Die beste Kuh im Dorf

In diesen Tagen findet fast täglich in einem Schweizer Dorf eine Viehschau statt. Was aber macht eine Kuh zur Spitzenkuh? Nicht ihre Augen, ihr Fell, ihre Gutmütigkeit. Sondern was sie leistet.

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Sarah Rüegger@tagesanzeiger

Es ist 15 Uhr, wieder regnet es, als der Experte der Kuh Primella den Lederriemen mit der gravierten Schelle umlegt. Sie ist die Tagessiegerin, die Miss Schwellbrunn. Das Tier steht ungerührt im provisorisch abgehagten Rund auf feuchtem Stroh. Über sieben Stunden stand sie heute in Wind und Dauerregen. Bald geht es in den Stall. Die Miss gehört gefüttert und gemolken.

Walter Raschle sagt nur, was nötig ist. Ist er unsicher, holt sich der Milchbauer und Schwellbrunner Gemeinderat die betreffenden Unterlagen. Zum zweiten Mal hat seine Braunviehkuh Primella den Titel der Miss Schwellbrunn errungen, ein wertvolles Tier, wie er sagt. «Primella ist vielleicht nirgends an der Spitze, doch ihre Merkmale sind ausbalanciert.» Raschle rangiert selber Kühe, sechs- bis achtmal pro Jahr, er ist ein Experte an den Viehschauen. Also muss er wissen, was eine Topkuh ausmacht. An der Viehschau zählen nicht grosse Augen oder eine schöne Fellfarbe. An der Viehschau zählt die Leistungsfähigkeit.

Über hundert Viehschauen in der Schweiz

An diesem Montag, dem Tag von Primellas Triumph, ist der Himmel über Schwellbrunn mit allen Nuancen von Grau verhangen, Wolkenfetzen kleben auf den milden Hügeln. Kurz vor 8.30 Uhr morgens legt der Bus Nummer 171 bei der Turnhalle überraschend den Rückwärtsgang ein – Senioren mit Wanderstöcken und Familien in Faserpelzen müssen frühzeitig aussteigen. Denn die Strasse gehört bereits den Kühen.

Mitte September bis Mitte Oktober dauert die Hochsaison der Viehschauen im ganzen Land. 19 sind es allein in den beiden Appenzell, schweizweit sind es wohl über hundert, zentral erfasst sind sie nicht. Im Appenzellerland setzen die Züchter besonders auf das robuste Braunvieh. Neben Red Holstein und Simmental ist Braunvieh die populärste Kuhrasse der Schweiz. Es wird unterschieden in Original Braunvieh und Brown Swiss. Letzteres ist ursprünglich nach Amerika exportiertes Schweizer Braunvieh, welches dort im 18. und im 19. Jahrhundert zu höherer Milchleistung gezüchtet wurde. Ab den 1960er-Jahren begann man, das in die Schweiz zurückexportierte Brown Swiss wieder in den hiesigen Braunviehbestand anzupaaren. Auch Primella ist eine Brown Swiss.

Die ideale Milchkuh

Das Braunvieh sei lange produktiv, sagt Willy Schmid, schon das sei ein Vorteil. Er ist beim Verband Braunvieh Schweiz für die Tierbeurteilung zuständig. «Mittlerweile gehören immer mehr dieser Kühe in den sogenannten Einhunderttausender-Club», sagt Schmid. Was er meint: Diese Kühe haben in ihrem Leben mehr als 100'000 Kilogramm Milch produziert. Und diese Milch ist gut, sehr gut sogar. Sie enthält besonders viel des Protein-Typs Kappa Casein BB. Der wiederum beeinflusst die Ausbeute in der Käseproduktion. Denn er sorgt dafür, dass mit dieser Milch acht bis zehn Prozent mehr Käse gewonnen werden kann. Braunvieh ist also ideales Milchvieh.

Mehr noch: Diese Tiere lassen sich dank ihrer feinen, gelenkigen Beine gut im Gebirge halten, etwa wenn das Vieh den Sommer auf der Alp verbringt. Auch Primella war als Jungtier zweimal auf der Alp. Dann wurde es Zeit für die Kuh, zu rentieren. Bis zum ersten Kalb hat Primella nur gekostet, schätzt Willy Schmid, etwa 100 Franken im Monat. Kalbt eine Kuh mit zweieinhalb Jahren, kommt man auf Aufzuchtkosten von mindestens 2500 Franken.

