«Die Welt ist kleiner geworden für Diktatoren»

Samstagsgespräch

Reed Brody verfolgt Menschenrechtsverletzungen. Im Interview spricht der «Diktatorenjäger» über die schlimmsten Kriegsherren – und seinen wichtigsten Fall.

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Thomas Widmer@ThomasWidmer1

In Ihrem Büro im New Yorker Empire State Building soll eine Weltkarte mit Minifotos von ein paar Dutzend Diktatoren und Kriegsherren hängen. Stimmt das? Oh ja! Die Karte mit den Fotos ist mittlerweile mein Markenzeichen. Sie stammt von 1998, als General Augusto Pinochet in London verhaftet wurde. Sein Fall erwies sich als absolut zentral für Leute wie mich, die für die Menschenrechte eintreten. Er war ein Wendepunkt.

Warum? Der vormalige Diktator von Chile wurde in England wegen eines spanischen Richters verhaftet, der die Auslieferung verlangte. Da spielte für einmal das Prinzip der länderübergreifenden universellen Jurisdiktion, wonach es abscheuliche Verbrechen gibt, die jedes Land verfolgen darf und bisweilen muss. Ich reiste sofort nach London und ging davon aus, dass ich ein paar Tage bleiben würde. Es wurden viele Monate. Ich war damals noch nicht Vater, das machte es leichter.

Pinochet wehrte sich natürlich. Er focht die Verhaftung an. Doch letztlich war klar, dass er keine Immunität besass und an Spanien ausgeliefert werden könnte. Ich nannte das damals einen «Weckruf für Diktatoren».

Was trugen Sie in London bei? Meine Organisation Human Rights Watch und Amnesty International waren als Parteien zugelassen. Ich instruierte unser Anwaltsteam. Wir stellten rechtliche Nachforschungen an, die vom höchsten Gericht berücksichtigt und zitiert wurden. Die Welt der Menschenrechte schäumte in jenen Monaten über. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, recht zu haben und doch zu verlieren. Aber nun wurden die Antifolterkonvention und anderes plötzlich angewendet. Und im Zentrum stand nicht irgendein Zweitklassgeneral aus Guatemala, sondern Pinochet, der ikonische Diktator.

Und wie hängt das jetzt mit der Karte in Ihrem Büro zusammen? Wir dachten nach der Pinochet-Verhaftung: Wow! Wer kommt als nächster dran? Ich rief unsere Leute auf, mir Fotos von Personen zu senden, die auch angeklagt gehörten. So kamen die Fotos auf die Karte. Und ich kam zu Fällen wie dem von Hissène Habré, Präsident von Tschad in den Achtzigerjahren. Wir stellten fest, dass er mehr Menschenrechtsverbrechen begangen hatte als Pinochet.

Was ist mit Wiktor Janukowitsch, bis eben Präsident der Ukraine? Haben Sie ihn auf die Karte gepinnt? Er müsste drauf. Ich weiss nicht genau, wieweit wir in seinem Fall mit der Dokumentierung sind. Es dürfte sich ohnehin ein hübsches Exil in Russland gesichert haben. Leute wie er flüchten an Orte, wo Strafverfolger kaum an sie rankommen.

Russland eben. Es gibt einige solche Orte. Mengistu Haile Mariam von Äthiopien, an dessen Händen besonders viel Blut klebt, ist in Zimbabwe bei Robert Mugabe untergekommen. Solche Leute gehen nicht mehr nach Frankreich oder in die Schweiz; dort gibt es Leute, die reagieren würden. Es gibt ein Alarmsystem. Die Welt ist kleiner geworden für Diktatoren.

Dank Aktivisten wie Ihnen? Nach dem Pinochet-Prozess hätte ich viel mehr Prozesse mit weltweit berüchtigten Tätern erwartet. Immerhin gibt es heute den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, den ICC. Und lokale Tribunale. Wo grosse Verbrechen geschehen, kommt heute früher oder später die Forderung nach Gerechtigkeit.

Wieso hat sich die Lage geändert? Die Nürnberger Prozesse gegen die Hauptverbrecher des Zweiten Weltkriegs liefen unter der Verheissung «Nie wieder!» Der Kalte Krieg fror diese Hoffnung ein. Erst mit den Verbrechen im zerfallenden Jugoslawien wurde es in den Neunzigern wieder möglich, Gerechtigkeit zu erlangen. Denn der Westen schämte sich, nicht eingegriffen zu haben. Man wollte das schlechte Gewissen beruhigen. So kam es zum Internationalen Straftribunal für Ex-Jugoslawien.

Was ist im laufenden Jahr der wichtigste Fall für Sie? Hissène Habré, der sich vor einem Sondertribunal in Senegal zu verantworten hat für seine Präsidentschaft in den Achtzigern im Tschad. Universalität der Gerechtigkeit heisst, dass sich die Gerechtigkeit auf alle Kontinente ausweiten muss. In Südamerika, Afrika und anderswo müssen wir daran arbeiten.

Auch in Amerika? Es bräuchte eine Untersuchung gegen Ex-Präsident George W. Bush, wegen des Gefangenenlagers Guantánamo und der Geheimgefängnisse im «Krieg gegen den Terror». Wenn das mächtigste Land der Welt foltert und dies rechtfertigt, unterminiert es das System der Menschenrechte nachhaltiger, als wenn ein sudanesischer Diktator foltert. Guantánamo wird einem immer um die Ohren gehauen, wenn man sich irgendwo auf der Welt für Menschenrechte einsetzt.

