Jeder zehnte 11-Jährige trinkt Alkohol

Warum Jugendliche kriminell werden und welche Rolle der Tabakkonsum der Mütter hat: Das zeigt eine Langzeitstudie mit Schülern.

Verheerende Dynamik: Es gibt viele Gründe, weshalb Kinder und Jugendliche gewalttätig werden können. Foto: Keystone

Verheerende Dynamik: Es gibt viele Gründe, weshalb Kinder und Jugendliche gewalttätig werden können. Foto: Keystone

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Sie fangen früh an, die Stadtzürcher Kinder und Jugendlichen, zumindest ein Teil von ihnen. Bereits im Alter von 11 Jahren haben fast zehn Prozent aller Buben bereits einmal Alkohol getrunken. Im Alter von 11 Jahren konsumieren die Kinder teilweise auch bereits Cannabis. Erste Kokainerfahrungen folgen dann mit 15 Jahren.

Diese Resultate stammen aus einer Studie mit dem Namen Z-Proso. Das «Zürcher Projekt zur sozialen Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsenenalter» ist ein ambitioniertes und langfristiges Projekt.

Im Jahr 2004 haben Forscher um den Zürcher Soziologieprofessor Manuel Eisner aus allen Kindern, die 2004 in der Stadt Zürich in die erste Primarschulklasse kamen, eine Stichprobe von 1675 Kindern gezogen. Seit 15 Jahren werden diese Kinder, die mittlerweile erwachsen geworden sind, immer wieder befragt. Um die Lebensläufe zu vervollständigen, befragen die Forscher auch die Eltern und die Lehrer.

Die Forscher wollen wissen, ob die Kinder und Jugendlichen Waffen tragen, ob sie schnell aggressiv werden, warum sie zuschlagen, wie oft sie rauchen, kiffen und andere sexuell belästigen. Oder wie sie damit umgehen, wenn sie selber verprügelt und gemobbt werden: Werden sie dann depressiv, suizidal?

Die Resultate ergeben ein repräsentatives Sittenbild vom Leben und Leiden der Stadtzürcher Kinder und Jugendlichen. Aus den Daten ist ein einzigartiger Spiegel der Gesellschaft entstanden – ein Sammelsurium von Erkenntnissen. Weltweit gibt es kaum vergleichbare Projekte – geschweige denn in der Schweiz. Mittlerweile gehört Z-Proso zur nationalen Forschungsinfrastruktur der Schweiz und wird durch Bundesmittel finanziert.

Und die Daten aus Zürich sind begehrt: Bis heute gibt es rund 60 wissenschaftliche Publikationen aus dem Ausland, die auf den Daten der Zürcher Untersuchung basieren.

Warum werden sie kriminell?

Im Kern geht es bei der Langzeitstudie um die Frage: Warum werden die Kinder und Jugendlichen kriminell? Und wie lässt sich Kriminalität verhindern? Die Forscher haben sich ambitionierte Ziele gesetzt: Sie wollen die «Wahrscheinlichkeit von straffälliger Auffälligkeit vorhersagen» können, wie sie in einer neuen Broschüre schreiben.

Wie das etwa aussehen könnte, erzählte Professor Manuel Eisner gestern an einem Symposium in Zürich. Zur Feier des 15-Jahr-Jubiläums der Studie luden die Wissenschaftler Fachleute und Behördenmitglieder in die Räumlichkeiten des Jacobs Center ein. Am renommierten Jugendforschungsinstitut der Universität Zürich ist das Projekt derzeit angesiedelt. Geleitet wird es von Denis Ribeaud.

Im Kern geht es um eine grosse Frage: Wie lässt sich
Kriminalität verhindern?

Mittlerweile wissen die Forscher ziemlich genau, welche Faktoren Gewalt und Kriminalität generell begünstigen. Die Wissenschaftler haben für ihre Auswertung auf die Daten des Rechtsinformationssystems (RIS) der Oberjugendanwaltschaft des Kantons Zürich zurückgegriffen. Darin sind alle Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 17 Jahren verzeichnet, die beschuldigt wurden, eine Straftat begangen zu haben.

Zu den unter Kindern und Jugendlichen häufigsten Straftaten gehören Diebstähle, illegaler Betäubungsmittelkonsum und das Schwarzfahren. In der Regel kommt es nach einer Beschuldigung auch zu einer Verurteilung.