Volksfest und Treffpunkt

Auf der Hauptstrasse von Schwellbrunn riecht es nach Käse und Zwiebeln. Die Zuschauer säumen den Strassenrand, dazwischen hat es Marktstände. Braune Flecken auf dem Asphalt zeigen: Die ersten Bauern sind schon durchs Dorf gezogen. Die Viehschau ist ein Höhepunkt des Jahres, das Dorf hat sich herausgeputzt. Hier gibt es gebrannte Mandeln, dort Wähe vom Beck, Sennenhemden und einen Kebabstand. Die Viehschau vereint Brauchtum, Volksfest und einen Treffpunkt für die Branche. Viele Hände werden geschüttelt. Man kennt sich.

Zwar findet auf einer Viehschau kein offizieller Handel statt. Trotzdem sei der Anlass eine Begegnung und biete die Gelegenheit zum Netzwerken, sagt Walter Raschle. Willy Schmid gibt ihm recht: Diese Schauen seien ideal, um sich für spätere Geschäfte früh zu orientieren. Man sehe die Kühe geputzt und gepflegt nacheinander, der Kontakt zum Züchter sei schnell hergestellt. Zum Geschäften treffe man sich ein paar Tage später im Stall. Gerade wer seine Zucht gezielt mit einer Topkuh optimieren wolle, suche sie eher über die Viehschau oder privat, sagt Willy Schmid. Verkauft werden fast ausschliesslich trächtige oder junge Tiere nach dem ersten bis dritten Kalb.

Winken vom Strassenrand

Die Auffuhr zum Viehschauplatz auf dem Geren ist in vollem Gange. 31 Bauern ziehen mit 648 Tieren durchs Dorf. Viele der Männer tragen die Appenzeller Sennentracht: weisse Hemden und scharlachrote Gilets, dazu gelbe Hosen für die Sennen und braune für die Bauern. Sie tragen flache Hüte mit breitem Rand, am rechten Ohr baumeln kleine, goldene Kellen. Die Frauen und die Mädchen tragen Werktagstracht. Sie winken und nicken Verwandten und Bekannten zu am Strassenrand. Die rangelnden Tiere halten sie mit Stöcken im Zaum. Die Dungspur am Boden wird breiter.

Der Verband Braunvieh Schweiz hat ein Zuchtziel bis ins Jahr 2016 erlassen, das grob die erwünschten Fortschritte erläutert. Primella ist jetzt vier Jahre und acht Monate alt und entspricht diesem Zuchtziel zurzeit ideal. Sie ist in der dritten Laktationsphase – das heisst, sie hat zum dritten Mal gekalbt – und produziert nach jedem Kalb mehr Milch als zuvor. Momentan sind das 38 Kilogramm am Tag. Ein sehr guter Wert, sagt Walter Raschle. Um so eine Kuh zu züchten, muss das Erbgut stimmen. Bereits Primellas Mutter Jamelie ist ein leistungsstarkes Tier: Sie gibt gute Milch und sorgt noch immer für Nachwuchs. Neunmal hat sie bereits gekalbt. An der Viehschau tritt Jamelie noch immer an – in der Kategorie der alten Kühe.

Edel-Sperma aus dem Katalog

Auch Primellas Vater ist gezielt ausgewählt. Das gefrorene Sperma des geprüften Zuchtstiers Picard stammte aus dem Katalog von Swissgenetics. Laut Willy Schmid sind heute 85 bis 90 Prozent der Besamungen künstlich. Nur vereinzelt hielten Betriebe – vor allem jene mit Original Braunvieh – noch einen Muni im Stall. Dieser kommt vor allem zum Einsatz, wenn eine Kuh schlecht auf die künstliche Besamung reagiert. Doch die Nachfrage nach Stieren sinkt. Am grössten Stierenmarkt der Schweiz in Zug wurden von etwa 200 Tieren nur 50 bis 60 verkauft, sagt Willy Schmid. Die besten und vielfältigsten Gene kommen aus dem Tiefkühlschrank.

