Ikone der Zerstörung

Eine Frau auf der Suche nach ihrem kleinen Sohn: Das Foto der Japanerin Yuko Sugimoto wurde zum Sinnbild für die Tsunami-Katastrophe. Ein Jahr später kann sie immer noch kaum glauben, was danach passierte.

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Eine junge Frau steht in den Trümmern ihres Heimatorts, gedankenverloren zieht sie die Decke, in die sie eingewickelt ist, eng um sich. Erschöpft fixiert sie einen Punkt in der Ferne: Sie sucht ihren kleinen Sohn. Vor einem Jahr ging das Foto von Yuko Sugimoto um die Welt, als Sinnbild der Zerstörung nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami in Japan. Ein Jahr später besichtigt Sugimoto mit ihrem Sohn den Ort, an dem ein Fotograf ihre damalige Verzweiflung einfing. Beide wirken fröhlich, die Narben des Dramas sieht niemand. Doch sie sind da.

Als die meterhohe Welle am 11. März ihre Stadt Ishinomaki zerstörte, war Sugimoto bei der Arbeit. Ihren fünfjährigen Sohn Raito hatte sie wie immer morgens im Kindergarten abgegeben. Später konnte die 29-Jährige nicht mehr zu ihm vordringen: Die Strassen waren zerborsten, die Wege von Trümmern eingestürzter Häuser und zerquetschten Autos blockiert. Gerüchte machten sich breit, dass keines der Kinder im Hort überlebt hat - dass sie fortgerissen wurden, als die Wassermassen in das Gebäude eindrangen.

«Ich konnte sein Gesicht nicht sehen»

Dennoch wollten Sugimoto und ihr Mann nicht aufgeben. Tag für Tag zogen sie in der bitteren Kälte von Notunterkunft zu Notunterkunft auf der Suche nach ihrem Jungen - rund 72 Stunden lang. «Ich wurde immer unruhiger, fragte mich, ob ich ihn jemals lebend wiedersehen werde.» Als sie kaum noch zu hoffen wagte, kam das Wunder: «Die Tränen liessen alles vor meinen Augen verschwimmen. Ich konnte nicht einmal Raitos Gesicht sehen, bekam kein Wort heraus», erzählt die junge Mutter - immer noch etwas übermannt von den damaligen Gefühlen. «Als ich wieder klar sehen konnte, war er in den Armen seines Vaters.»

Später erfuhr das Paar, dass alle elf Kinder des Horts die Katastrophe überlebt haben: Als das Wasser kam, gelang es ihnen in letzter Minute, auf das Dach zu klettern. Bis in die frühen Morgenstunden harrten sie dort zitternd in Schnee und Kälte aus, dann gingen die Fluten soweit zurück, dass sie im zweiten Stock des Gebäudes auf Rettung warten konnten. Dort wurden sie am Morgen von Helfern in Booten entdeckt.

Leben in der Notunterkunft

«Bis vor einem Jahr war es für mich selbstverständlich, dass ich eine Familie habe und ein Tag auf den anderen folgt», sagt Sugimoto. «In Wirklichkeit ist das ein Wunder. Deshalb sollten wir aus jedem einzelnen Tag das Beste machen.»

Der Tsunami zerstörte das Haus von Sugimotos Familie und nahezu alles, was ihr Mann, ihr Sohn und sie besassen. Bis heute leben sie wie zehntausende andere Familien auch in behelfsmässigen Unterkünften, die ihnen die Regierung zugewiesen hat. Dennoch weiss die junge Frau, dass sie Glück hatten: Mehr als 19'000 Menschen starben, als die mindestens 23 Meter hohe Flutwelle die nordostjapanische Küstenregion verwüstete. Ein Sechstel der Opfer wurde nie gefunden.

Sugimotos kleine Familie findet langsam in den Alltag zurück, schmiedet wieder Zukunftspläne. Auch Raito scheint das Drama gut überstanden zu haben. Für Aussenstehende wirkt er wie ein ganz normaler quirliger Fünfjähriger, dem es beim Fototermin sichtlich Spass macht, auf die Armlehne in der Autotür zu steigen, um seine Mutter zu überragen. Doch Yuko Sugimoto kennt ihren Sohn besser. «Ich weiss, die Katastrophe hat ihn gezeichnet», sagt sie. Noch Wochen nach dem Trauma vom 11. März habe er sich bei jeder Tsunamiwarnung übergeben müssen, erzählt sie dann. Und bis heute könne er die Dunkelheit kaum ertragen.

fko/AFP

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