«Lange trank ich fast keinen Alkohol»

Erich Meier, gefeierter Winzer in Uetikon am See, macht sich an den Wümmet. Die Kundschaft sei volatiler geworden und kaufe heute «drei Flaschen von diesem, drei von jenem Wein», sagt er.

«Der Wümmet ist das Tollste»: Erich Meier.

«Der Wümmet ist das Tollste»: Erich Meier.

(Bild: Sophie Stieger)

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Wie viel Wein trinkt ein Winzer pro Jahr? Im Keller geht es seriös zu, man schluckt nicht, man spuckt. An Wochenenden mit der Frau und Freunden im Ausgang trinke ich immer Wein. Unter der Woche selten. Ich muss morgens früh auf.

Das klingt gar nicht bacchantisch. Wie ist Ihr Verhältnis zum Wein? Innig. Ich lebe vom Wein. Jeder meiner Weine soll ein eigenes Gesicht haben. Ein Wesen. Fast wie ein Mensch.

Beispielsweise? Der im Holzfass ausgebaute Pinot Barrique hat einen starken Charakter. Er lebt von der Würzigkeit. Und von einer angenehmen Säure. Holz gibt ihm das Drumherum, macht ihn dreidimensional und greifbar. Er gleicht mir; man sagt ja, der Wein sei wie der Winzer. Ich bin ein Perfektionist, habe Ecken und Kanten.

Sie haben einen juristischen Streit mit Nachbarn ausgetragen und gesiegt. Es ging um Ihre Schiessanlage, welche Vögel vertreibt. Wir spannen Netze und betreiben zwei Schussanlagen. Die Anlagen werden mit Propangas betrieben und geben dreimal pro Stunde je drei Schüsse ab. Wir dürfen sie tagsüber von acht bis zwölf und von eins bis sechs Uhr einsetzen.

Die Vögel kommen demnach am Mittag von zwölf bis eins? Da halten wir im Rebberg dann Traubenwache.

Welche Vogelart ist am schlimmsten? Der Star. Er ist ein Räuber. Eine Leitgruppe umfasst um die 50 Stare. Sie stechen hinab in den Rebberg, picken die Trauben ab Boden. Klappt das, wird der Grossschwarm benachrichtigt. Das sind bis zu 1500 Vögel. Wenn sie kommen, «räblet» es. Danach ist alles weg.

Was ist mit dem Räuber Mensch? Der ungefiederte Vogel tritt in Uetikon selten auf. Kann sein, dass mal einer ein Büschel Trauben abschneidet. Oder ein Netz zerschneidet. Das sind in der Regel Jugendliche.

Wo haben Sie Netze statt Schussanlagen? Auf kleineren Parzellen, die ich nicht übersehen kann. Etwa unten beim Bahnhof. Unser Lehrling macht Netzkontrolle, ob sich kein Vogel verfangen hat.

Wie lange dauert Ihr, wie Sie sagen, inniges Verhältnis zum Wein schon? Lange trank ich praktisch keinen Alkohol. Ich trieb viel Sport, 400-Meter-Hürden-Lauf. Erst als ich mit 22 die Winzerlehre begann, kam ich wirklich zum Wein. Auch meine Eltern tranken nicht jeden Tag Wein. Wir arbeiten mit Maschinen, Traktoren, Raupenfahrzeugen, da mag es keinen Alkohol leiden.

Der Wümmet läuft an. Freut Sie das? Der Wümmet ist das Tollste im Jahresablauf. Zwischen 12 und 20 Leute helfen: Verwandte, Angestellte, Frühpensionierte, Hausfrauen. Und Kunden, die dafür mal einen Tag freimachen. Handwerker, Informatiker, alles.

Kann der Laie im Rebberg nichts kaputt machen? Schere und Kübel sind einfach zu handhaben. Ausser wir haben ein Jahr mit ein bisschen Fäulnis, da muss man besser aufpassen, was man aussortiert. Heuer sollte das kein Problem sein.

Was ist so toll am Wümmet? Man sieht, ob man durchs Jahr gut gearbeitet hat. Zudem wird im Rebberg das Dorf verhandelt, über die Schweiz und die Welt diskutiert und gewitzelt. Eine muntere Gesellschaft kommt da zusammen und geniesst es, zum Produkt beizutragen, das im Jahr darauf verkauft wird.

Haben am Schluss alle Rückenschmerzen? Man steht leicht gebückt, zieht den Kübel nach. Es gibt tatsächlich Leute, die sagen müssen: Das ist nichts für mich.

Der Wümmet endet mit einem Fest. Der «Chrähahne». Alle Helfer sind dazu eingeladen. Wir feuern den Oklahoma Joe an, den Niedergargrill. Es gibt Wein. Oder Glühwein, wenn es schon kalt ist.

Was macht ein Winzer im Winter? Der Wein reift doch von selber. Er hat viel zu tun. Kellerarbeit ist angesagt. Vinifizieren, den Wein machen. Die Gärungen laufen, der Säureabbau – das muss man überwachen. Man macht Laboranalysen, degustiert, greift allenfalls ein. Einen leichten Fehlton zum Beispiel korrigiert man mit Sauerstoff. All das dokumentiert man im Kellerbuch. Zudem reinigen wir die Geräte und wintern sie ein. Wir warten Maschinen, schweissen, spritzen, lackieren. Und im Rebberg schneiden wir vor oder zu Ende.

Sie haben Schreiner gelernt und danach erst Winzer. Wann merkten Sie, dass sich ihr Gaumen eignet? Ich hatte schon immer eine gute, sensible Nase. Viel anderes lernt man aber mit der Zeit. Ich habe Degustationskurse, Sensorikseminare, Trainings gemacht.

