rechtsabbiegen schon frühzeitig den Blinker stellen. Dass sich Väter vor dem Kindertag gelegentlich rasieren. Dass die durch den E-Bike-Motor gesparte Luft nicht fürs Handytelefonieren verbraucht wird. Dass untertellergrosse Sonnenbrillen ausser Mode kommen und dass am Idaplatz von Zeit zu Zeit Haar-shampoo verteilt und danach sogar benutzt wird. Ja, ich stelle mir für meine Stadt vor, dass Jogginghosen in den Momenten getragen werden, für die sie gedacht sind – und nicht fürs Einkaufen. Dass Outdoor-Faserpelzjacken nicht mehr mit Krawatten kombiniert, dass Red Bull nicht mehr im Tram getrunken und dass geschäftliche Sitzungen nicht mehr lässig als Meetings bezeichnet werden. Wenn wir davon nur die Hälfte hinkriegen, bleiben wir auch nächstes Jahr in der «Bilanz»-Liste der lebenswertesten Städte der Schweiz auf dem ersten Platz.
Daniel Böniger


Unlike, unfollow
Vielleicht mal alle das iPhone weglegen? Aber nicht, um sich in die Augen zu schauen, sondern um sich zu verschwören. Wir sind aus Menschen, die sich gegenübersitzen, zu solchen geworden, die nebeneinandersitzen, am Abend vor der TV-Serie, im Museum, in der S-Bahn. Schlimm ist das nicht, der kollektive Blick ist ja schon nach vorn gerichtet, wir müssten jetzt nur noch den Schritt in diese Richtung tun und losstürmen. Gegen die Ausbeutung, den kuratierten Kunst- und Ichmüll, die Privilegien, das Geld, alle Formen intellektueller Feigheit und gegen die Rollkoffer. Ein Sturm der Verweigerung. Kein Druck mehr, gemocht zu werden, kein Gespräch, auf das man eintreten muss, das wäre die erste Befreiung. Und vielleicht kommt so auch wieder die Zukunft zurück. Unlike, unfollow, unbreak my heart.
Pascal Blum


Ein Schweizer Roman, der überrascht
Die Fee mit den drei Wünschen – die gibts nur im Märchen, und dort wird die Sache ja auch versemmelt. Also nur im Konjunktiv, hoffentlich potenzialis und nicht irrealis. Zu wünschen wäre, in aufsteigender Wichtigkeit: dass uns ein völlig unbekannter Schweizer Autor mit einem Roman überrascht, der Aktuelles so verhandelt, dass es nicht bemüht wirkt, und Kunst macht, die ebenfalls nicht bemüht wirkt. Also etwas wie Jonas Lüschers «Frühling der Barbaren», nur gross-episch. Dann: dass sich das Bundesamt für Kultur etwas Besseres für sein vieles Geld überlegt, als es fantasielos mit der Preis-Giesskanne auszuschütten. Dass die Schweizer einen Weg finden, das unsägliche knappst-, ja zufallsmehrheitliche Ergebnis vom 9. Februar loszuwerden. Dass Russland einen Weg zurückfindet aus der Sackgasse der Grossmannssucht. Dass die grossen und kleinen Mächte sich nicht nur auf verbindliche Klimaziele einigen, sondern jeder aus eigenem Interesse alles tut, um weniger Treibhausabgase auszustossen. Schön wärs. Aber es wird wohl doch der Irrealis sein.
Martin Ebel


Toleranz gegenüber weissen Socken
Weltfrieden ist wohl etwas viel verlangt. Aber so ein kleines bisschen mehr Eintracht, Wohlwollen und Toleranz im kleineren Rahmen wäre ja auch schon ganz nett. Konkret: Versuchen wir doch, im Teilzeitveganer weder den körnlipickenden Schlappschwanz noch den inkonsequenten Deppen zu sehen. Sondern applaudieren wir stattdessen einem, der akzeptiert, dass sein Geist zwar willig, das Fleisch aber schwach ist und halt tut, was er kann. Oder: Stempeln wir die Mutter, die ihren Nachwuchs fünf Tage die Woche fremdbetreuen lässt, ebenso wenig zur Rabenmutter wie das Vollzeitmami zum reaktionären Feministenschreck. Die Snowboarder hassen euch nicht, liebe Skifahrer; die Automobilisten, werte Velofans, sind nicht alle hirnlose Raser; und in der Agglo montiert nicht jeder weisse Socken und im Vorgarten die Schweizer Fahne. Und wenn doch – was solls? Hören wir endlich auf, jede noch so marginale Entscheidung zur Glaubensfrage zu machen. Amen.
Paulina Szczesniak


