Die abfallfreie Welt des Stoff essenden Chemikers

Der Paradiesvogel Michael Braungart predigt eine zweite industrielle Revolution. Seine Botschaft von einer Welt ohne Abfall untermalt der Umweltchemiker mit eingängigen Bildern und auch mal erfundenen Argumenten.

Bis auf zwei sind alle der 128 Teile  wiederverwertbar oder biologisch abbaubar:  Der zerlegbare Stuhl der 656er-Linie der Koblenzer Firma Giroflex erfüllt die Voraussetzungen für eine Zertifizierung im Sinne von Michael Braungarts Konzept 
«Cradle-to-Cradle».

Bis auf zwei sind alle der 128 Teile wiederverwertbar oder biologisch abbaubar: Der zerlegbare Stuhl der 656er-Linie der Koblenzer Firma Giroflex erfüllt die Voraussetzungen für eine Zertifizierung im Sinne von Michael Braungarts Konzept «Cradle-to-Cradle». Bild: zvg

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Seine ersten Worte nuschelt er ins Mikrofon. Der Wuschelkopf mit John-Lennon-Brille in unauffällig braunem Anzug wirkt zwar gewitzt, aber wegen des leichten Lispelns nicht besonders überzeugend. Mit beiläufigem Understatement mogelt sich der deutsche Umweltchemiker Michael Braungart trotzdem ins Ohr seiner Zuhörerinnen und Zuhörer an dieser Tagung in Zürich. Launig schweift er ab, platziert Pointen, entwickelt einen Sog mit unkonventionellen Gedankengängen. Auf komplexe Fragen findet er verblüffend einfache Antworten.

Ein Wanderprediger

Da ist unbestritten ein Könner am Werk, ein Wanderprediger mit einer Botschaft. Er schwadroniert über Frauen und deren Muttermilch voller Schadstoffe, schweift ab zum Irrsinn von vollgesogenen Babywindeln – um dann unvermittelt bei riesigen Containerschiffen zu landen: In neuen Schiffen der dänischen Maersk Line, der grössten Reederei der Welt, seien schon heute deren Nachfolger angelegt: Damit aus dem alten ein neues Schiff gebaut werden kann, trägt jedes Bauteil eine Nummer. So findet es den Weg in den nächsten Lebenszyklus. «Cradle-to-Cradle» heisst Braungarts Credo – von der Wiege zur Wiege statt zur Bahre.

Das Konzept dazu hat er gemeinsam mit dem amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt. Was in der Natur längst funktioniert, müsse auch der Mensch endlich lernen: Entweder ist ein Produkt umweltneutral abbaubar, oder aber seine Bestandteile können wiederverwendet werden.

Die ETH Zürich, also immerhin der Elfenbeinturm der Schweiz, überlässt einem wie Braungart das Auftaktreferat an einem gut besuchten Forum zum Thema Wohnen. Braungart kann also kein blosser Aufschneider und Scharlatan sein. Der Chemiker und Professor ist aber ein ehemaliger Greenpeace-Aktivist. Das gibt man ihm schon eher. 1986 bestieg er im Overall in Basel einen Ciba-Geigy-Kamin – aus Protest gegen die umweltverschmutzende, uneinsichtige Wirtschaft mit ihrer Wachstumsneurose. Heute ist er ein geläuterter Überzeugungstäter, dem Fanatismus der Jugend entwachsen.

Wachstum ist möglich

Dieser Braungart verkündet nun im Kongresshaus in Zürich die Heilstheorie für genau jene Klientel, die er früher so effektvoll kritisierte. Er ruft der Wirtschaft zu, die stets nach mehr und besser streben muss: Umweltfreundliches Wachstum ist möglich. Im Kreislauf liegt die Erlösung. Abfall muss nicht sein. Qualität und Effektivität winken als Ausweg aus der Effizienzfalle. Denn Effizienz führe letztlich doch nur in die Sackgasse. Etwas weniger schädlich bleibe eben schädlich: «Doch nicht weniger schädlich muss das Ziel sein. Wir können nützlich sein», doziert Braungart. Sein Fazit: Unsere Wirtschaft hat ein Qualitätsproblem.

