Eltern, entspannt euch bitte

Erziehung überfordert viele Eltern. Auch weil man sie mit Ratschlägen überflutet. Gründe und Folgen des Erziehungswahns zeigt das Buch «Cool down» auf.

Der Berg an Erziehungsratgebern wächst und wächst und damit die Ratlosigkeit vieler Eltern.

Der Berg an Erziehungsratgebern wächst und wächst und damit die Ratlosigkeit vieler Eltern.

(Bild: Thomas Kobel)

Werfen wir, zur Einstimmung ins Thema, einen Blick ins Büchergestell. Abteilung Erziehung. «100 Fragen: Babyschlaf», heisst das schmale Buch mit dem lebensschweren Inhalt. «Das Baby meiner Nachbarin schläft 16 Stunden täglich, mein Sohn (3 Monate) nur 13 Stunden. Ist das denn normal?», fragt eine Mutter. «Woran merke ich, dass mein Baby müde ist?», eine andere. «Ab welchem Alter sollte man mit dem Kind ein Bettzeitritual durchführen?», eine dritte. Und eine vierte Mutter schreibt: «Unser Kind ist jetzt 15 Monate alt und hat grosse Einschlafprobleme. Sobald wir versuchen, das Zimmer zu verlassen, brüllt es aus Leibeskräften. Was um Himmels willen können wir nur tun?»

Tonnenweise Ratschläge

Ja, was tun? Was ist normal? Das fragen sich alle Eltern, nicht nur wenn es ums Einschlafen geht. Sie suchen Rat und bekommen ihn auch – tonnenweise. Reihenweise auch unerbeten. Erziehung ist zwar eine private Angelegenheit, aber ein öffentliches Thema, zu dem jeder seine Meinung kundtut.

Wie sehen das die Buchautoren Peter Schneider und Andrea Schafroth? Bevor wir sie vorstellen, lassen wir sie selber zu Wort kommen:

Peter Schneider: «Dies ist ein Buch über Erziehung. Obwohl unser Buch vor allem eine Kritik der pädagogischen Aufrüstung und der damit verbundenen Hypes beabsichtigt, ist es kein Antierziehungsbuch, das bisherige mutige, überfällige, unbequeme Thesen und Einsichten durch noch mutigere, noch überfälligere und unbequemere zu übertreffen versucht.» Andrea Schafroth: «Dies ist auch ein Buch über den Alltag mit Kindern. Von der Familienplanung über die schlaflosen Nächte und schreienden Babys bis zum Erziehungsstil. Eltern werden heute nicht nur von ihrem schreienden Nachwuchs auf Trab gehalten, sondern dazu noch von allerlei Anforderungen und Forderungen, von Fragen über Fragen und tausend Antworten darauf.»

Qualifiziert sind beide durch ihre eigene Elternrolle. Der Psychoanalytiker Peter Schneider hat einen erwachsenen Sohn; er nimmt im «Tages-Anzeiger» regelmässig – und auf eine oft unnachahmlich ironische Weise – zu Leserlebensfragen Stellung. Andrea Schafroth ist Journalistin, sie lebt mit ihrem Partner und drei Kindern im Alter von drei, sieben und dreizehn Jahren in Zürich.

Die Marotten der Zeit

In ihrem Buch «Wider den Erziehungswahn» mit dem Titel «Cool down» führen sie einen munteren Dialog übers Kinderhaben und Kinderkriegen, über Disziplin und Chaos, über Macht und Ohnmacht, über Natur und Gesellschaft. Andrea Schafroth ist eher die praktisch-verzweifelte Mutter, Peter Schneider der gelassene Vater, der das Gröbste hinter sich hat. Und sich, als geübter Beobachter der Gesellschaft, so seine Gedanken macht über unsere Zeit und ihre Marotten. Doch hören wir ihnen dabei zu:

Schafroth: Welche Eltern sind gute Eltern? Schneider: Eltern, die nicht verbohrt sind. Schafroth:Ist diese Qualität messbar? Schneider: Nein, aber Kinder können sie trotzdem spüren. Schafroth:Und ist sie erlernbar? Schneider: Ja. Schafroth: Aber wie? Helfen vielleicht doch Erziehungskurse und Bücher? Schneider: Noch besser sind echte Kinder. Schafroth: Was halten Sie von obligatorischen Elternkursen? Was von Elterndiplomen, die man in Elternschulen erlangen kann? Schneider: Kreisch! Und nochmal kreisch! Kreisch!

