Die saisonale Grossfamilie auf dem Eichhof

Auf dem Eichhof in Spins bei Aarberg wachsen nicht nur Beeren und Gemüse. Die Familie Brunner kümmert sich auch um das Gedeihen sozial schwacher Menschen. «Sprungbrett, nicht Abstellgleis» für junge Frauen und Männer, die bisher wenig Glück hatten im Leben.

  • loading indicator

Bis zum Chasseral sehe man bei schönem Wetter, sagt Stefan Brunner und zieht sich den Regenhut tiefer ins Gesicht. Auf einem Arm trägt der 28-jährige Landwirt den jüngsten seiner drei Söhne, Elias, er ist ein Jahr alt. Mit der anderen Hand zeigt Brunner über seine Felder, auf denen Kartoffeln, Pastinaken, Karotten wachsen. Ein Stück weiter oben auf dem Land im Aarberger Weiler Spins sind die Netze sichtbar, die sich über die Haupteinnahmequelle der Familie Brunner spannen: Heidelbeeren. Gegen fünf Tonnen produziert der Biohof pro Jahr.

Doch auf dem Eichhof wachsen nicht nur Beeren und Gemüse. Stefan Brunner und seine Frau Lorena kümmern sich auch um das Gedeihen sozial benachteiligter Menschen. So wird die Familie immer grösser – derzeit sitzen täglich 25 bis 30 Personen am Mittagstisch. Nebst dem Ehepaar Brunner und seinen drei Kindern sind das die Pflegetochter Loona und Dominik*, der via Kriseninterventionsprogramm dazugestossen ist. Auch zwei Rudolf-Steiner-Schülerinnen aus Deutschland und zwei Auszubildende gehören zur Runde. Hinzu kommen polnische und rumänische Gastarbeiter. Eine grosse Sippe im kleinen Spins, «sie alle gehören zur Familie», sagt Brunner.

Vom Klassentubel zum

Clanführer

Er sei auf dem Eichhof in einer heilen Welt aufgewachsen, erzählt Stefan Brunner. Mit dem Eintritt in die Grundschule in Aarberg ging diese in die Brüche. «Ich war der Klassentubel», er sei einfach anders gewesen, täglich sei er gehänselt und ausgeschlossen worden, über Jahre hinweg. Erst im Militär wurde es besser, so richtig gut dann nach der Hochzeit mit Lorena.

2010 übernahmen die beiden den Eichhof, der seither wächst und wächst, zu einer Art geschützten Werkstatt, einem Felsen im wilden, unberechenbaren Meer des Lebens. Menschen, die in der Strömung abgedriftet sind, finden hier einen Platz. «Ich will ein Sprungbrett sein, kein Abstellgleis», sagt Brunner, der seine Aufgabe mehr als ernst nimmt und lieber landwirtschaftliche Aufgaben abgibt als die Betreuung seiner «Kinder». Schliesslich habe er selber erfahren, was es heisst, sich in der Welt «da draussen» nicht zurechtzufinden.

Vom überfüllten Haus zur

ruhigen Liebeshöhle

Seit eineinhalb Jahren wohnt Dominik bei Brunners. Er wurde vom Kriseninterventionsprogramm Projekt Alp vermittelt. Der 22-Jährige hat psychische Probleme. «Bei uns lernt er, selbstständig zu funktionieren.» Brunner geht davon aus, dass Dominik in rund einem halben Jahr eine eigene Wohnung beziehen kann. Auch Pflegetochter Loona kam via Projekt Alp nach Spins, weil sie in ihrer früheren Pflegefamilie nicht mehr klarkam. Die 13-Jährige mit der blonden Mähne und der Zahnspange ist erst seit drei Monaten bei Brunners – fühlt sich in ihrer neuen Familie aber schon ganz daheim. Es gebe schon Konflikte, die über Oberflächliches wie Ordnung oder Pünktlichkeit hinausgingen, sagen Loona und Pflegemutter Lorena Brunner. «Da geht es vor allem um Eifersucht, um Themen aus der Vergangenheit.»

Einmal pro Woche findet mit Loona und Dominik je ein Betreuungsgespräch statt, an dem auch ein Sozialpädagoge des Projekts Alp teilnimmt. Für die Betreuung der beiden sowie für Kost und Logis erhalten Brunners eine monatliche Entschädigung von 2500 Franken pro Person. Einen speziellen Fähigkeitsausweis benötigten sie nicht; «zum Glück», sagt Stefan Brunner, «geht es für einmal nicht um Papiere, sondern um gesunden Menschenverstand». Jedoch ist eine Bewilligung nötig – der Betreuungsarbeit von Brunners liegen umfangreiche Abklärungen von Kanton und Gemeinde zugrunde. Zudem absolviert Brunner regelmässig Kurse beim Projekt Alp. Nebst den Betreuten machen regelmässig Steiner-Schüler ein Monatspraktikum bei der Bauernfamilie, oder Landdienstler greifen Brunners unter die Arme. Im Sommerhalbjahr ist hier Full House. Im Winter gibt es dafür sogar mal Tage, wo das Paar das Haus für sich allein geniessen kann.

Vom Vertrauen, alles einfach werden zu lassen

Dieser Lebensentwurf ist für Brunners der einzig vorstellbare, braucht aber auch viel Energie. Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie die Kraft dafür aus ihrem christlichen Glauben schöpfen. Und dann braucht es klare Regeln: «Je mehr Leute, desto grösser das Konfliktpotenzial», sagt Lorena Brunner. Klare Essens- und Bettzeiten oder ein Ämtliplan liefern den nötigen Rahmen.

Im Dezember erwartet das Paar sein viertes Kind. Geplant war es nicht. «Wir lassen lieber einfach werden, statt immer zu planen», sagt Stefan Brunner. Dann komme schon alles so, wie es müsse. Das sehe er absolut klar. So klar wie den Chasseral bei schönem Wetter. Mehr Infos unter www.brunnereichhof.ch und www.projektalp.ch.*Name geändert

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...