«Hier ist uns wohler als in einem Heim»

Auch Menschen mit einer Beeinträchtigung sollen möglichst normal arbeiten und selbstständig leben können – dafür setzt sich Pro Infirmis ein. Mit Erfolg, wie das Beispiel eines jungen Paares im Oberaargau zeigt.

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Stefan Aerni

In der liebevoll eingerichteten Wohnung in Langenthal liegt noch ein Hauch Festtagsstimmung und Heiterkeit in der Luft. Dafür sorgen nicht nur einzelne Kerzen und das verwelkende Bäumchen.

Es ist auch just 7 Jahre her, dass sich Adrian Schüpbach und Anna Greub kennen gelernt haben. «Es war an einer Silvesterparty», sagt sie und lächelt verschmitzt dazu. Gut, richtig gefunkt habe es dann erst später. Aber der Anfang war gemacht.

Adrian Schüpbach (heute 26) und Anna Greub (27) – ein Paar wie viele andere auch. Und doch nicht ganz: Als sie sich erstmals begegneten, lebte er in einem Wohnheim im Berner Oberland und sie in einer Aussenwohngruppe der VEBO-Werkstätte in Oensingen SO, einer Institution für Menschen mit einer Beeinträchtigung.

Dort wurde sie teilbetreut und machte eine Anlehre zur Industriepraktikerin. Später ergatterte sich auch Adrian Schüpbach einen Arbeitsplatz bei der VEBO.

Je fester die Beziehung der beiden dann wurde, ­desto mehr reifte ihr Wunsch, irgendeinmal zusammenzuleben. Vor gut einem Jahr war es dann so weit: Das junge Pärchen fand in Langenthal eine geeignete Dreieinhalbzimmerwohnung.

Massgeschneiderte Lösungen

Noch vor 20 oder 30 Jahren wäre das kaum möglich gewesen. Doch seit 1999 bietet die Behindertenorganisation Pro Infirmis auch im Kanton Bern ihre Dienst­leistung Begleitetes Wohnen an.

«Wir unterstützen Menschen mit einer Behinderung, damit sie ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können», sagt Nicole Weber Bally (39), Leiterin der Dienstleistung im Kanton Bern. «Unser Ziel ist es, für jeden Fall eine massgeschneiderte All­tagsunterstützung anbieten zu können.»

Für Adrian Schüpbach und Anna Greub heisst das: Einmal pro Woche, meist am Mittwoch, kommt eine Begleitperson in der Wohnung an der Murgenthalstrasse vorbei und hilft dort, wo es nötig ist. Beim jungen Paar sind das zum Beispiel Buchhaltungsarbeiten und Kontrolle des Haushaltsbudgets. Er sitze zwar gern am Computer, sagt Adrian Schüpbach – aber nicht unbedingt, um Rechnungen zu bezahlen...

Kochen, Waschen, Putzen, Abfallentsorgen und andere praktische Arbeiten sind dagegen weniger ein Problem, wenn auch hier ab und zu Hilfe nötig ist. In der Küche stehen die zwei meistens sogar gemeinsam. «Wir kochen halt beide ganz gern», sagt sie.

Tagsüber gehen sie arbeiten

Wie andere Leute geht auch das junge Langenthaler Paar tagsüber arbeiten: sie mit der Bahn nach Oensingen SO in die VEBO-Werkstätte und er neuerdings zu Fuss in den nahen Musikinstrumentenbau-Betrieb Choroi. Erst kürzlich hat Adrian Schüpbach in der bekannten sozialtherapeu­tischen Lebens- und Arbeits­gemeinschaft in Langenthal eine neue Anstellung gefunden.

«Die Arbeit hier gefällt mir sehr gut», sagt er, während er an der Bandsäge Werkstattleiter Christoph Akeret assistiert.

«Die beiden sind sehr motiviert und haben ihr Leben im Griff.»Caterina Paradiso, Begleiterin von Pro Infirmis, über Adrian Schüpbach und Anna Greub

Beim Duo Schüpbach/Greub läuft zurzeit alles im grünen Bereich. «Doch, doch, die beiden ­haben ihr Leben im Griff», sagt Caterina Paradiso (46), die das junge Paar seitens Pro Infirmis begleitet, anerkennend. «Die zwei sind aber auch sehr motiviert, auf eigenen Beinen zu ­stehen.»

Eine kleine Erfolgsgeschichte

Anna Greub fasst ihren Liebsten an der Hand und lächelt verlegen, als sie das hört. Sie und ihr Partner verkörpern eine kleine Erfolgsgeschichte und sind so quasi zu einem Vorzeigebeispiel für das Begleitete Wohnen geworden.

Gegenwärtig betreut die Pro Infirmis Bern kantonsweit 80 bis 90 weitere Fälle im Begleiteten Wohnen, darunter auch zahlreiche Einzelpersonen. Die Tendenz ist steigend (siehe auch Infobox).

Dabei sei der Grad der Unterstützung ganz unterschiedlich, sagt Pro-Infirmis-Leiterin Nicole Weber. «Die einen brauchen mehr Hilfe, die andern weniger.» Vereinzelt komme es aber auch vor, dass jemand den Versuch, selbstständig zu wohnen, abbreche und am Schluss doch wieder lieber in ein Heim oder eine soziale Institution zurückkehre.

«Traum erfüllt»

Bei Adrian Schüpbach und Anna Greub in Langenthal ist das definitiv nicht der Fall. «Wir sind dankbar dafür, dass wir hier zusammenleben können», sagt er.

Und sie ergänzt, dass sie sich in den eigenen vier Wänden viel freier und wohler fühlen würden als bisher im Heim oder in einer Wohngruppe. «Damit ist für uns ein grosser Traum in Erfüllung gegangen.»

Berner Zeitung

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