Peter Schneider meint nicht, dass man aus dem Bauch heraus Vater oder Mutter sein sollte. Nur gehört zur Erziehung vieles, was sich nur begrenzt lernen und gewiss nicht schematisieren lässt nach dem Motto: Tut dein Kind dies, dann reagiere so.

Weniger Kopfzerbrechen

Es braucht mehr. Viel mehr. Schneider zählt auf: «Geduld, Nerven, Liebe, Gelassenheit, Einmischung, Gewährenlassen, Rumschnauzen, Konsequenz ebenso wie Inkonsequenz, Zuhören, Diskussionen und Befehle, und zwar in einer schlecht zu bestimmenden Mischung.»

Schon den absolut risikofreien und damit perfekten Zeitpunkt fürs Kinderkriegen gibt es nicht. Zuerst Kinder, dann Karriere? Oder warten, bis die berufliche Verwirklichung schon fortgeschritten ist? «Es gibt nichts, gegen das nicht auch gute Gründe sprächen», sagt Peter Schneider, wenig hilfreich. «Ein bisschen weniger Kopfzerbrechen über den richtigen Zeitpunkt wäre erstrebenswert», meint Andrea Schafroth zu diesem Punkt – bevor ihr dann doch wieder Zweifel kommen. Soll man nachhelfen, wenn die Natur dann doch nicht will? Und wenn man dann doch, glücklich oder unglücklich, schwanger geworden ist: Wovor muss man sich dann fürchten, wogegen wappnen?

Die Falle heutiger Erziehung tut sich auf. Nie hat man so viel gewusst über das, was dem Kind guttut, und nie sind Eltern so verkrampft gewesen. Und haben sich so unter Druck gefühlt. Doch Nichtwissen ist auch keine Lösung. Oft befällt sie auch die Panik, sie könnten etwas verpassen. In der Erziehung, erklärt Peter Schneider einmal, würden die Kämpfe der modernen Gesellschaft ausgetragen. Sie scheine «in dem Masse umso mehr Gewicht zu bekommen, als deutlich wird, wie wenig sie angesichts anderer Kräfte ausrichten kann». Je verlockender die Marktwirtschaft die Schoggi an der Kasse auf Kinderaugenhöhe präsentiert, umso lauter werde das Lob einer Erziehung zum Verzicht gesungen. Und: «Fängt der Bonuswahn nicht schon beim zu grosszügigen Taschengeld an?»

Gesellschaft spricht mit

Noch einen Aspekt unserer Gesellschaft bringt Schneider ins Gespräch. Das Phänomen, dass es in unserer so auf Freiheit und Eigenständigkeit pochenden und weitgehend enttabuisierten Zeit Bereiche gibt, in denen wir mit Ratschlägen bis hin zu Drohungen nahezu überflutet werden. Erziehung ist so ein Bereich, die Gesundheit ein zweiter, die Ernährung ein dritter.

Schneider glaubt, dass sich jene Schuldgefühle, die man lange mit Sexualität verbunden hat, verschoben haben. «Nicht vor allem die sexuelle Lebensführung ist ein Quell der Schuld, sondern die Sünden gegen die richtige Ernährung, gegen das Gebot, Sport zu treiben, und gegen die Verpflichtung zur psychischen Ausgeglichenheit.» Und in der Schwangerschaft stossen Gesundheits- und Erziehungsdebatte aufeinander.

Mein Sohn kifft

Was aber tun? «Man muss experimentieren», sagt Peter Schneider. «Erziehen ist ein fortwährendes Experiment – mit ziemlich vielen unkontrollierbaren Variablen.» Und dann erörtern Peter Schneider und Andrea Schafroth noch ein paar praktische Fragen:

Schafroth: Ich habe meinen fünfzehnjährigen Sohn beim Kiffen erwischt und erfahren, dass es nicht sein erstes Mal war. Was tun? Schneider: Ich persönlich halte es für sinnvoll, einem Fünfzehnjährigen mit ziemlich deutlichen Worten das Kiffen zu verbieten. Aber ich würde auch bedenken, dass meine Macht, ein solches Verbot durchzusetzen, begrenzt ist. Schafroth: Meine elfjährige Tochter will sich die Haare mit Henna färben, soll ich ihr das erlauben? Schneider: Ja. Schafroth: Meine Kinder (8 und 6) mögen kein Gemüse. Soll ich sie zum Essen zwingen? Schneider:Nein.

«Cool down. Wider den Erziehungswahn», Andrea Schafroth und Peter Schneider, Zytglogge, 36 Franken

Berner Zeitung

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