Wie wird der heurige Wein? Das sage ich Ihnen Ende November.

Sie haben sicher eine Ahnung! Mit der Ertragsmenge sollte es hinkommen. Die Trauben sehen schön aus. Im Herbst mag ich es, wenn warme Tage und kalte Nächte zusammenkommen. Das fördert die Aromabildung.

Ist das nicht emotionaler Stress, dem Wetter ausgeliefert zu sein? Das Wetter hinzunehmen, gehört zum Job. Ein Banker muss es auch aushalten können, wenn die Aktienkurse fallen.

Was unterscheidet einen sehr guten von einem guten Winzer? Der sehr gute schafft Konstanz. Egal, was für ein Jahr, bringt er einen Wein hervor, der sich verkauft und Spass macht. Im Herbst ergibt sich dazu die Chance. Dann musst du Tag und Nacht fokussieren.

Kann man sich in dem Beruf denn nie entspannen? Eine gewisse Unruhe ist gegeben. Man arbeitet mit Pflanzen, dazu kommen das Wetter und ich als Winzer. Und natürlich ist da der Markt. Der Gaumen der Leute.

Ist der wichtiger als Ihrer? Harmonie ist wichtig. Aber wenn ich nur auf den Kunden höre, verliere ich die Handschrift. Ich will jedem Wein und Jahrgang meine Signatur geben.

Was ist derzeit im Trend? Immer noch süsser. Ich mag eher die quasi filigranen, vielschichtigen, trockenen Weine. Meine Weine sind auf die Schnelle oft schwierig zu verstehen, entfalten sich aber mit der Flaschenreife.

Sind Sie mit Ihrem Markt zufrieden? Wir leben vom Absatz im Grossraum Zürich. Dieser Markt ist sehr gut, wegen der Kaufkraft und der starken Gastronomie.

Auf Ihrer Website ist über Ihren Müller-Thurgau 2012 zu lesen: «Mineralisch-frische Nase von Feuerstein, Banane, Zitrusfrüchten und Pfirsich.» Was zur Hölle ist Feuerstein? Feuersteinzeltli sind diese farbigen Hochzeitszeltli. Die Website ist unverzichtbar geworden: Der Konsument will sich innert Minuten ein Bild machen.

Das Resultat ist Degustationsjargon. Die Sache ist nun einmal schwierig. Ich versuche, den Wein getreu abzubilden – vom Flüssigen zur Sprache, vom Glas aufs Papier. Ein Profi überfliegt die Beschreibung und hat eine Übersicht. Für den Laien sind die Assoziationen immerhin eine Stütze. Er sagt: Doch, Zitrusfrüchte, das spricht mich an!

Was unternehmen Sie gegen das Zapfenproblem? Von meinen Weinen hat vielleicht einer von 1000 Zapfen. Wir verwenden Korken aus Portugal. Der ist verlässlich.

Wenn der Wein Zapfen hat, kann ich ihn dann zurückbringen? Ungeniert. Wir tauschen um.

Wie wichtig ist für den Winzer das Marketing? Der Marketinganteil am Erfolg beträgt mindestens 50 Prozent. Wir haben viele gute Winzer in der Schweiz. Aber im Verkauf, im Auftritt des Betriebs und der Präsentation der Flasche gibt es noch Potenzial.

Ihre Flaschen haben edle Etiketten. Reduziert, nüchterne Schrift, keine überkandidelten Aquarelle. Wir haben fünf internationale Designpreise gewonnen. Der Markenauftritt wurde mit einer Branding-Agentur in Zürich erarbeitet. Mit den Werbern analysierten wir den Betrieb und entwarfen das passende Design. Es lohnt sich, das Image genau durchzudenken.

Sie haben neben Gastronomen und Zwischenhändlern auch viele Privatkunden. Wie viel kauft so einer? Ein paar Kisten? Das wäre viel. Eher drei Flaschen von diesem, drei Flaschen von jenem, am Schluss vielleicht zwölf. Das hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Nicht wegen der Finanzkrise, sondern wegen des Internets. Die Leute kommen spontaner, bleiben aus, tauchen wieder auf. Sie haben mehr Information und Input, sehen im Restaurant etwas, lesen einen Artikel, googeln, handeln kurzfristig. Das Weinsortiment des Privatkunden ist punkto Vielfalt explodiert. Heute hat einer zehn bis zwölf Sorten, vor zehn Jahren waren es zwei, drei.

Sie haben den Familienbetrieb umgekrempelt. Was sagt Ihr Vater dazu? Meine Eltern stehen zu 200 Prozent hinter dem Betrieb. Das gibt Sicherheit. Ich kann mit der Familie auch einmal in der Hochsaison in die Ferien, und die Eltern schauen zu allem. Das ist ein Privileg.

Was ist Ihre speziellste Traube? Der Räuschling, die älteste Sorte der Region. Sie ging lange Zeit vergessen. Wir haben sie seit eh und je, und heute ist sie wieder im Trend. Ansonsten ist die Goldküste halt einfach eine Pinot-Gegend.

Was ist die teuerste Flasche, die Sie verkaufen? Ein Roter. Der Pinot noir aus dem Holzfass zu 31 Franken.

Das ist nicht sehr teuer. Ich lagere nichts, verkaufe jede Ernte in kurzer Zeit. Da entstehen keine zusätzlichen Kosten. Auf meiner Website läuft die Reservation für nächsten Frühling.

Tages-Anzeiger

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