Lachen lindert das Leiden

Seit über 20 Jahren erfreuen die Traumdoktoren der Stiftung Theodora die Herzen kranker Kinder im Spital. Gerade in der Weihnachtszeit ein Lichtblick für die jungen Patienten.

Lichtblick im tristen Spitalalltag: Traumdoktorin Dr. Marroni (rechts) muntert die kranke Noemi auf.<p class='credit'>(Bild: Beat Mathys)</p>

Lichtblick im tristen Spitalalltag: Traumdoktorin Dr. Marroni (rechts) muntert die kranke Noemi auf.

(Bild: Beat Mathys)

Die kleinen Gesichter strahlen, als die grosse Türe im sechsten Stock der Kinderklinik des Berner Inselspitals aufgeht. Im Flur erscheinen zwei Doktoren, die so nichts mit denjenigen des nor­malen Spitalalltags zu tun haben: Auf den weissen Kitteln lachen aufgenähte Blumen, Sterne, Wolken und Sonnen. Ihre Nasen sind rot, und bei einigen ist der Gang schwerfällig, wie bei einer Ente an Land. Einige Kinder sind zufällig im Gang, andere ahnen noch nichts vom Besuch, der sie gleich erwartet.

Marroni und Carusela

Die beiden Patientinnen Letyssia und Noemi sind im Werkraum und basteln gerade etwas, als die Traumdoktoren der Stiftung Theodora eintreten. Noemi sitzt im Rollstuhl, Infusionen umgeben sie. Sie lächelt erst zögerlich: «Heute kommt ein anderer Clown als letztes Mal.» Schliesslich lässt sie sich aber auf Dr. Marroni ein. Diese geht auf die beiden Kinder zu, nimmt eine Figurdes Puppenhauses vor ihnen, erzählt dazu eine Geschichte, verheddert sich und verzieht ihr Gesicht, als gäbe es etwas Ungutes zu essen.

Die Kinder schmunzeln, lachen, geniessen die Aufmerksamkeit, die für einen langen Augenblick nur ihnen gehört. Während Letyssia erst schüchtern die ­Beobachterrolle einnimmt, geht Noemi, die aufgrund eines Geburtsfehlers lange und oft im ­Spital sein muss und auch dort zur Schule geht, ganz auf die beiden Clownfrauen ein. Eben ist Dr. Carusela dazukommen, die sich spontan ins improvisierte Spiel einbringt.

Psychologisch geschult

Die Traumdoktoren sind verschieden wie ihre Charaktere. Ihre Kostüme sind liebevoll gestaltet, ihre Gesichter individuell ­geschminkt. «Wir finden unsere Traumdoktoren-Persönlichkeit während unserer zweijährigen Ausbildung», erklärt Dr. Carusela.

Fast alle der Spitalclowns der Stiftung Theodora sind ehemalige Künstlerinnen und Artisten aus der Theater- und der Zirkuswelt. Von der Stiftung Theodora werden sie nach klaren Richtlinien für die Spitalarbeit geschult – sowohl im künstlerischen als auch im psychologischen und medizinischen Bereich.

Auf diese Weise könne sichergestellt werden, dass die Zusammenarbeit mit Ärzten und Pflegepersonal funktioniere, erklärt die Mediensprecherin der Stiftung, Simona Waldburger. Als Therapeuten seien die Traumdoktorinnen jedoch nicht tätig – im Gegenteil. «Auch für die Künstler selbst bieten wir professionelle und psychologische Unterstützung an, um ihnen zu helfen, mit der oft starken emotionalen Belastung umzugehen.»

In der ganzen Welt aktiv

Jede Woche besuchen rund 70 Traumdoktoren kranke Kinder in über 30 Schweizer Spitälern und über 20 Einrichtungen. «Das ergibt rund 100 000 Besuchepro Jahr», so Waldburger.Mehr als 200 Clowns seien mittlerweile weltweit in fast 150 Spitälern und Einrichtungen für Behinderte unterwegs, um den Kindern ein Lachen zu schenken: in Frankreich, Spanien, Italien, England genauso wie in der Türkei, in Hongkong und Weissrussland.

Die Stiftung Theodora ist eine gemeinnützige anerkannte Stiftung, die überwiegend finanziell unabhängig agiert. «Weissrussland und die Türkei werden mittels eines Solidaritätsprogramms von der Schweiz unterstützt.»

Mittlerweile sind die beiden Traumdoktorinnen ein paar ­Spitalzimmer weiter. In einem lichtdurchfluteten Raum liegen zwei Teenagermädchen. Anita spricht Oberländisch, Alicia Französisch. Aufgrund der Sprachbarriere können sie sich mehr schlecht als recht miteinander unterhalten. Ihre Aufmerksamkeit gilt deshalb vor allem ihren Handys.

Klar, dass die beiden Traumdoktorinnen sich sofort ins Zeug legen, um zu vermitteln. Mit Erfolg: Rasch wenden die jungen Frauen ihre Blicke von den Bildschirmen ab, beginnen zu grinsen. Es stellt sich ­heraus, dass die beiden einige Ähnlichkeiten aufweisen. So ist nicht nur bei beiden vorübergehend das Bein versehrt, auch ihre Vornamen beginnen beide mit dem Buchstaben «A» – und sie stehen erst noch auf den gleichen Typ Junge.

«Wir suchen euch Zwillinge»

«Ihr bräuchtet Zwillinge», sagt Clownin Marroni. «Ou ja, wir suchen euch Zwillinge», ergänzt Carusela. Und tatsächlich: Nur ein paar Minuten später erscheinen die beiden mit zwei Postkarten, auf deren Rückseite zweimal derselbe Teenagerjunge aus der Zeitung prangt, jeder mit einem Namen versehen und mit Parfüm besprüht. «Die beiden haben Muskeln, spielen Fussball und fahren Ski», schmunzeln die Traumdoktorinnen und entlocken den Patientinnen ein Lachen, während sich ihre Näschen in den Geruch der beiden Burschen vertiefen.

«Tränen lachen – Erlebnisse eines Spitalclowns»: Regula Stucki (alias «Dr. Trallalla»), ­Buchverlag Lowort, 120 Seiten, ca. 20 Franken.

Berner Zeitung

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