Der Abgleich der Resultate von Z-Proso mit den Daten aus dem RIS zeigt nun Erstaunliches: Von den 10- bis 17-Jährigen hat bereits mehr als jeder Fünfte eine Fiche bei der Jugendanwaltschaft. Für Eisner ist das «ein beträchtlicher Teil». Noch extremer sind die Werte, wenn nur die männlichen Jugendlichen betrachtet werden: Von den Buben hat jeder Dritte im Alter von 17 Jahren bereits einen Eintrag.

In der Regel befassen sich Wissenschaftler mit straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen erst, nachdem diese eine Tat begangen haben. Der grosse Vorteil der Zürcher Studie: Die Wissenschaftler wissen von allen kriminellen Jugendlichen bereits, wie ihr Umfeld aussieht, wie die Eltern und die Lehrer denken. «Solche Daten erlauben es, sehr viel detaillierter als bisher die Merkmale von straffälligen Jugendlichen im Vergleich zu ihren Altersgenossen zu eruieren», sagt Professor Eisner. In ihrer Analyse generierten die Wissenschaftler verschiedene Kernfaktoren, die eine kriminelle Karriere begünstigen.

Frappierende Erkenntnis

Frappierend ist dabei folgende Erkenntnis: Wenn die Mutter in der Schwangerschaft raucht, dann verdoppelt sich für die Kinder und Jugendlichen das Risiko, dass sie einmal mit dem Gesetz in Konflikt kommen und einen Eintrag im RIS erhalten.

In der Gruppe der Buben, deren Mütter während der Schwangerschaft nicht geraucht hatten, hatte nur ein Viertel später einen Eintrag im RIS. Bei der Gruppe mit den in der Schwangerschaft rauchenden Müttern hingegen geriet fast jeder zweite Bub später als Jugendlicher mit dem Gesetz in Konflikt. Eine analoge Verdoppelung zeigt sich auch bei den Mädchen und jungen Frauen.

Mit diesem Befund löste Eisner am Symposium Kopfschütteln und viele Fragen aus. Kann das wirklich sein?

Die Erkenntnisse seien «glasklar» und wiesen auf einen kausalen Zusammenhang hin, betonte der Professor am Rande der Veranstaltung: Wenn eine schwangere Frau raucht, haben die Gifte aus der Zigarette einen negativen Einfluss auf die Gesundheit ihres Babys. So werden zum Beispiel die Gefässe des Ungeborenen verengt, was wiederum die Hirnentwicklung hemmt. Dadurch steigt das Risiko für Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS.

Raucht die Mutter vor der Geburt,
verdoppelt sich das Risiko, dass ihr Kind straffällig wird.

Und ADHS wiederum gehört zu den Risikofaktoren, die Kriminalität fördern. Dazu kommen noch das (männliche) Geschlecht, aggressives Verhalten sowie eine erhöhte Risikobereitschaft. Wobei sich die beiden letzten Faktoren bereits in der ersten Klasse der Primarschule feststellen lassen – etwa durch Lehrerrapporte oder einfache Spiele.

Aufgrund der Erkenntnisse plädieren Eisner und seine Kollegen für eine Gewaltprävention, die bereits in der frühen Kindheit und bestenfalls sogar vor der Geburt einsetzt.

Massstäbe für die ganze Schweiz

Neue Erkenntnisse für die Prävention gewannen die Wissenschaftler auch im Zusammenhang mit Befragungen über Körperverletzungen, die Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 20 Jahren begehen. Fast immer gaben die Studienteilnehmer als Grund für die Prügel Selbstjustiz an – zum Beispiel sagten die Täter, das Opfer habe sie provoziert, man sei beleidigt worden oder man habe sich rächen müssen.

In diesem Zusammenhang sei die Reputation bei Gleichaltrigen zentral, sagt Eisner. So gaben die Kinder und Jugendlichen in einer anderen Befragung an, wenn sie sich nicht wehren würden, stünden sie bei Gleichaltrigen schlecht da. Das tiefste Schamgefühl haben die 15-Jährigen. Werden sie auf irgendeine Art provoziert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie zuschlagen. Diese «moralischen Emotionen» gelte es in der Prävention von Jugendgewalt zu berücksichtigen, sagte Eisner.

Damit stiess der Wissenschaftler zumindest am Symposium auf offene Ohren. Die Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr betonte in ihrer Rede den «grossen Wert» von Z-Proso. Die Studie setze Massstäbe für die gesamte Schweiz. Genau solche Studien brauche die Politik, um Entscheide fällen zu können. Gäbe es mehr davon, würden viele Diskussionen ganz anders verlaufen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.10.2018, 07:34 Uhr

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