Ein Beispiel? Darum ist er nicht verlegen. Plastikteile versammeln sich im Pazifik zu einem riesigen Teppich. Fische fressen die Teile und sterben daran. «Das ist ein Qualitätsproblem. Das ist einfach schlechte Chemie», schliesst er daraus.

Lassen sich nüchtern kalkulierende Unternehmer auf so einen Paradiesvogel ein? Tatsächlich. Weltweit sind rund 600 Produkte «C2C»-zertifiziert, darunter solche des holländischen Teppichfabrikanten Desso oder ein Leuchtmarker von Stabilo.

Schweizer Firma springt auf

In der Schweiz sind Beispiele zwar noch rar. Aber einer, der zur «Cradle-to-Cradle»-Community gehört, ist Tobias Gerfin, CEO des Bürostuhlherstellers Giroflex. Was verspricht sich die traditionsreiche Firma im aargauischen Koblenz davon, auf deren Stühlen wohl jede und jeder in der Schweiz schon irgendwo Platz genommen hat? Wie kommt Giroflex überhaupt dazu?

«Michael Braungart war 2009 im Schweizer Fernsehen bei Aeschbacher zu Gast», erzählt Gerfin. «Er ass vor laufender Kamera den Stoffbezug eines amerikanischen Bürostuhls.» Telegen war das. Das fuchste Giroflex. Eigentlich müsste dort ein Schweizer Stuhl von Giroflex stehen, war man auf der Chefetage überzeugt.

So knüpfte der damalige Produktionsleiter den Kontakt zu Braungart und seiner Beratungsagentur Epea, abgekürzt für Environmental Protection Encouragement Agency. Braungart gründete dieses mittlerweile internationale Institut für Umweltforschung 1987 in Hamburg. 2010 stiess Gerfin zu Giroflex, und das Projekt nahm Fahrt auf. Mittlerweile ist Gerfin hie und da der Redner nach Braungart auf dessen Vortragsreisen.

Zerlegbarer Stuhl von Giroflex

Giroflex hat ihre 656er-Linie zertifizieren lassen, und seit kurzem gehört auch die neue Linie 32/33 zur «C2C»-Familie. «Die Zertifizierung ist aufwendig», erläutert Gerfin. A und O sei die Zerlegbarkeit des Stuhls, darauf baute Giroflex schon in den 1980er-Jahren. Aufwendig ist der Prozess darum, weil auch die Zulieferer einbezogen werden müssen. Bis auf die geschäumten Polster seien sämtliche 128 Teile der 656-Linie wiederverwendbar oder biologisch abbaubar. Das funktioniere aber nur, weil sie aus hochwertigem Material hergestellt würden. «Den verwendeten Plastik können wir bis zu zehnmal schreddern und für die gleichen Teile wiederverwenden», sagt Gerfin. Der Sitzstoff des Schweizer Tuchherstellers Gessner verrotte ohne schädliche Rückstände.

Auch das beste Produkt hat aber seine Achillesferse, das ist beim 656er nicht anders: Für die zentrale hydraulische Säule existierten kaum Alternativen auf dem Markt. Der Hersteller nehme sie aber immerhin zurück, wenn der Stuhl ausgewechselt werde.

Wenn der Zulieferer nicht gerade das Monopol innehabe, optimiere die Zertifizierung auch die Produktion, sagt Gerfin. Der Dialog zwischen dem Mutterhaus und zuliefernden Betrieben werde befruchtet. Innerhalb der «C2C»-Community gingen die Diskussionen über das reine Verbessern eines Produkts hinaus: «Wenn dereinst die Kreisläufe geschlossen sind, darf dann die Lebensdauer einer Ware kürzer werden?», sei zum Beispiel eine der erörterten Fragen. Das wiederum würde mehr Absatz bringen, ohne der Umwelt damit zu schaden. Das tönt nach handfesten Unternehmerinteressen.