Wer ist heute der übelste Diktator? Kim Jong-un in Nordkorea.

Wie wollte man ihn belangen? Diese Woche trat in Genf die Nordkorea-Kommission des ICC vor die Presse. Sie empfiehlt Ermittlungen gegen Nordkoreas Führung. Ob das geschieht, ist eine andere Frage. China wird Nordkorea schützen. Aber immerhin sind die Verbrechen dort nach Hearings und Zeugenbefragungen gut dokumentiert.

Was fühlen Sie, wenn ein Diktator stirbt, ohne belangt worden zu sein? Dann gibt es bei mir im Büro eine kleine Zeremonie: Wir entfernen das Foto der Person feierlich von der Karte.

Gewiss sind Sie dann frustriert? Es war natürlich frustrierend, dass Idi Amin bis zu seinem Tod unbehelligt in Saudiarabien lebte. Anderseits gibt es Fälle wie jenem Pinochets. Er wurde am Ende als schwer krank eingestuft und konnte nach Chile zurückkehren. Aber als er starb, war ihm die Justiz entscheidend nähergekommen, er hatte anderthalb Jahre im Gefängnis verbracht. Seine Immunität war weg, in Chile stand er die meiste Zeit unter Hausarrest.

Trafen Sie Diktatoren persönlich? Ich reise öfter zu den Gipfeln der Afrikanischen Union.

Gibt es das Böse? Die Presse hat mich Diktatorenjäger getauft. Der Name ist eine Karikatur. Er ist albern, aber auch plakativ und hilfreich. Mein Sohn ist froh um das Etikett, weil er in der Schule damit auf einfache Art erklären kann, was sein Vater tut. Eigentlich bin ich eher Opferhelfer. Bloss klingt das nicht so aufregend. Ich verbringe meine Zeit vor allem mit Opfern, sammle ihre Aussagen, stehe ihnen bei.

Wer hat Sie besonders beeindruckt? Als mein Freund Souleymane Guengueng aus Tschad im Gefängnis sass, legte er vor Gott einen Eid ab: Er werde, wenn er freikomme, für Gerechtigkeit kämpfen. Das hielt ihn am Leben. Heute lebt er in New York, meine Familie ist mit seiner befreundet, mein 14-jähriger Sohn hat ihn soeben für ein Schulprojekt besucht. Souleymanes Arbeit beim Dokumentieren der Verbrechen von Hissène Habré wird im Prozess wichtig sein.

Ohne Opfer kein Kampf gegen die Täter? Im Fall Pinochet gab es in meinem Team einen chilenischen Rechtsanwalt. In der Diktatur hatte er den Rechtsdienst der katholischen Kirche Chiles geleitet. Er machte damals über 1000 Eingaben, um an Inhaftierte heranzukommen. In keinem einzigen Fall hatte er Erfolg. Aber dank ihm gab es später das Beweismaterial gegen Pinochet: Dokumente, Akten. Später untersuchte er für die UNO die Menschenrechtssituation in Zaire, heute die Demokratische Republik Kongo. Er klagte, dass er als führender Zaire-Experte weltweit nicht wisse, ob zwei Millionen Menschen getötet wurden oder vier. Sie seien einfach verschwunden, es gebe keine Namen. Diktator Mobutu Sese Seko konnte nicht belangt werden, weil es keine Aufzeichnungen gab. Ohne Zivilgesellschaft, ohne Aktivisten, ohne Dokumente gibt es keine Gerechtigkeit.

Was ist Ihr grösster Erfolg? 1985, in der Amtszeit Ronald Reagans, veröffentlichte ich einen Report über die von den USA finanzierten Contras in Nicaragua, die gegen die linken Sandinisten kämpften. Die Unterstützung der Contras wurde temporär eingestellt.

Wurden Sie damals nicht bedroht? Nein. Aber es wurde behauptet, ich würde von den Sandinisten bezahlt. Als ich in jener Zeit gefragt wurde, ob ich keine Angst habe, nach Amerika zurückzukehren, sagte ich: «Nein, die tun mir nichts. Die USA prüfen höchstens meine Steuerunterlagen brutal genau!»

Was ist Ihr grösster Misserfolg? Es gibt viele. In den Neunzigerjahren untersuchte ich in Haiti Regierungsverbrechen und erreichte letztlich nichts.

Ihr verstorbener Vater, ein ungarischer Jude, litt unter den Nazis, überstand die Kriegsjahre in einem Arbeitslager nur knapp. Was hielt er von Ihrer Arbeit? Nachdem ich sie einige Jahre gemacht hatte, war er sehr stolz auf mich. Als ich begann, war das anders. Sehen Sie, mein Vater kam nach dem Krieg nach Amerika, er hatte Schreckliches durchgemacht und war nun in Sicherheit. Und sein Sohn gab diese Sicherheit freiwillig preis, als er 1984 nach Nicaragua ging, um die Contrasache zu untersuchen. Mein Vater hatte Angst, dass ich umgebracht würde. Er hatte Angst, dass ich am Ende ohne Job dastünde. Und er hatte Angst, dass ich Kommunist würde. Nichts von alledem ist passiert.

Tages-Anzeiger

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