Ein Schlaraffenland für Leser

Smartphones, die kleinen Kästchen mit den leuchtenden Bildschirmen, halten die Menschen nicht vom Lesen ab – im Gegenteil.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Über zwei Stunden verbringe ich täglich im Zug – lesend. Ich lese Tageszeitungen, Magazine, Newsportale, Blogs und gelegentlich auch ein Buch. Ich lese mehr denn je und alles auf dem Bildschirm eines Smartphones oder Tablets.

Gleichzeitig beklagen Professoren in Südkorea, die Menschen würden wegen der Dauerablenkung durch die Minibildschirme wieder zu Analphabeten.

Whatsapp? E-Mails?

Der Zug ist ein grossartiges Laboratorium, um solche Thesen zu überprüfen und Menschen im Umgang mit Medien und Geräten zu beobachten. Ich musste vor dem Absitzen schon lange kein «20 Minuten» oder keinen «Blick am Abend» mehr zur Seite räumen. Ich weiss nicht mehr, wie lange es her ist, seit ich mich das letzte Mal über jemanden geärgert habe, der im Zug telefonierte. Immer mehr Mitreisende schauen während der Fahrt nur noch still durch das kleine Fenster in die digitale Welt statt aus dem Fenster in die reale. Doch was machen sie damit?

Viele tippen. Whatsapp? E-Mails? Ein Spiel? Manche halten ihr Telefon oder Tablet quer. Ein Film vielleicht? Die meiste Zeit aber schauen die Mitreisenden konzentriert ins Gerät hinein. Wenn man heimlich hinüberschielt sieht man: Sie lesen.

Dank den grossen Bildschirmen ist das Smartphone für viele ein ideales Lesegerät geworden. Man kommt im Zug seinem Nachbar nicht ins Gehege. Abends im Bett kann man dank dem dimmbaren Bildschirm diskret weiterlesen, ohne jemanden zu wecken. Fallen einem die Augen zu, weiss das Buch am nächsten Morgen noch genau, wo man war.

Beschränkt aufs Kleine

Das Beste ist aber die fast grenzenlose Auswahl an Lesestoff. Man hat den Zeitungskiosk und die Buchhandlung immer dabei. Über soziale Medien teilen Freunde, Arbeitskollegen und kluge Köpfe Leseempfehlungen. Dank Offline-Lese-Apps wie Pocket kann man sich seine eigenen Leselisten und Archive zusammenstellen. Ist ein Artikel zu lang für eine Tramfahrt, kann man ihn dort zwischenlagern.

Wer nicht gerne am Computer liest, kann sich Artikel per Knopfdruck optisch entschlackt aufs Smartphone schicken. Wie der Wechselwähler in der Politik, stellt man sich als Wechselleser täglich seine Lektüre aus allen möglichen Quellen zusammen. Ein Schlaraffenland für Leser.

Guter Lesestoff

Aber nicht alles ist besser am digitalen Lesen. Manche vermissen das Haptische, das Papier. Ein anderes Problem: Auf den kleinen Bildschirmen verliert man schnell den Blick fürs grosse Ganze und sich selbst in den Buchstaben. Wie durch ein Periskop erkennt man nur einen kleinen Ausschnitt. Auf sozialen Medien und Newsportalen sieht man erst nach dem Klicken, ob man einen Leitartikel oder eine Kurzmeldung erwischt hat. Manchmal merkt man erst nach mehreren Absätzen, dass man sich schon mitten in einer grossen Reportage befindet. Hier gibt es Verbesserungspotenzial.

Trotzdem: Wer die Vorzüge des digitalen Lesens entdeckt hat, macht sich keine Sorgen, dass Kleincomputer die Lesefähigkeit ruinieren. Menschen lassen sich nun einmal leicht ablenken – nicht nur auf dem Smartphone und nicht nur in Korea. Es liegt deshalb an Autoren, Journalisten, Schriftstellern und Bloggern, dafür zu sorgen, dass der gute Lesestoff nicht ausgeht. Denn solange es Lesenswertes gibt, werden sich die Menschen nicht zu Analphabeten zurückentwickeln.

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