Frei Schnauze, aber bitte mit Anstand

Ob Flüchtlingsdrama auf Lampedusa oder arglose Velofahrer: Leser, die Kommentare schreiben, kennen oft keine Gnade. Bei bernerzeitung.ch wird fast ein Drittel der Kommentare gelöscht.

Bild: Max Spring

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Wer Leserkommentare auf Onlinenewsportalen liest, wähnt sich nicht selten auf einem öffentlichen Richtplatz. Da wird verbal auf Migranten eingeprügelt und frei Schnauze gegen Behörden gewettert. Da ernten Banker Spott und Häme, und selbst Velofahrer bieten noch genug Angriffsfläche, an der sich die Gemüter regelmässig abreagieren. Gibt das Thema nichts mehr her, stürzen sich die Kommentierenden aufeinander – und attackieren oft unter der Gürtellinie.

Badwords und Blacklists

Erst letzte Woche entlud sich die Wut des Bürgers an den Flüchtlingen von Lampedusa. Die Leserstatements waren derart menschenverachtend, dass einige Newsportale die Kommentarfunktion sperren mussten. «Schafft Flüchtlinge, die es geschafft haben, übers Meer zu kommen, umgehend wieder zurück», riet etwa ein Kommentator auf Newsnet.ch, dem gemeinsamen Onlineportal von «Tages-Anzeiger», «Bund», «Basler Zeitung» und auch von dieser Zeitung. Ein anderer Leser empfahl: «Afrika soll keine Entwicklungshilfe mehr bekommen, die stellen bloss ständig Kinder auf.» Sieht so die freie Meinungsäusserung im Internetzeitalter aus? Zum Lampedusa-Thema musste Newsnet jedenfalls neunzig Prozent der eingegangenen Kommentare löschen, weil viele rassistische oder diffamierende Äusserungen enthielten.

Manche Leser empfinden dies als Zensur, doch aus rechtlichen Gründen dürfen Onlineportale nicht jede Meinung publizieren. Gemäss Vorgaben des Schweizer Presserats sind sie für die publizierten Inhalte ihrer Nutzer verantwortlich und können haftbar gemacht werden. Beim Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist erst kürzlich ein estnisches Nachrichtenportal abgeblitzt, das wegen beleidigender Kommentare zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Entsprechend aufwendig ist der Kontrollprozess bei Kommentaren, wie Michael Marti, Mitglied der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» und Leiter von Newsnet, erläutert: «Eingegangene Leserkommentare werden zuerst von einem Programm auf bestimmte Wörter geprüft, die auf rassistische, ehrverletzende oder diskriminierende Inhalte hindeuten könnten.»

Was zu dieser Kategorie gehört, bestimmt die Badwords-Liste. Ausdrücke wie «Rassist», «Kotzbrocken», «Gesindel», aber auch Kurioses wie «Filzdecke» oder «Abonnent» sind verdächtig und werden in den Kommentaren markiert.

«In einem zweiten Schritt sichten wir die Beiträge manuell und entscheiden von Fall zu Fall, ob die Inhalte tatsächlich gegen die Regeln verstossen». Was schliesslich publiziert wird, liegt in der Kompetenz von sogenannten Freischaltern. Bei Newsnet sind es drei freie Mitarbeiter, die nach festgelegten Kriterien 6000 bis 7000 Kommentare täglich sichten. Wer politisch korrekte Kommentare schreibt, schafft es auf eine Greenlist, die die Freischalter nur prüfen, wenn Badwords zum Vorschein kommen. Analog dazu existiert eine Blacklist mit Exponenten, denen auf die Finger geschaut wird.

Tipps und Polemiken

Überraschend viele Kommentare schaffen es nach der Prüfung nicht ins Netz – je nach Medium bis zu 70 Prozent. Laut einer Umfrage, die das Fachmagazin «Schweizer Journalist» vor einem Jahr bei mehreren Schweizer Onlineportalen durchgeführt hat, lag die Freischaltquote bei Blick.ch zwischen 30 und 40 Prozent, bei 20 Minuten online bei 65 Prozent. Bei Newsnet werden laut Marti sieben von zehn Kommentaren freigegeben. Fast ein Drittel der Kommentatoren verstösst also gegen die Regeln? Marti präzisiert: «Nein, wir fischen auch Statements heraus, die in Dialekt oder orthografisch so schlecht verfasst sind, dass man sie kaum lesen kann. Aber auch Einträge, die sich auf ein «Haha» beschränken oder schlicht keinen Sinn ergeben, komplett am Thema vorbeigehen oder Links enthalten.»

Angesichts der niedrigen Freischaltquoten stellt sich dennoch die Frage: Bringen Onlinekommentare überhaupt einen Mehrwert, oder sind sie vor allem ein Ventil für den frustrierten Wutbürger? «Ersteres ja, Letzteres nein», meint Marti dezidiert. Er räumt aber ein, dass bei stark polarisierenden Themen wie Migration, Religion oder Geschlechterfragen die Gemüter schon mal überkochen und die Diskussion in aggressive Polemik umschlagen kann. «Das ist jedoch nicht die Regel», betont der Newsnet-Chef. Onlinenutzer würden Journalisten immer wieder auch wertvolle Tipps geben, indem sie sie auf Fehler in der Berichterstattung oder auf ein bestimmtes Thema aufmerksam machen. Marti erinnert sich spontan an einen Lesertipp, der eine technische Panne bei der Swiss betraf. Die Berichterstattung darüber habe medial für einigen Wirbel gesorgt.