Erfundene Schmetterlinge?

Braungart spintisiert derweil am ETH-Forum in Zürich von einem fabelhaften Gebäude in Barcelona: «Umgesetzt, was nützlich ist. Ein Gebäude wie ein Baum. Dieses Gebäude auf der rechten Seite der Projektion zum Beispiel erzeugt Schmetterlinge.»

Gibt es dieses Haus überhaupt? Die Geschäftsstelle von Epea in Hamburg weiss auch nichts Genaueres. Auf Nachfrage lässt sie bloss ausrichten: «Michael Braungart ist ein Visionär und inspiriert die Menschen, oft auch mit ungewöhnlichen Ideen.» Nach etlichen Recherchen stellt sich heraus, dass die Idee von Architekt McDonugh stammt, Braungarts Freund. Aber gebaut wird das Haus aus Geldmangel nicht.

Neoliberaler Entertainer?

Auf einschlägigen Blogs sind da und dort kritische Beiträge zu Braungart zu hören. Braungart liefere einzig die moralische Entschuldigung für Verschwendung und biete Unternehmen die Methode zum «Greenwashing» ihrer Produkte an. Sie polierten bloss ihr Image auf. Er sei nichts anderes als ein «neoliberaler Entertainer», der den Wachstumsgedanken auch in grünen Kreisen salonfähig mache. Da beschleicht einen das Gefühl, «Cradle-to-Cradle» sei einfach eine gross angelegte Werbekampagne. Gemäss «Hamburger Abendblatt» interessiert sich gar Filmregisseur Steven Spielberg für Braungarts Geschichte. Braungarts Assistent bestätigt dies zwar. Vage ist zu erfahren, dass schon viel gedreht worden sei. Mehr weiss allerdings auch er nicht von diesem Projekt.

Schwarz-weiss kontra grau

Ein Aufschneider, also doch? Gerfin schmunzelt und entgegnet: «Wenn man schwarz-weiss malt, stimmt das, was er sagt. Doch die Realität ist grau.» Die Frage sei, wie stark man sich dem Ideal annähern könne. In Gesprächen habe er Braungart auch schon dargelegt, dass dessen Epea als Non-Profit-Organisation viel radikaler sein könne als ein Unternehmen mit 200 Beschäftigten. So komme jedem seine Rolle zu: Braungart macht das Konzept bekannt, die Unternehmen setzen es um.

Profitiert Giroflex von der Zertifizierung überhaupt? Dem Unternehmen gehe es in erster Linie um Nachhaltigkeit, betont Gerfin, und dort unterstütze die Zertifizierung die ständigen Bestrebungen. Zwar sei das Zertifikat derzeit auch ein «Alleinstellungsmerkmal». Sein kurzer Blick ins Smartphone zeigt aber die Flut an Nachhaltigkeitslabels. Darum, winkt Gerfin ab, wirke «C2C» nur bedingt verkaufsfördernd für die Schweizer «Stuhlmanufaktur». In einer Ausschreibung würden Zertifikate bestenfalls zur Kenntnis genommen.

Anders sieht es natürlich aus, wenn Auftraggeber Qualität à la «C2C» verlangen würden: In der niederländischen Stadt Venlo sind die Prinzipien in öffentlichen Ausschreibungen zwar nicht Voraussetzung, verhelfen aber zu Zusatzpunkten. Und Frankreich hat 2012 die Verpflichtung eingeführt, dass Möbelproduzenten ihre Ware nach Ablauf des Lebenszyklus zurücknehmen müssen. Dafür ist Giroflex schon gewappnet.

christoph.aebischer@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.12.2012, 14:19 Uhr

Prophet Michael Braungart auf einem Berg von Plastik: «Plastikabfall ist ein Qualitätsproblem, das ist einfach schlechte Chemike.» (Bild: zvg)

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