Heikles Sponsoring von Patientenverbänden

Sponsoring macht man nicht aus purer Nächstenliebe, sondern weil man sich eine Gegenleistung verspricht. Ist es deshalb problematisch, wenn sich Patientenverbände von Pharmafirmen finanziell unter die Arme greifen lassen?

Heinrich von Grünigen (Adipositas- Stiftung): «Allein wegen unserer blauen Augen gibt uns niemand etwas.»

Heinrich von Grünigen (Adipositas- Stiftung): «Allein wegen unserer blauen Augen gibt uns niemand etwas.»

(Bild: Andreas Marbot)

Trotz strömendem Regen fanden sich über 500 Personen am Zugersee ein und feierten in den bereitgestellten Festzelten ihren sportlichen und finanziellen «Sieg». Aus Burgdorf, Olten, Schaffhausen und Rapperswil SG waren sie zuvor mit dem Velo jeweils rund 80 Kilometer nach Cham geradelt. Für jeden zurückgelegten Kilometer spendete das Pharmaunternehmen Abbott in Baar einen gewissen Betrag. Um die jeweilige Summe zu erhöhen, beteiligten sich nicht nur die Mitglieder der teilnehmenden Patientenorganisationen an diesem «Velorennen» (Pace-Race); die Selbsthilfegruppen engagierten auch Freunde, um die Vereinskasse lauter klingeln zu lassen. Bei freier Verpflegung unterhielten sich nach der Ankunft Gesunde und Kranke, medizinische Fachleute, Firmen- und Behördenvertreter sowie Politiker.

An diesem Anlass präsent war rund ein Dutzend Selbsthilfeorganisationen, darunter die Rheumaliga, die Schweizerische Adipositas-Stiftung, die Psoriasis-und-Vitiligo-Gesellschaft sowie die Morbus-Crohn-Vereinigung. Richard Züsli, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gesundheitsdirektion des Kantons Zug, war begeistert. Als positiv empfand er, dass Betroffene angespornt wurden, einen eigenen Beitrag zur Selbsthilfe zu leisten.

Zufrieden war auch der Sponsor. Aussenstehenden aber lag die Frage auf der Zunge: Hatte Abbott dieses Pace-Race nur organisiert, um kranke Menschen glücklich zu machen? Versprach sich die Firma nicht auch einen Gewinn für sich selber? Werden durch solche Aktivitäten mit Kranken nicht – buchstäblich ungesunde – Abhängigkeiten geschaffen? Allein das Wort Sponsoring hat ja für viele etwas Schmuddeliges an sich. Dazu passt wohl, dass mehrere der beteiligten Vereinigungen nicht auf entsprechende Fragen des Journalisten eingehen mochten.

Die Vorwürfe der Kritiker: Weil für rezeptpflichtige Medikamente in der Öffentlichkeit keine Reklame gemacht werden darf und weil die gesetzlichen Richtlinien in Bezug auf das Verhältnis zwischen Pharmaindustrie und Medizinern vor einigen Jahren verschärft worden sind, wird festgestellt, dass sich die Branche vermehrt via Selbsthilfegruppen an die Patienten wendet, um den Absatz ihrer Produkte zu fördern. Pharmakritiker bemängeln, dass die kranken Menschen dazu gebracht werden sollen, von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten zu verlangen, jeweils mit den neusten und teuersten Medikamenten versorgt zu werden. Ob sich die Mediziner von ihrer Kundschaft tatsächlich derart unter Druck setzen lassen, bleibe dahingestellt.

Verbesserungen erzielen

Fragt man die betreffenden Firmen, sind die Antworten klar: «Unser Ziel», heisst es bei Abbott, «ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen bei innovativen Aktivitäten, die sich an den Bedürfnissen der Patienten orientieren, um nachhaltige Verbesserungen bei der gesundheitlichen Aufklärung, beim Umgang mit Krankheiten und im Zusammenhang mit Dienstleistungen voranzutreiben.» Die Werte des Unternehmens, so Philipp Kämpf, bei Abbott für externe Beziehungen zuständig, deckten sich in vielerlei Hinsicht mit jenen der Patientenorganisationen.

Ähnlich tönt es bei der Firma Roche, die unter anderem als Sponsor im Bereich von Brustkrebserkrankungen tätig ist: «Wir sehen uns als Partner im Gesundheitswesen und nehmen dabei auch eine vermittelnde Rolle zwischen Ärzten und Patienten ein», erklärt Eckard Klose, Direktor der Krebsabteilung von Roche Pharma (Schweiz). Und weiter: «Letztlich zeigen wir damit, dass wir nicht nur Medikamente verkaufen wollen, sondern dass uns auch an Fortschritten in Prävention, Diagnose und Therapie gelegen ist. Wir wollen mithelfen, dass die Lebensqualität der Betroffenen steigt.»