Frust und Belustigung

Was die Nutzer tatsächlich zu Onlinekommentaren verleitet und wieso sie sich dabei manchmal im Ton vergreifen, weiss Thomas Friemel, Professor an der Universität Bremen und Leiter des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung in Zürich. Seine Umfrage unter Onlinenutzern hat ergeben, dass die meisten ihre Meinung kundtun, um andere zu informieren oder zu überzeugen. Das Motiv, Frust loszuwerden oder Dampf abzulassen, gaben sie als zweitrangig an, genauso wie den Austausch untereinander. Aber: Gelesen werden Kommentare nicht etwa, um sich zu informieren, sondern zur Unterhaltung oder Belustigung. Ob dieses Selbstbild dem realen Verhalten entspricht, lässt sich durch eine Befragung jedoch nicht überprüfen.

Eine gesellschaftliche Verrohung, die sich in den menschenverachtenden Onlinekommentaren spiegelt, will der Wissenschaftler nicht feststellen. «Onlinekommentare spülen lediglich Facetten der Gesellschaft an die Oberfläche, die schon immer vorhanden waren und die nun im anonymen Internet eine Plattform finden.» Früher wurden Menschen physisch an den Pranger gestellt und öffentlich vorgeführt, heute geschieht dasselbe verbal im realen Leben genauso wie auf Onlineportalen.

Dass der Ton online teilweise weit aggressiver ist als im realen Leben, hängt allerdings nicht nur mit der Anonymität des Internets zusammen. «Anders als im realen Leben, wo Menschen mit ähnlichen Haltungen und Werten zusammenfinden, sind wir im Internet mit Andersdenkenden konfrontiert – und da gehen die Wogen eher mal hoch», sagt Friemel. Kommentare, die sich auf 400 Zeichen beschränken, lassen zudem nicht viel Spielraum für eine differenzierte Meinungsäusserung.

Diese Kombination berge einiges Konfliktpotenzial, das auch im Umgang unter den Kommentierenden selbst zum Tragen kommt. Manche spielen sich als Besserwisser auf, manche als Polizisten, andere als Moralprediger – und alle kritisieren sich gegenseitig, oft heftiger als in ihren direkten Artikelbeiträgen. In der Hitze des Wortgefechts geht das eigentliche Thema des Artikels denn auch gern vergessen. «Das stört natürlich die Journalisten, aber das gehört zur Kommunikationsdynamik», führt Friemel aus. Wie zu Hause am Küchentisch bilde der Zeitungsartikel lediglich den Ausgangspunkt für eine Diskussion. «Man geht assoziativ und relativ schnell zu anderen Themen über, die einem unter den Nägeln brennen.» Im Netz sei dies nicht anders.

Moderation und Nutzerprofil

Anders als in Debatten von Angesicht zu Angesicht, bei denen meist ein Austausch in Gang kommt, rückt im Internet keiner von seiner teils extremen Position ab. Viele Nutzer können dabei laut Friemel gar nicht einordnen, dass sie sich mit ihrem Kommentar, den sie mit ihrem Namen zeichnen, öffentlich vor Tausenden von Menschen outen. Deshalb müssen die Medien ihre Nutzer auch vor sich selber schützen.

Doch wie schafft man den Sprung von der Anschnauzkultur ins gepflegte Diskussionsklima? «Indem zum Beispiel Redaktionen die Diskussionen künftig moderieren», so Friemel. Schaltet sich ein Redaktor in die Diskussion ein, was heute selten vorkommt und bei Newsnet vor allem in Blogs der Fall ist, sind viele überrascht, und der Ton wird sogleich moderater. Tatsächlich suchen die Nutzer laut Friemels Umfrage den Austausch mit der Redaktion und wollen mit ihren Beiträgen auch journalistisch partizipieren. Das bestätige sich auch in der Praxis, sagt Newsnet-Chef Michael Marti. Doch heute würden sich Printjournalisten noch zu wenig für Onlinekommentare interessieren. Dabei liessen sich zum Beispiel Missverständnisse beim Artikellesen, die anschliessende Diskussionen in eine falsche Richtung lenken, relativ leicht aus dem Weg räumen. «Wer Reaktionen auf seine Artikel bekommt, weiss zudem besser, wo bei seinen Lesern der Schuh drückt.» Das gilt allerdings nicht nur für Journalisten. Je mehr man vom anderen weiss, desto netter der Umgang. In Internetcommunitys ebben die emotionalen Wogen ab, sobald die Menschen hinter den Kommentarzeilen fassbar werden.

Newsnet prüft derzeit die Möglichkeit, eine Nutzeridentität einzuführen. Die Kommentierenden hätten dann die Option, ein Profil zu erstellen, das ihre Vorlieben oder ihr Fachwissen enthält und in dem auch ihre Kommentare gesammelt werden. Ansichten wie «Asyl gehört in allen Ländern von ganz Europa abgeschafft» werden dadurch zwar nicht weniger, aber vielleicht werden sie nicht mehr so leichtfertig hinausposaunt.

lucie.machac@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.10.2013, 09:32 Uhr

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