Englands berühmteste Schnapsdrossel

Die Britin Laura Hall ist die erste und einzige Person, der ein landesweites Bar- und Kneipenverbot auferlegt wurde. Nun möchte die 21-Jährige ein neues Leben beginnen.

Heute bleibt sie dem Alkohol fern: Laura Hall.

Heute bleibt sie dem Alkohol fern: Laura Hall.

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Laura Hall sorgte im letzten Mai für ein Novum: Als erste Person erhielt sie ein landesweites Bar- und Kneipenverbot. Die britische Justiz untersagte ihr zudem für zwei Jahre den Alkoholeinkauf in Supermärkten sowie den Alkoholkonsum im öffentlichen Raum.

Somit erlangte Laura Hall als erst 20-Jährige eine zweifelhafte Berühmtheit. Britische Zeitungen – vom Boulevardblatt «Daily Mirror» bis zum renommierten «The Guardian» – berichteten über die berüchtigten Alkoholexzesse des Mädchens. Von Polizeibeamten-Beleidigung bis hin zur Beschädigung von Barinventar scheint die Art der Ausschweifungen vielfältig. Stets dabei: Ihr treuer Freund Alkohol, der ihr seit dem ersten Drink im 14. Lebensjahr nicht mehr von der Seite wich. Ihr Strafenregister umfasst inzwischen 29 Einträge.

Eine gewisse Vorbildfunktion

Wahrscheinlich auch dank ihres attraktiven Äusseren avancierte sie bald zum Postergirl der berühmten britischen Bier- und Pubszene. Ihr zu Ehren wurden im Sozialnetzwerk Facebook mehrere Gruppen gegründet: «Laura Hall is my hero!» oder «Lets get Laura Hall to Scotland» – eine Art Asyl-Angebot für eine, der das Trinken im eigenen Land nicht mehr gestattet ist. Für Englands No-Future-Generation ist Laura Hall eine Rebellin, eine moderne Heldin, die sich durch nichts und niemanden einschränken lässt. Endlich mal eine, die auf den restriktiven Staat pfeift und ihr Leben so gestaltet, wie es ihr gefällt! So der Tenor.

Lange schien sich Laura Hall in dieser Rolle zu gefallen. Sie genoss es gemäss eigener Aussage, als berühmte Tageszeitungen ihr plötzlich Berichte widmeten, die sich über mehrere Seiten erstreckten. Ihre ausschweifenden Alkoholexzesse brachten ihr auch internationale Aufmerksamkeit in Ländern wie Australien oder gar Indien. Die Fangemeinde gab ihr zusätzlichen Auftrieb: «Eine indische Zeitung widmet dir eine ganze Seite – Hut ab, du bist jetzt schon eine Legende!», so der Eintrag eines Besuchers ihrer Fanseite.

«Die Verkörperung von allem, was in der Gesellschaft schiefläuft»

Natürlich hatte dieser zweifelhafte Wandel eines Teenager-Mädchens, das aus einem vermögenden Haus im Städtchen Bromsgrove stammt, auch seine Kehrseite: Neben ihrer Gesundheit litten zusehends ihre persönlichen Beziehungen unter den Alkoholexzessen. Die Eltern brachen den Kontakt zu ihrer Tochter ab und auch ihre engsten Kollegen wandten sich zunehmend von ihr ab. Mit einem gewissen Bedauern stellte sie einst gegenüber dem «Daily Mirror» fest: «Ich hatte noch nie einen Freund, keiner scheint mein Verhalten tolerieren zu können. Vielleicht bin ich ein Monster.»

Der absolute Tiefpunkt folgte im letzten Sommer. Mit Blick auf ihre inzwischen schon recht umfangreiche Akte stellte ein Richter fest: Das ist absolut abscheulich. «Dieses Mädchen verkörpert alles, was in der heutigen Gesellschaft schiefläuft.» Die heute 21-jährige Laura Hall erkannte selbst, dass es so nicht weitergehen kann. Sie, die eigentlich immer den Traum hatte, mit Kindern zu arbeiten, unterzog sich einem halbjährigen Alkoholentzugsprogramm in Portugal. In dieser Zeit nahm sie wieder Kontakt zu ihren Eltern auf, was für den erfolgreichen Entzug entscheidend gewesen sei. «Ich bin jetzt trocken. Ich spüre, wie die Energie zurückkehrt, besuche Ausbildungskurse und habe wieder eine berufliche Perspektive», sagte sie vergangene Woche gegenüber dem «Guardian».

Der Fernsehsender BBC ist zurzeit daran, ihr Leben zu verfilmen. Der Beitrag wird die absurde Geschichte eines unscheinbaren Mädchens zeigen, das etwas zu früh der englischen Volksdroge Nummer eins verfiel und durch sein Verhalten zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Ganz Grossbritannien schaut zu, wie Laura Hall zurzeit um ein normales Leben kämpft. Inzwischen hat sich auch die Tonalität der Facebook-Einträge an ihre persönliche Entwicklung angepasst: «Ich hoffe wirklich, dass du den Sprung ins geordnete Leben schaffst. Bleib stark Laura!»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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