Er predigte, bis die Schlange ihn biss

Das religiöse Ritual des «Schlangenaufhebens» wird in den USA noch immer praktiziert. Am Samstag starb einer der bekanntesten Pastoren nach einem Biss.

Vermeintlicher Schutz durch den Glauben an Gott: Jamie Coots bei einer seiner berüchtigten Schlangen-Predigten.

Vermeintlicher Schutz durch den Glauben an Gott: Jamie Coots bei einer seiner berüchtigten Schlangen-Predigten.

Martin Kilian@tagesanzeiger

Jamie Coots wurde in den USA bekannt als Schlangen-Prediger in einer TV-Serie des amerikanischen Kabelkanals «National Geographic». Der Pastor einer fundamentalistischen Gemeinde in Middlesboro im Staat Kentucky hantierte fast an jedem Wochenende wie auch manche Gemeindemitglieder mit Giftschlangen – gemäss der Glaubensdoktrin, dass ein Biss ein Urteil Gottes sei, dem wahren Gläubigen jedoch kein Schaden drohe.

Am Samstagabend aber starb Coots, nachdem ihn eine Giftschlange während des Gottesdienstes gebissen hatte.

«Snake Handlers» und ihre Gemeinden sind über das Hinterland der Appalachen in Kentucky, Tennessee, West Virginia und Alabama verteilt und praktizieren ihre Religion trotz staatlicher Verbote. Der Vater und Grossvater von Coots waren ebenfalls Schlangen-Pastoren. Ein Gemeindemitglied alarmierte um 20:30 die Rettungsdienste in Middlesboro, Coots aber hatte die Kirche bereits verlassen und sich nach Hause begeben, als die Ambulanz eintraf. Die Sanitäter folgten Coots, doch lehnte der Pastor jegliche Hilfe ab, obwohl er auf die möglichen Folgen hingewiesen wurde.

Bereits einmal fast gestorben

Der Rettungsdienst verliess Coots' Haus kurz nach 21 Uhr und wurde um 22 Uhr informiert, dass der Pastor gestorben sei. Coots war bereits mehrmals zuvor beim Gottesdienst von Klapper- und Mokassinschlangen gebissen worden und 1998 nach einem Biss in den Mittelfinger seiner rechten Hand beinahe gestorben. «Es ist ein Sieg für das Volk Gottes, dass sich der Herr entschlossen hat, mich zu retten» erklärte der Pastor später.

Im August 1995 war die 28jährige Melinda Brown aus Parrotsville in Tennessee nach einem Schlangenbiss in Coots' Kirche gestorben. Die Behörden erwogen danach die strafrechtliche Verfolgung des Pastors, sahen jedoch aus Gründen der Religionsfreiheit davon ab. Später starb auch Browns Ehemann John Wayne «Punkin» Brown nach einem Schlangenbiss in einer Kirche im Norden Alabamas.

Mit Bezug auf das Markus-Evangelium

Die «Snake Handlers» in den Appalachen berufen sich auf eine Stelle im Kapitel 16 des Markus-Evangeliums. «Diese Zeichen aber werden die, welche glauben, begleiten: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nichts schaden», heisst es darin.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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