«Allgemein kann ich sagen, dass zwischen den Pharmafirmen und unserer Patientenvereinigung eine ganz klare Win-win-Situation herrscht», sagt Bruno Raffa von der Schweizerischen Morbus-Crohn/Colitis-ulcerosa-Vereinigung (SMCCV), die ebenfalls am Pace-Race der Firma Abbott teilgenommen hat. Im Übrigen sei die SMCCV keineswegs von Sponsoren abhängig, denn die von ihr organisierten Aktivitäten könne sie auch ohne Sponsoring durchführen. Die Zusammenarbeit mit Sponsoren richte sich ausserdem streng nach den Grundsätzen der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Patientinnen- und Patienteninteressen (siehe Kasten). Zudem bestehe auch keine Gefahr, dass ein Sponsor ein einzelnes Medikament pushen könne, denn «die Krankheiten Morbus Crohn und Colitis ulcerosa äussern sich bei jedem Patienten unterschiedlich, darum ist auch die Behandlung individuell».

Ein Problem beim Sponsoring sieht auch die Aids-Hilfe Schweiz (AHS) nicht. Laut ihrer Kommunikationsbeauftragten Bettina Maeschli betrugen die im letzten Jahr durch acht Pharmafirmen überwiesenen Beträge nur knapp 3,7 Prozent des Gesamtertrags der AHS, was immerhin über 230000 Franken ausmacht. In der Zusammenarbeit würden jedoch strenge ethische Richtlinien eingehalten. Die AHS sei zwar offen und diskussionsbereit gegenüber der Platzierung von Logos, doch inhaltlich lasse sich die Aids-Hilfe weder durch Spenden noch durch Sponsoring steuern.

Beide profitieren

Von einer Win-win-Situation spricht auch Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (Saps) und ebenfalls Teilnehmer am Pace-Race-Rallye. Win-win bedeute aber eben, dass beide Partner profitierten. Dieser Gewinn könne materieller oder ideeller Natur sein. In jedem Fall erhoffe sich der Sponsor aber einen Imagegewinn in der Öffentlichkeit. Gerade im Pharmabereich seien in den letzten Jahren jedoch ganze Bibliotheken von Richtlinien geschaffen worden, die sehr streng gehalten seien. Solche Richtlinien würden sowohl von den Pharmaunternehmen als auch von den Selbsthilfeorganisationen oder von übergeordneten Stellen entworfen.

Der frühere Programmleiter von Radio DRS1 weiss aber auch, dass gelegentlich versucht wird, diese Richtlinien zu umgehen. Indem etwa eine Selbsthilfegruppe nicht von betroffenen Patienten gegründet wird, sondern von einer Pharmafirma mit dem einzigen Zweck, ein eigenes Medikament unter die Leute zu bringen.

Früher habe er noch gemeint, so von Grünigen, ein Unternehmen sponsere eine Patientenvereinigung aus purer sozialer Verantwortung, doch er habe sich eines Besseren belehren lassen müssen: Im Hintergrund verfolge ein Sponsor immer ein Eigeninteresse. Das findet von Grünigen nicht grundsätzlich schlecht, aber auch nicht immer gut. Etwa dann, wenn die Sponsoringbeiträge Teil des Marketingbudgets sind. Er habe schon erlebt, dass ein einzelnes Medikament vom Markt genommen worden sei, worauf auch das Sponsoring ein Ende gehabt habe, weil das Geld aus der entsprechenden Marketingkasse gekommen sei.

Empfehlungen sind tabu

In von Grünigens Augen lässt sich die Abhängigkeit vermindern, wenn eine Organisation nicht nur von einer Firma gesponsert wird. Die Vereinigung sei dann freier, ihre Akzente nach eigenen Bedürfnissen zu setzen. Umgekehrt müsse eine Selbsthilfegruppe natürlich auch bereit sein, etwas zu bieten, denn: «Allein wegen unserer blauen Augen gibt uns niemand etwas!» Diese Gegenleistung könne darin bestehen, dass die Vereinigung das Logo des Sponsors auf die Website setze oder in einer Publikation ein Gratisinserat anbiete. Was für die Saps – und wohl auch die meisten anderen Organisationen – nicht infrage käme, wäre aber, ein bestimmtes Produkt eines Sponsors zu loben oder zu empfehlen.

Berner Zeitung

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