Philae, bitte melden
Ich denke oft an Philae, wie er da so allein auf dem Kometen Tschury hockt. Die Batterien leer, verzweifelt auf der Suche nach etwas Sonnenlicht, um neue Energie zu tanken. Denn noch immer hoffe ich, dass mir der kleine Roboter Antworten liefert zu den grossen, offenen Fragen – nach der Entstehung und dem Sinn des Lebens. Schliesslich hat Philae schon mehr vom Universum gesehen als ich kleines Wesen auf dem Planeten Erde. Wissenschaftlich ist vieles klar: Urknall vor Milliarden von Jahren – die gewaltige Explosion eines Energiepunktes. Sternenasche, die sich verdichtet, erhitzt und Sonnen gebiert, auch unsere. Dann eine Gaswolke, aus der Planeten hervorgehen, etwa die Erde. Worauf irgendwann und irgendwie die Zellteilung einsetzte, der letztlich auch ich mein Leben verdanke. Alles schön und gut. Aber wer waren Mutter und Vater des Urknalls? Philae, bitte melden!
Ulrike Hark


Mehr Qualität, weniger Kontrolle
Seit einigen Jahren wird unsere Arbeitswelt von einer wahnhaften Kontroll- und Überwachungssucht dominiert. Alles, was geplant, gemacht oder produziert wird, muss unter wohlgeordneten und überprüfbaren Bedingungen entstehen. Ein riesiger Apparat von Bürokraten und Bürolisten erstellt teure Programme für Qualitätssteigerungsmassnahmen und Qualitätskontrollsicherungen. Diese werden dann über das ganze Land gestreut, um sicherzustellen, dass sich Arbeitnehmer in allen Berufsgattungen entsprechend normiert verhalten. Und mit welchem Resultat? Obwohl beispielsweise die Lehrer andauernd an irgendwelchen Qualitätstagen teilnehmen, hat dies auf die Qualität ihres Unterrichtes keine nennenswerten Auswirkungen. Es geht bloss darum, dass sich die Programme als Programme selbst bestätigen — und neue Gelder generiert werden. Dasselbe gilt für die Weiterbildungsprogramme: Nach solchen Kursen sind die Teilnehmer weder weiter noch gebildeter. 2015 soll uns solche Alibiübungen ersparen, die von wahrer Qualität ablenken.
Guido Kalberer


Titanic im Zürichsee
Ich fordere es seit Jahren: Woody Allen soll endlich einen Film in der Schweiz drehen! Hat er doch in fast jeder Stadt Europas eine Geschichte mit Lokalkolorit angesiedelt. Hier darum eine Gratis-idee für Zürich: Ein Banker mit Burn-out trennt sich von seiner Frau – der Ur-Enkelin von C. G. Jung – und zieht mit einer jungen, erfolglosen Grafikerin zusammen, die aber bloss an sein Geld will. Seine Ex-Frau hat derweil eine Affäre mit seinem Psychiater. Doch der japst im Bett nur den Namen ihres berühmten Vorfahren. Als die vier auf dem Zürichsee-Paradeschiff Panta Rhei eine Aussprache halten, geht der Kahn unter, und der Schiffschor beklagt das gottlose Universum. Woody, jetzt gibts keine Ausreden mehr!
Philippe Zweifel


Nicht drangsalieren – motivieren
Die zwei sind 14. Bald sollen sie ihr Gymi-Profil wählen, sie denken an Altgriechisch und Latein. Aber jetzt spielen sie mit ihren zwei Geschwisterchen im Schnee, als wär Glück eine Schneeflocke, die federleicht mit tausend anderen vom Himmel fällt. So könnte Alltag sich anfühlen! Stattdessen fürchte ich um den Winzling, der den ganzen Stress noch vor sich hat, und um die Fünftklässlerin, die mittendrin steckt, mal abgesehen von den Grossen. Beim nördlichen Nachbarn gibts da und dort das Fach «Glück» in der Schule, denn man hat verstanden, dass Bildung nicht gleich Schulbildung ist – und Bildung das wichtigere. In Skandinavien wiederum muss «Glück» an der Schule nicht erst verordnet werden, es wird eh praktiziert: als Resilienzförderung; als Motivationskultur, die längst jene Fehlerunkultur ersetzt hat, mit der das hiesige Schulsystem selbst die Kleinen drangsaliert. Dass auch bei uns das Selbstbewusstsein der Kinder aufgebaut wird statt die Selektionspanik, das wünsche ich mir für 2015.
Alexandra Kedves


Clash der Rapper
Die Schweizer Rapszene ist ein toller Haufen. Da gibts Intellektuelle wie Tommy Vercetti und Rambos wie Gimma, Tausendsassas wie Knackeboul und Lyriker wie Kutti, Veteranen wie Greis und durchstartende Rookies wie Mimiks. Doch was es jetzt mal wieder bräuchte, wäre ein Clash, eine Reibung der Diskurse also, eine Konfrontation in Wortkunst und Weltanschauung, ausgetragen allein in Reimen erst auf Tapes, dann als finaler grosser Battle auf gemeinsamer Bühne. Auf dass sich die Antipoden zu Höchstleistungen treiben, auf dass die Funken sprühen und die Fetzen fliegen – alles ganz verbal, versteht sich.
Linus Schöpfer


Und das auch noch
Es wär langsam Zeit für die Weltformel.
Christoph Fellmann

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt