Kleine Stiche, grosse Wirkung

Hunderttausende von Menschen in der Schweiz leiden an Augenkrankheiten. Seit einigen Jahren bringt eine neue Behandlungsmethode Linderung und manchmal kleine Wunder: die Augenakupunktur. Schulmediziner zweifeln allerdings an deren Wirksamkeit.

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«Natürlich stechen wir nicht ins Auge», sagt Beat Räz. Seit drei Jahren behandelt er in der Praxis für Augenakupunktur Vis A Vue in Freiburg Augenleiden der unterschiedlichsten Art. Besonders häufig suchen ihn Menschen mit AMD, der sogenannten Altersbedingten Makuladegeneration, auf. Aber auch andere Netzhauterkrankungen, Sehstörungen nach Unfällen und Operationen, Altersweitsichtigkeit und grünen Star behandelt Räz mit den feinen Nadelstichen an Finger- und Zehengelenken. Und dies mit zum Teil erstaunlichen Resultaten «Die Erfolgsquote liegt bei etwa 70 Prozent», sagt Räz. Was heisst, dass das Fortschreiten der Krankheit gestoppt oder zumindest stark verlangsamt werden kann. «Eine Verbesserung der Sehkraft stellt sich bei 20 bis 30 Prozent der Patienten ein», so Beat Räz.

Ein Beachtliches Ergebnis, wie am Beispiel von AMD klar wird. Von der aggressiveren Form dieser Augenkrankheit, der feuchten AMD, sind 5 Prozent der Bevölkerung über 70 Jahren betroffen. Die Schulmedizin behandelt diese Krankheit mit dem Medikament Lucentis. Das Medikament kann die Krankheit zuverlässig stoppen. Eine Verbesserung der Sehkraft wird bei 35 Prozent der Patienten erreicht.

Krumme Linien

Etwa 80 Prozent der Patientinnen und Patienten von Beat Räz kommen wegen AMD zu ihm. Einer von ihnen ist Emil Brünisholz aus Unterbösingen. «Im Jahr 1997 fiel mir zum ersten Mal auf, dass etwas mit meinen Augen nicht mehr stimmte», erzählt der 73-jährige. Gerade Linien verkrümmten sich, und im Zentrum seines Blickfeldes tauchte ein kleiner grauer Fleck auf. Über die Jahre breitete sich der graue Fleck aus, die Linien verbogen sich immer mehr, lesen wurde schwieriger, Auto fahren gefährlicher und auch seinem Hobby, dem Sportschiessen, konnte Brünisholz bald nicht mehr nachgehen.

Im Jahr 2004 dann die Diagnose: feuchte AMD. «Die Pillen, welche mir die Ärzte damals verschrieben, nützten überhaupt nichts», sagt Brünisholz. Seine Sehkraft wurde schlechter und schlechter, der Leidensdruck grösser. An einem Vortrag im Herbst 2006 hörte er zum ersten Mal von der Augenakupunktur und entschloss sich, diese neue Behandlungsmethode auszuprobieren.

Erstaunliches Resultat

«Im Februar 2007 begann ich die Behandlung bei Herrn Räz», erzählt Brünisholz. Über zwei Wochen hinweg akupunktierte ihn dieser jeweils zwei Mal am Tag für eine Stunde. Nach den zwei Wochen Intensivbehandlung hatte sich seine Sehkraft stark verbessert, und nach drei Nachbehandlungen in den folgenden zwei Monaten konnte Emil Brünisholz wieder lesen und machte sich auf den Weg ins Schützenhaus.

Eine Untersuchung durch den Augenarzt im Herbst 2007 bestätigte den durchschlagenden Erfolg. «Der konnte es kaum glauben», so Brünisholz, «und fragte mich, was ich bloss gemacht habe.» Und das Schönste: Die Verbesserung bleibt bisher ohne weitere Nachbehandlungen erhalten. Einziger Wermutstropfen: «Die Behandlungskosten von 1600 Franken wollte die Krankenkasse nicht bezahlen.»

Der Fall von Emil Brünisholz ist ein Einzelfall, betont Beat Räz: «Solch ein gutes Resultat ist sehr selten.»

Immer zuerst zum Arzt

«Dass die Augenakupunktur bei feuchter AMD etwas nützt, kann ich mir nicht vorstellen», sagt Professor Sebastian Wolf, Direktor der Universitätsklinik für Augenheilkunde am Berner Inselspital. Dabei ist er nicht grundsätzlich gegen die Akupunktur. «Ich habe immer wieder Patienten, die eine solche Behandlung machen liessen und sagten, es habe ihnen zumindest nicht geschadet.» Das seien aber solche mit trockener AMD, der harmloseren Form. «Hier ist es, bedingt durch den sehr langsamen Krankheitsverlauf, sowieso sehr schwierig, zu sagen, ob sich etwas verbessert hat oder nicht.» Patienten, bei denen es keine schulmedizinische Behandlungsmöglichkeit gebe, könne die Augenakupunktur durchaus helfen, mit ihrer Krankheit besser umzugehen.

Bei der feuchten AMD rät Wolf aber klar von einer Behandlung mit Augenakupunktur ab. «Die Krankheit schreitet viel zu schnell fort, und die Schäden sind so gravierend, dass man keine Zeit verlieren darf.» Hier sei darum unbedingt der schulmedizinischen Behandlung mit dem Medikament Lucentis der Vorrang zu geben. «Zugegeben, Lucentis ist mit Jahreskosten von 10'000 bis 15'000 Franken sehr teuer», so Wolf, «der Krankheitsverlauf kann damit aber in über 95 Prozent der Fälle gestoppt werden.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.06.2010, 16:55 Uhr

Beat Räz setzt zur Vorbereitung Nadeln in den Augenbrauenbereich. Für die eigentliche Augenakupunktur setzt er sie an den Finger- und Zehengelenken ein. (Bild: Urs Baumann)

Wissenschaftlich nicht erforscht

Die Augenakupunktur wurde Anfang der 90er-Jahre von Professor John Boel in Dänemark entwickelt. Er entdeckte, dass sich bei der Akupunktierung von gewissen Stellen an den Finger- und Zehengelenken von Patienten mit Sehstörungen zum Teil frappante Verbesserungen der Sehkraft einstellten. Die Augenakupunktur wirkt, anders als die klassische chinesische Akupunktur, nicht über das Meridiansystem, sondern über das Nervensystem und über das Gehirn. Nach der Theorie repräsentiert jede Stelle um ein Gelenk herum einen Teil des gesamten Körpers. Bei einer Verletzung an einer solchen Stelle meldet das Nervensystem dem Gehirn nicht nur die tatsächliche Verletzung, sondern auch eine solche am zugeordneten Körperteil, etwa dem Auge. Das Gehirn aktiviert nun die Selbstheilungskräfte des Körpers an Gelenk und Auge. Diesen «Trick» macht sich die Augenakupunktur zunutze. Wissenschaftlich erforscht ist dieser Mechanismus allerdings nicht, und fundierte Studien zur Wirksamkeit der Augenakupunktur gibt es bislang auch nicht.

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