Gute Gene, gutes Futter, darauf setzt Walter Raschle bei der Zucht. Was eine gute Milchkuh ausmacht, ist nicht nur eine Sache von Milchqualität und Nachwuchs. Die äusseren Merkmale, im Fachjargon Exterieur genannt, spielen eine ebenso grosse Rolle, mindestens. Die Tiere werden an einer Viehschau mit ein paar Blicken eingestuft und bewertet. Flanken, Rücken, Becken, Beine, Euter – ein einziger Makel kann über Erfolg und Niederlage an der Viehschau entscheiden. Ist der Knochenbau geeignet für ein problemloses Kalben? Ist das Euter straff und hoch gehängt, damit es nicht stört, zu früh ausleiert oder wund wird? Sind die Zitzen richtig gestellt für die Melkmaschine?

Eine Minute pro Kuh

Mittlerweile sind alle Bauern auf dem Schauplatz in Schwellbrunn angekommen, die Kühe sind nach Kategorien an den aus Baumstämmen konstruierten Geländern aufgereiht. Die Kategorien hängen vor allem mit dem Alter und der Laktationsphase zusammen. Wie ein Teppich liegt das konstante Muhen über dem Schauplatz. Ein Experte steht mit zusammengezogenen Augenbrauen hinter einer Jungkuh. Er geht leicht in die Knie, beugt den Oberkörper näher zum Hinterteil und hebt den Schwanz kurz hoch, um das Euter freizulegen. Ein schneller Blick, dann lässt er den Schwanz wieder fallen. Wortlos tippt er den Schenkel des Tieres mit seinem hölzernen Gehstock an und deutet damit an jene Stelle in der Luft, die am nächsten zum linken Gehkorridor liegt. Dahin. Aus der Tasche des ausgebleichten Übermantels zieht er einen dicken Stift. Mit blauer Farbe malt er einen grossen Buchstaben auf die linke Hüfte des Tieres. Ein grosses «A» – ein gutes Zeichen. Die Kuh wird später mit anderen «A»-Kühen im Ring stehen und direkt vom zuständigen Experten in seiner Kategorie rangiert und kommentiert werden.

Für die Bewertung pro Tier hat ein Schauexperte kaum mehr als eine Minute Zeit, pro Tag sind es gegen hundert Tiere. Also müsse ein Experte belastbar sein, sagt Walter Raschle. Zumal man für seine Entscheide gelegentlich auch Kritik von ehrgeizigen Züchtern einstecken müsse. Schon deshalb müsse ein Experte auch als Züchter Erfahrung haben. Die Ausbildung zum Experten erfolgt über einen Grundkurs, organisiert von Braunvieh Schweiz. Hat ein Kanton Bedarf nach einem Experten, bewirbt sich ein Aspirant beim Kanton. Zwingend ist ein jährlicher Wiederholungskurs, an welchem über die neuen, internationalen Richtlinien aufgeklärt und das Rangieren geübt wird.

Auch die Experten werden bewertet

Denn auch der Experte erhält von den Organisatoren der Viehschau eine Bewertung. Diese geht dann an die Expertenkommission. Gibt es mehrere Beanstandungen, wird der Experte gerügt und im Wiederholungsfall des Amtes enthoben. Ein Lohn ist laut Willy Schmid nicht festgelegt, jedoch verdiene ein Experte grob geschätzt 200 Franken für einen Tag.

In Schwellbrunn ist die Viehschau vorbei, die Miss Schwellbrunn, die Junior-Miss und viele andere sind gekürt, der Kreis von Menschen auf dem Stroh löst sich auf und zieht durch das aus Baumstämmen aufgerichtete Tor Richtung Dorf. Auf einem Holzschild über dem Tor prangt der Abschiedsgruss: «Ehre kannst du dir nicht borgen, dafür muss man schon selber sorgen.» Die Geehrten kehren in den Stall zurück.


Weitere Viehschauen und Ausstellungen:
www.braunvieh.ch
www.holstein.ch
www.swissherdbook.ch

Tages-Anzeiger

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